Über die Woche, die zeitweise in einem Zeitloch verschwand, schreibt Johannes M. Fischer in der EZ-Wochenkolumne „Rückblick“.

EsslingenBis zum Donnerstag der vergangenen Woche war alles noch halbwegs normal. Aber schon am vorweihnachtlichen Freitag vor acht Tagen war ein erster deutlicher Bruch vernehmbar: vom quirligen, zuweilen auch lauten Esslingen zu einem nahezu lautlosen Esslingen. Nach der Aufwärmphase im Advent begann es nun – wenn auch wieder mal ganz ohne Schnee – intensiv zu weihnachten.

Nach den vielen Gipfeln des bewegten Geschehens der vergangenen Monaten nun also die Stille der weiten Ebene. Aber noch einmal bäumte sich die Lärmwelt gegen die verwinterte Ruhe auf. Am vergangenen Samstag schwärmten alle – es müssen wirklich alle gewesen sein und noch ein paar mehr – aus und ließen sich ein letztes Mal von der menschlichen Nähe der Weihnachtsmärkte beeindrücken. Und noch einmal liefen auch die Läden heiß, um die letzten Geschenke frei zu geben. Die Einkaufswagen waren so voll, dass man sich fragen musste, ob die Kirchenoberen die Dauer des Festes von zweieinhalb auf zwanzig erhöht haben könnten. Das würde die Monsterhamsterkäufe erklären.

Zu Beginn der Woche, am Montag, wurde es wieder ruhig auf den Straßen. Gerade in den Randgebieten überkam einen das Gefühl, durch eine unbespielte Theaterkulisse zu fahren. Auf den Neuen Neckarwiesen zum Beispiel, wo sonst von morgens bis abends Lastkraftwagen und Transporter durch die Straßen fahren und wenden, drehte sich fast gar nichts mehr. Alle Räder standen stumm am Straßenrand. Kein Blech bewegte sich, kein Mensch, nicht einmal ein Hund schlurfte über den Asphalt. Solche Zeitlöcher sind selten und weitgehend unerforscht. Sie tun sich nur wenige Mal im Jahr auf. Es ist eine fast schon aufdringliche Stille, die aber nur dann in aller Deutlichkeit vernehmbar ist, wenn man selber für Momente das Autoradio abstellt und sich vorstellt, ein Heuballen zu sein, der durch die leeren Straßen fegt.

Doch wer dachte, damit hätte Weihnachten gesiegt und der Heilige Abend könne in aller Ehrfurcht übernehmen, sollte sich täuschen. Zumindest in der Esslinger Innenstadt, wo am Dienstag – ganz und gar unheilig – der Heilige Vormittag gefeiert wurde. Die Ertrinker – äh, Erfinder – des kollektiven Trinkens müssen sich etwas dabei gedacht haben, ausgerechnet an diesem Tag aufzutanken. Oh, du Fröhliche!

Ab Dienstagabend kam dann das Zeitloch zurück und es war Ruhe auf den Straßen und Plätzen. Die Woche versank im Wohnzimmer. Aber es geht weiter. Versprochen! Allein diese Zeitungsausgabe beweist es. Der nächste öffentliche Rumms kommt garantiert. In drei Tagen. Prost!

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