Der Bebenhäuser Pfleghof (links) an der Heugasse ist vielen Esslingern ans Herz gewachsen – die Bibliothek der Zukunft müsste um das Nachbarhaus Heugasse 11 erweitert werden. Quelle: Unbekannt

Am Mittwoch beginnen die abschließenden Beratungen über den künftigen Standort der Esslinger Stadtbücherei – Mitte Juni soll die Entscheidung fallen.

EsslingenEs gibt nicht viele Themen, die die Esslinger so intensiv beschäftigen wie die Zukunft ihrer Bibliothek. Die hat seit Ende der 80er-Jahre ihren Platz im Bebenhäuser Pfleghof, doch das historische Gebäude ist längst an den Grenzen seiner Kapazität angelangt. Jahrelang hat man im Rathaus guten Willen bekundet – der entscheidende Schritt zur Bücherei der Zukunft ließ bislang auf sich warten. Nun möchte die Stadt ernst machen und bis zur Sommerpause entscheiden, wo die Bibliothek der Zukunft stehen soll. Zwei Varianten sind im Rennen: Eine Erweiterung und Modernisierung des Pfleghofs und ein Neubau zwischen Kiesstraße und Kupfergasse. Vergangene Woche wurden im Rathaus die Ergebnisse einer Standort-Untersuchung vorgestellt, die alle Aspekte einer zukunftsfähigen Bücherei berücksichtigen soll. Nun ist der Gemeinderat am Zug, sich ein Urteil über die Empfehlung der Verwaltung für einen Neubau an der Küferstraße zu bilden. Wenn am Mittwochnachmittag der Verwaltungsausschuss, der Ausschuss für Technik und Umwelt und der Kulturausschuss des Gemeinderates tagen, ist die Öffentlichkeit wie so oft bei den bisherigen Beratungen über die Bücherei außen vor. Dabei geht es nicht nur um den Standort, sondern auch um das künftige Konzept.

Viel Lesestoff für die Stadträte

Ehe sie entscheiden können, haben die Stadträtinnen und -räte einiges Material durchzuarbeiten. Neben der 18 Seiten langen Vorlage, die den Grundsatzbeschluss für einen Neubau zwischen Küferstraße und Kupfergasse vorsieht, wurden unter anderem eine 18-seitige Wirtschaftlichkeitsberechnung für beide Standorte vorgelegt, ein 28 Seiten starker Entwurf für eine Konzeption nebst Raumprogramm, und dazu grobe Pläne, welche Flächen im Pfleghof und am neuen Standort realisierbar wären. Als Baukosten hat die Verwaltung für eine Erweiterung und Modernisierung des Bebenhäuser Pfleghofs 18,4 Millionen Euro kalkuliert, für einen Neubau geht man von 17,7 Millionen Euro aus. Außerdem werden die Kosten, die 2013 in einer Machbarkeitsstudie für Erweiterung und Modernisierung des Bebenhäuser Pfleghofs kalkuliert wurden (10,2 Millionen Euro), den in der aktuellen Standortbewertung veranschlagten Kosten von 18,4 Millionen gegenübergestellt. Als Gründe für den höheren Ansatz führt die Verwaltung Baukostensteigerungen, eine „geringere Planungstiefe“, einen veränderten Entwurf und ein damals geringer vorgesehenes Bauvolumen an. So war 2013 keine Unterkellerung der ehemaligen Nanz-Halle an der Webergasse vorgesehen – das findet sich in den neuen Plänen.

Trotz deutlich größerem Bauvolumen sind die erzielbaren Flächen – damals rund 3600 Quadratmeter und im neuen Entwurf maximal 3791 Quadratmeter – nur unwesentlich größer geworden, was OB Jürgen Zieger bei der Vorstellung der Standortuntersuchung mit veränderten DIN-Normen erklärt hat. Wobei die Stadt für den bisherigen Standort deutliche Risiken formuliert, die dazu führen könnten, dass im Pfleghof lediglich 3223 Quadratmeter zur Verfügung stehen würden. So könnte laut Verwaltung der Denkmalschutz vor allem im Nachbarhaus Heugasse 11, das in die neue Bibliothek einbezogen werden würde, größere Eingriffe in die Bausubstanz verhindern, während eine Unterkellerung der Nanz-Halle durch mögliche archäologische Funde schwierig werden könne. Außerdem müsse die Bücherei während der Bauzeit in ein Interimsquartier umziehen, das man jedoch nicht in Aussicht habe.

Zwischen Küferstraße und Kupfergasse glaubt die Verwaltung dagegen, mindestens 3696 Quadratmeter garantieren zu können, im besten Fall sogar 4025 Quadratmeter. Dafür müsste das Haus Kupfergasse 6 abgebrochen werden, das als „erhaltenswertes Gebäude“ eingestuft wird. Weitgehend ausgespart wird in der Standortuntersuchung die Frage, was aus dem Pfleghof werden soll, wenn die Bücherei ausziehen würde. In den Antworten auf die Fragen der Ratsfraktionen findet sich in der Sitzungsvorlage zu diesem Punkt der lapidare Hinweis: „Offen“. Wie die Ratsmitglieder damit umgehen werden, bleibt abzuwarten, schließlich haben die vergangenen Monate gezeigt, dass die Zukunft des Pfleghofs für viele Bürger von zentraler Bedeutung ist. Damit ein Pfleghof in städtischer Hand bleiben und etwa zum Stadtmuseum umgebaut werden könnte, wären weitere Millionen nötig.

Die Frage nach den erforderlichen und erzielbaren Flächen an beiden Standorten dürfte in den anstehenden Diskussionen eine zentrale Rolle spielen. Die Stadtverwaltung hat in ihrem Konzept den Begriff der Bibliothek als „drittem Ort“ in den Mittelpunkt gestellt – neben Wohnung und Arbeitsplatz soll die Bücherei ein öffentlicher Ort der Kommunikation, Aktion und Begegnung sein. Der Gedanke der Teilhabe soll forciert werden, wofür auch entsprechende Flächen gefordert werden. Mit weniger als 3600 Quadratmetern sei das nicht realisierbar. Dass zu einer Bibliothek, die die Nutzer schon bisher trotz sehr beengter Bedingungen als Identifikationsort empfinden, auch das passende Flair gehört und dass ein Neubau dafür nicht automatisch bürgt, konnten einige Ratsmitglieder kürzlich beim Besuch der neuen Heidenheimer Bücherei feststellen.

Der Fahrplan bis zur Entscheidung

Mit der heutigen Beratung der gemeinderätlichen Ausschüsse ist die heiße Phase eröffnet. Die Stadtverwaltung plant am 11. Juni eine weitere nicht-öffentliche Beratung im Verwaltungsausschuss, ehe der Gemeinderat am 18. Juni in öffentlicher Sitzung festlegt, wo die Bibliothek der Zukunft entstehen wird. In einer öffentlichen Informationsveranstaltung am 16. Mai (19 Uhr in der Schickhardthalle des Alten Rathauses) werden Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht und Kulturbürgermeister Markus Raab die Ergebnisse der Standort-Untersuchungen vorstellen. Die SPD, die bereits im vergangenen Herbst zu einer eigenen Veranstaltung eingeladen hatte, plant Anfang Juni rechtzeitig vor der Entscheidung im Gemeinderat eine weitere Anhörung, deren Ergebnis in das Abstimmungsverhalten der Sozialdemokraten einfließen soll. Die Freien Wähler wollen am 19. April mit den Bürgern über Perspektiven für die Bücherei der Zukunft diskutieren. Dabei soll es weniger um den künftigen Standort als um die Konzeption der Esslinger Bibliothek gehen. Nach einem Vortrag von Kirsten Wieczorek, der Leiterin der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen, soll Professorin Sylvia Greiffenhagen, die Vorsitzende des Fördervereins der Esslinger Stadtbücherei und eine ausgewiesene Expertin für Bibliotheken, mit Kulturamtsleiter Benedikt Stegmayer auf dem Podium diskutieren.

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