Stephan Köthe hat zum Gespräch in sein Wohnzimmer gebeten. Für den Bundestagskandidaten ist das AfD-Parteiprogramm zentral in seinem Wahlkampf: Es stehe für Freiheit und Vernunft, betont er. Foto: Bulgrin Quelle: Unbekannt

Von Melanie Braun

Für das Treffen mit der Zeitung hat Stephan Köthe zu sich nach Hause eingeladen. Es gibt Kaffee und Kuchen, Köthes Frau sitzt mit auf dem Sofa im Wohnzimmer. Außerdem sind eine Studentin aus der Ost-Ukraine, die seit zweieinhalb Jahren bei der Familie Köthe lebt, und ein syrischer Freund dabei. In diesem Rahmen will der 51-Jährige, der bei der Bundestagswahl für die Alternative für Deutschland (AfD) im Wahlkreis Esslingen kandidiert, seine politischen Überzeugungen präsentieren.

Die meisten Kandidaten der anderen Parteien haben für die Stippvisite der EZ zu einem Wahlkampftermin eingeladen. Doch Stephan Köthe führt keinen Wahlkampf im klassischen Sinne. Das sei schier nicht möglich als AfD-Kandidat, sagt er. Wenn er einen Raum für eine Veranstaltung mieten wolle, bekomme er ständig Absagen. Zudem trauten sich viele Leute nicht, zu einer AfD-Veranstaltung zu gehen. Er selbst könne noch nicht einmal mehr sein Ehrenamt ausüben, aus Angst, dass die Einrichtung, für die er lange tätig gewesen sei, Schaden nehme, klagt Köthe.

Kandidat sieht keinen Rechtsruck

Den Grund dafür sieht er vor allem in der Berichterstattung der Medien. Diese hätten von Anfang an für massiven Gegenwind der AfD gegenüber gesorgt und unterstellten seiner Partei ständig einen Rechtsruck: „Aber das ist nicht gegeben“, sagt Köthe. Vielmehr befinde sich die AfD außerhalb des Links-Rechts-Spektrums: „Wir sind die Vernunft“, betont er. Der Kern des Parteiprogramms sei die Freiheit und nicht etwa rechtes Gedankengut, wie oft von den Medien kolportiert werde. Stephan Köthes Misstrauen gegenüber der Presse geht so weit, dass das EZ-Gespräch im Wohnzimmer von seiner Frau akribisch protokolliert wird.

Der 51-jährige Informatiker selbst war von Anfang an begeistert vom Programm der AfD. Als die Partei im Jahr 2013 gegründet wurde, habe er gedacht: „Das ist der demokratische Aufbruch, der nötig ist“, erzählt er. Dabei sei er selbst lange Zeit unpolitisch gewesen. Das habe sich erst mit den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001 geändert: „Da gab es einen Wechsel in der großpolitischen Lage“, erklärt Köthe.

Aus seiner Sicht sind anschließend sämtliche Dämme gebrochen im Hinblick auf den Zugriff des Staates auf den Bürger. „Als Informatiker habe ich gespürt, was für Eingriffe da laufen.“ Er sei ein freiheitlich orientierter Mensch, der nicht seine Privatsphäre opfern wolle. Die Piratenpartei habe das Problem früh erkannt, deshalb sei er 2009 Mitglied geworden. Doch weil die Piraten letztlich politisch nie über das IT-Thema hinausgekommen seien, sei er 2013 wieder ausgetreten.

Dann wurde die AfD gegründet - eine Partei, die aus Köthes Sicht Potenzial hatte. Im Oktober 2013 trat er ein. Inzwischen ist der gebürtige Esslinger im Landesvorstand der AfD und will sich, falls er gewählt wird, auch im Bundestag einbringen. Dabei geht es ihm nach eigener Aussage vor allem um die Belebung der Demokratie, um die Steuerung der Migration, um die Gestaltung einer funktionsfähigen EU und ein Leben in Freiheit in Sicherheit.

Konkret will Stephan Köthe unter anderem die Politikverdrossenheit bekämpfen, etwa durch die Neuregelung und Reduzierung der staatlichen Parteienfinanzierung, durch die Einführung von Volksentscheiden nach Schweizer Vorbild, die Begrenzung von Lobbyismus oder die „tatsächliche Teilung der Staatsgewalt“, wie er sagt. So sei es aus seiner Sicht mit der Gewaltenteilung nicht vereinbar, dass Minister als Abgeordnete im Parlament sitzen oder Richter durch die Regierung berufen werden.

Um die Migration zu steuern, plädiert Köthe unter anderem für die Sicherung der Außengrenzen von EU und Deutschland sowie für Flüchtlingshilfe in Ländern in der Nähe von Krisengebieten. Er will sich für die Begrenzung des EU-Bürokratismus einsetzen und für eine Reform des Euro - ebenso wie für eine Stärkung von Polizei und Justiz sowie für „die Anwendung bestehenden Rechts statt staatlicher Überwachung“.

AfD als Protestpartei

Doch wie geht Stephan Köthe, der nach eigener Aussage freiheitlich orientiert ist und viele ausländische Freunde hat, der offenbar einer syrischen Flüchtlingsfamilie zwei Monate Unterschlupf geboten hat und dessen Frau Halb-Perserin ist, damit um, dass sich immer wieder AfD-Mitglieder - auch in gehobenen Positionen - fremdenfeindlich äußern oder gar rechtsextreme Positionen einnehmen? „Es sind leider auch Politik-Clowns unterwegs“, sagt Köthe. Zudem sei die AfD jung und fungiere als Protestpartei: „Das zieht natürlich alle möglichen Leute an, die denken, sie könnten die Partei benutzen.“

Für ihn aber stehe das Parteiprogramm im Zentrum: „Dafür stehe ich und nicht für einzelne Protagonisten“, betont der 51-jährige Bundestagskandidat. Wie seine Chancen stehen, könne er nicht einschätzen - schließlich kandidiere er zum ersten Mal. „Aber ich halte einen Erfolg nicht für ausgeschlossen“, sagt Stephan Köthe.

Im Rahmen der Serie Stippvisite begleitet die Redaktion die Kandidatinnen und Kandidaten von CDU, SPD, Grünen, FDP, Linke und AfD während ihres Wahlkampfes, und stellt die Bewerber für die Bundestagswahl am 24. September vor.

informatiker aus esslingen

Werdegang: Stephan Köthe ist im Februar 1966 in Esslingen geboren und auch hier aufgewachsen. Nach seinem Abitur am Theodor-Heuss-Gymnasiums in Esslingen ließ er sich an der Akademie für Datenverarbeitung in Böblingen zum staatlich geprüften Informatiker ausbilden. Anschließend arbeitete er als Software Architekt und Unternehmensberater für IT-Projekte. Seit 2006 ist er in der Softwareentwicklung bei Bosch tätig. Der 51-Jährige ist seit 1998 verheiratet und hat vier Kinder. Er wohnt mit seiner Familie in Esslingen.

Politisches Engagement: Politisch engagiert hat sich Stephan Köthe von 2009 bis 2013 in der Piratenpartei. Kurz nachdem er dort ausgetreten war, wurde er im Oktober 2013 Mitglied in der damals neu gegründeten AfD. Inzwischen ist der Informatiker Mitglied im Landesvorstand der Partei.

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