Kirsten Wieczorek rät zur weitsichtigen Bibliotheksplanung. Foto: oh Quelle: Unbekannt

Die Esslinger Stadtbücherei soll fit gemacht werden für die Zukunft - wo die Bibliothek künftig stehen wird, ist noch offen. Neben einer Modernisierung und Erweiterung des bisherigen Standorts im Bebenhäuser Pfleghof ist ein Neubau im Bereich der Küferstraße 13/1 im Gespräch. Noch vor der Sommerpause will der Gemeinderat entscheiden. Viele Kommunen konsultieren in solchen Fragen die Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen beim Regierungspräsidium Stuttgart. Deren Leiterin Kirsten Wieczorek erklärt im EZ-Interview, welche Rolle Bibliotheken in Zukunft spielen, wie wichtig eine Atmosphäre ist, die Identifikation schafft, und was bei der Planung neuer Büchereien zu beachten ist.

Wir erleben einen rasanten medialen Wandel. Nimmt die Bedeutung der Bibliotheken eher zu oder ab?

Wieczorek: Manche meinen, Büche­reien könnten an Bedeutung verlieren, weil wir immer mehr Informationen aus immer unterschiedlicheren Quellen beziehen. Mein Eindruck ist, dass Bibliotheken an Bedeutung gewinnen. Die Flut an Informationen macht es immer schwieriger, wichtige von weniger wichtigen und verlässliche von weniger verlässlichen Informationen zu unterscheiden. Das geschulte Personal der Bibliotheken ist ein Garant dafür, dass ich mich im Informationsdschungel nicht verliere.

Was raten Sie einer Stadt, die ihre Bücherei auf den neuesten Stand bringen möchte?

Wieczorek: Eine neue Bibliothek muss zukunftsorientiert ausgerichtet sein. Wir wissen nicht, was uns in den nächsten zehn Jahren abverlangt wird. Deshalb ist Flexibilität ein großes Thema. Das gilt für die Räume genau wie für die personelle und technische Ausstattung. Die Herausforderungen der Zukunft lassen sich nur meistern, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Was heißt das für den Raumbedarf?

Wieczorek: Sie brauchen Räume, die ihnen die Freiheit bieten, Neues zu gestalten. Deshalb darf eine neue Bibliothek niemals so knapp geplant werden, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung schon an ihre Grenzen stößt. Wir können nur raten, eine Bücherei nach den empfohlenen Richtwerten zu planen. Wer eine Bücherei kleiner plant, hat auf jeden Fall zu klein geplant. Dann kann man auf neue Entwicklungen nicht mehr reagieren.

Die Richtwerte für die Größe einer Bücherei sprechen für Esslingen eine klare Sprache. Geht man vom aktuellen Bestand von 150 000 Medieneinheiten aus, wären 4500 Quadratmeter Grundfläche nötig. Geht man von 90 000 Einwohnern aus, sind es sogar rund 5000 Quadratmeter. Manche meinen, das sei reines Wunschdenken …

Wieczorek: Diese Zahlen sind keineswegs aus der Luft gegriffen. Sie beziehen sich auf die Medienausstattung und die Angebote, die das Publikum von der Bücherei einer Stadt wie Esslingen heute erwartet. Es ist kein Zufall, dass viele Städte diesen Empfehlungen folgen, weil sie wissen, dass die Zahlen fachlich untermauert sind. Bei größeren Bibliotheken kann sich die Fläche etwas reduzieren, weil Publikums- und Nebenflächen mehrfach genutzt werden. Aber die Größenordnung muss stimmen. Natürlich kann man viele Medien irgendwie auf engem Raum unterbringen. Aber dann haben Sie eine Bibliothek, die keine Aufenthaltsqualität bietet und wie ein Archiv wirkt.

Könnte man nicht einfach das Medienangebot reduzieren?

Wieczorek: Das könnte man tun, allerdings wäre das nicht sehr klug, weil man dann ganze Zielgruppen ausschließen müsste. Nur hier und da ein bisschen knapsen geht nicht. Gerade für Schüler werden Bibliotheken immer wichtiger, und auch in der Weiterbildung - Stichwort „lebenslanges Lernen“ - werden Büchereien mit immer differenzierteren Anforderungen konfrontiert. Darauf müssen sie reagieren.

Ist ein Büchereibesuch in Zeiten von Wikipedia & Co. überhaupt noch attraktiv?

Wieczorek: Es gibt gute Argumente, die dafür sprechen. Schauen Sie nur nach Stuttgart: Als dort die neue Bibliothek eröffnet wurde und drumherum nur Brachland war, sind viele Jugendliche trotzdem dorthin gepilgert, obwohl sie weite Wege auf sich nehmen mussten. Das sind die Jugendlichen, von denen man gern sagt, sie seien nur noch digital unterwegs. Natürlich nutzen sie digitale Medien. Aber sie nutzen selbstverständlich auch Bücher und Zeitschriften. Das tun sie nicht nur, weil die Schule das von ihnen will. Man darf den Menschen nicht unterstellen, dass sie freiwillig darauf verzichten, sich zu informieren. Deshalb ist es wichtig, dass Bibliotheken neue Medien integrieren. Und es geht nicht nur darum, diese Medien vorzuhalten. Ebenso wichtig ist es, den Leuten zu vermitteln, was sie aus dem jeweiligen Medium sinnvoll für sich herausziehen können. Das bietet nur die Bücherei.

E-Books brauchen weniger Platz. Müssen wir deshalb für eine neue Bücherei weniger Platz einplanen?

Wieczorek: Das wäre ein Fehler. Keiner kann sagen, wie sich der Anteil der digitalen Medien entwickeln wird. Vielleicht gibt es in fünf Jahren neue Medienformen, die wir heute noch gar nicht kennen. Das kann bedeuten, dass plötzlich ganz neue Räume benötigt werden. Der neueste Trend ist, in Bibliotheken selbst etwas zu machen. Man kann zum Beispiel Programme entwickeln und gleich erproben oder Dinge, die man am PC geschaffen hat, am 3D-Drucker herstellen. All das muss in der Bibliothek der Zukunft möglich sein, und dafür brauche ich die entsprechende Ausstattung. Durch die parallele Nutzung unterschiedlicher Medien braucht man mindestens ebenso viel Platz wie bisher. Eher sogar noch mehr, weil die Interessen immer differenzierter werden.

Ein Blick auf die letzten 20 Jahre vermittelt eine Vorstellung vom rasanten Wandel, der sich in Bibliotheken vollzogen hat …

Wieczorek: Bibliotheken müssen auf ein verändertes Mediennutzungsverhalten reagieren, seit es sie gibt. Das tun sie auch. Wenn die Schulen neue Bildungspläne bekommen, müssen die Büchereien ihre Angebote für die Schulen anpassen. Das machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neben ihrer ganz normalen Arbeit. Die Kunden erwarten ganz selbstverständlich, dass das Personal und die technische Ausstattung immer auf der Höhe der Zeit sind. Dafür brauchen sie die entsprechenden Ressourcen. Die Bücherei ist immer auch eine Visitenkarte der Kommune.

Bibliotheken sind keine kommunale Pflichtaufgabe. Weshalb sollten Kommunen trotzdem dafür sorgen, dass sie auf der Höhe der aktuellen Anforderungen bleiben?

Wieczorek: Weil jede Stadt oder Gemeinde den Anspruch haben sollte, ihre Bürger umfassend und neutral zu informieren. Darüber hinaus sind Bibliotheken ein idealer Ort, wo sich Menschen jeden Alters ohne Konsumzwang aufhalten und begegnen können und wo sie die Möglichkeit finden, sich über gesellschaftliche Themen jedweder Art auszutauschen. Einen Ort, der so viele wichtige Aufgaben übernimmt, gibt es sonst nirgends.

Städte wie Stuttgart haben massiv in ihre Bibliotheken investiert und dabei architektonische Akzente gesetzt. Wie wichtig ist das Ambiente?

Wieczorek: Das ist ein ganz wichtiger psychologischer Faktor. Stuttgart und Ulm finden durch ihre Architektur weit über die Region hinaus große Aufmerksamkeit. Die Gestaltung einer Bibliothek wirkt nach außen wie nach innen. Nach außen kann ich die Bedeutung dieser Einrichtung signalisieren, fast noch wichtiger ist jedoch die Wirkung nach innen. Räume machen ganz viel mit Menschen. Deshalb muss eine Bibliothek so gestaltet sein, dass sich die Menschen dort wohlfühlen und dass sie die Bücherei als ihre empfinden. Wichtig ist, dass eine Bibliothek unterschiedliche Bereiche bietet, weil die Menschen, die sie nutzen, unterschiedliche Erwartungen mitbringen. Manche mögen es großzügig, andere eher kleinräumig und kuschelig, manche mögen eine belebte Bücherei, andere wünschen sich eine ruhige und wieder andere eine kreative und manchmal auch überraschende Arbeitsatmosphäre. Je besser es gelingt, dass sich alle zuhause fühlen, desto erfolgreicher kann eine Bibliothek arbeiten.

Esslingen hat im bundesweiten Büchereien-Vergleich BIX immer Spitzenplätze eingefahren, obwohl die Stadt zuletzt kaum in das Gebäude investiert hat. Sind attraktive Räume gar nicht so wichtig?

Wieczorek: Eine hohe Kundenzufriedenheit trotz schwieriger Rahmenbedingungen - das ist für eine Bücherei keineswegs selbstverständlich und spricht für die gute Arbeit der Leitung und des Personals in Esslingen. Man sollte sich jedoch hüten vor der Annahme, dass das immer so weitergeht. Eine Bücherei muss zeitgemäß bleiben, wenn sie erfolgreich sein will.

Esslingen steht vor der Entscheidung, ob man den bisherigen Standort, einen mittelalterlichen Pfleghof, erweitern und modernisieren oder an einem anderen Standort neu bauen soll. Was raten Sie?

Wieczorek: Das ist schwierig, wenn man die Situation vor Ort nicht ganz genau kennt. Grundsätzlich bietet ein Neubau den Vorteil, dass man so bauen kann, wie man das aus funktionellen Erwägungen braucht. Das ist jedoch nur ein Vorteil, wenn man keine größeren Kompromisse macht. Eine hohe Kundenzufriedenheit deutet auf starke Identifikation der Kunden mit dem bisherigen Standort hin. Auch das kann ein Argument sein.

Interview: Alexander Maier

Die Fachstelle und ihre Leiterin

Kirsten Wieczorek ist Diplom-Bibliothekarin und Leiterin der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen in Stuttgart. Die Fachstelle ist eine Planungs-, Förder- und Beratungseinrichtung. Sie setzt die bibliothekspolitischen Ziele des Landes um, berät Landesbehörden und andere staatliche Stellen. Sie ist Ansprechpartner für Bibliotheksträger, öffentliche Bibliotheken und Interessierte in Fachfragen und in Fragen der Literaturvermittlung und Leseförderung. Ihr gesetzlich definierter Auftrag ist der Auf- und Ausbau eines Systems fachgerecht ausgestatteter und miteinander kooperierender öffentlicher Bibliotheken. Viele Kommunen schätzen den Rat der Fachstelle auch bei der Planung von Neu- und Umbauten sowie der Inneneinrichtung von Bibliotheken.

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