Eberhard Röhm (links) und Jörg Thierfelder erforschen schon lange die Geschichte der evangelischen Kirche während der Nazizeit. Morgen sind die beiden Religionspädagogen in Esslingen zu Gast. Foto: Bulgrin Quelle: Unbekannt

Von Dagmar Weinberg

Schon als Schüler war der 1915 in Frankfurt geborene Fritz Majer-Leonhard in einen Bibelkreis der Evangelischen Jugendbewegung eingetreten. Sein Wunsch, Pfarrer zu werden, sollte für den evangelisch getauften Jungen aber erst 1947 in Stuttgart-Feuerbach wahr werden. Da seine Mutter Jüdin war, galt er nach der perfiden Definition der Nationalsozialisten als „Mischling ersten Grades“ und hatte somit keine Chance, während der Nazizeit in den Pfarrdienst übernommen zu werden. Denn die evangelische Kirche bot Theologen jüdischer Herkunft nur wenig Schutz, so das Fazit von Eberhard Röhm und Jörg Thierfelder. Die beiden Religionspädagogen haben gemeinsam mit Hartmut Ludwig ein Gedenkbuch herausgegeben, in dem sie dem Schicksal von Theologinnen und Theologen nachspüren, die, obwohl getaufte Christen, wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis verfolgt wurden. Morgen stellen sie das Buch bei der Feierstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor (siehe Anhang).

Kirchengeschichte in der Nazizeit

Die beiden engagierten Theologen beschäftigen sich schon lange mit dem Verhältnis der Evangelischen Kirche zu den Nationalsozialisten. „Wir sind beide im Krieg aufgewachsen“, erzählt Eberhard Röhm. „So hat uns die durch die 68er-Bewegung angestoßene Auseinandersetzung mit der Generation unserer Eltern geprägt.“ Bereits 1980 haben die beiden in der Ausstellung „Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ die Kirchengeschichte in der Nazizeit aufgearbeitet. Neben zahlreichen Religionsschulbüchern stammt auch das siebenbändige Standardwerk „Juden - Christen - Deutsche“ aus ihrer Feder. „Bisher waren aber die von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgten Theologen immer vergessen worden, obwohl die Ausgrenzung auch für sie existenzbedrohend war“, schildert Jörg Thierfelder die Motivation, sich des Themas anzunehmen.

Mit dem im April 1933 von den Nationalsozialisten erlassenen „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ begann der planmäßige Ausschluss von Juden aus der Gesellschaft. Dem Wortlaut nach war der „Arierparagraf“ zwar auf die staatlichen Einrichtungen beschränkt. Das ging den Deutschen Christen (eine rassistische und antisemitische Strömung im deutschen Protestantismus) aber nicht weit genug. „Einige wollten sogar alle Christen jüdischer Herkunft und nicht nur die Theologen aus der Kirche aussondern“, erläutert Eberhard Röhm. Die Anhänger der Bekennenden Kirche waren hingegen der Meinung, „dass die Kirche mit den Juden solidarisch sein müsste und auf Verbindungen zum Staat verzichten sollte.“ Der Streit führte schließlich zur Spaltung der Deutschen Evangelischen Kirche, und die Deutschen Christen gewannen in vielen Landeskirchen die Oberhand - allerdings nicht in Württemberg. Zwar gab es auch hier, wie Jörg Thierfelder weiß, Gemeindemitglieder, „die es nicht dulden wollten, dass ein Pfarrer jüdischer Herkunft in ihrer Kirche auf der Kanzel stand“. Und im Oktober 1934 wurde Landesbischof Theophil Wurm unter Hausarrest gestellt. „Aber nach sechs Wochen war der Spuk vorbei und Württemberg blieb eine sogenannte intakte Landeskirche“, erklärt der Professor. Obwohl in der württembergischen Landeskirche keine Deutschen Christen an der Spitze saßen, waren Theologen jüdischer Herkunft aber vor Ausgrenzung und Verfolgung keineswegs sicher. „Eigentlich hätte man sie einstellen können“, sagt Eberhard Böhm.

Als Pfarrer keine Chance

Da die Pfarrer aber auch Religionsunterricht an den staatlichen Schulen geben mussten, fürchtete man den Konflikt. „Dass man es sich mit den Machthabern nicht verscherzen wollte, hängt auch damit zusammen, dass die Landeskirche bis heute für jede Pfarrstelle einen Zuschuss vom Staat bekommt.“ Bei ihren Recherchen haben die beiden Wissenschaftler herausgefunden, dass die württembergische Landeskirche nach 1942 ihre Einstellung geändert hat. So wurden insgesamt 72 verwaiste Pfarrstellen mit Theologen besetzt, die zuvor keine Chance hatten oder in den von den Deutschen Christen dominierten Landeskirchen entlassen worden waren. „Das waren nicht nur evangelische Christen jüdischer Herkunft, sondern auch politisch Verfolgte“, berichtet Jörg Thierfelder.

Fritz Majer-Leonhard, dem das Gedenkbuch gewidmet ist, musste allerdings warten, bis sich sein Traum doch noch erfüllte. Zwar war die Universität Tübingen ihm so weit entgegen gekommen, dass er 1937 das Fakultätsexamen in Evangelischer Theologie ablegen konnte. Da er als gebürtiger Hesse und „Mischling ersten Grades“ keine Chance auf eine kirchliche Anstellung in Württemberg hatte, leistete er Arbeitsdienst und Wehrdienst - wohl auch in der Hoffnung, „dadurch als Volksgenosse anerkannt zu werden“, schreibt Eberhard Röhm in dem Gedenkbuch. 1940 wurde Majer-Leonhard aufgrund des geheimen Führerbefehls aus der Wehrmacht entlassen. Durch die Vermittlung der württembergischen Kirchenleitung konnte er bei der Stuttgarter Firma Paul Lechler als kaufmännischer Angestellter arbeiten und somit seine Existenz sichern. „Der kirchlich orientierte Firmenchef stellte während der Zeit des Nationalsozialismus noch weiteren gefährdeten ,Nichtariern’ auf sehr diskrete Weise einen Arbeitsplatz zur Verfügung“, berichtet Eberhard Röhm.

Als „Mischling ersten Grades“ war Fritz Majer-Leonhard aber nicht vor dem Zugriff der Nazis sicher. 1944 musste er zum Arbeitseinsatz unter der „Organisation Todt“ und wurde bis Kriegsende in einem Arbeitslager festgehalten. 1946 wurde er zunächst als Vikar, ein Jahr später als Gemeindepfarrer in den Kirchendienst übernommen. Von 1945 bis 1994 leitete er nebenamtlich die von ihm gegründete „Hilfestelle für Rasseverfolgte“ bei der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart.

Tag des Gedenkens

Befreiung von Auschwitz: Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das größte Vernichtungslager der Nazis in Auschwitz-Birkennau sowie die beiden anderen in Auschwitz gelegenen Konzentrationslager. Der kürzlich verstorbene, ehemalige Bundespräsident Roman Herzog rief 1996 den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus aus. Im Bundestag findet seither eine Gedenkstunde statt, an öffentlichen Gebäuden wird an diesem Tag die Trauerbeflaggung gesetzt, und wie in Esslingen finden in der gesamten Region an vielen Orten Gedenkveranstaltungen statt. Im Jahr 2005 erklärten dann auch die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer der Nazi-Diktatur.

Feierstunde im Pfleghof: Der Verein Denk-Zeichen organisiert seit vielen Jahren am 27. Januar zusammen mit dem Evangelischen Bildungswerk, der Katholischen Erwachsenenbildung, der Evangelischen und Katholischen Gesamtkirchengemeinde und der Stadt Esslingen eine Feierstunde zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Feierstunde steht in diesem Jahr unter der Überschrift „Evangelisch getauft - als ,Juden’ verfolgt“. Jörg Thierfelder und Eberhard Röhm stellen Einzelbiografien evangelischer Theologen jüdischer Herkunft vor - darunter auch acht Theologen, die der württembergischen Landeskirche angehört haben. Eberhard Röhm war Dozent am Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Evangelischen Landeskirche in Stuttgart-Birkach. Jörg Thierfelder, der heute in Denkendorf lebt, lehrte bis zu seinem Ruhestand als Professor an der Pädagogischen Hochschule und der Universität Heidelberg. Bei der Gedenkveranstaltung, die am morgigen Freitag um 19 Uhr im Salemer Pfleghof in der Unteren Beutau beginnt, sprechen außerdem der Esslinger Finanzbürgermeister Ingo Rust und der Dekan des evangelischen Kirchenbezirks, Bernd Weißenborn. Schülerinnen und Schülern des Georgii-Gymnasiums berichten vom Schicksal der Philosophin und Frauenrechtlerin Edith Stein, die katholisch getauft und von den Nazis als „Jüdin“ verfolgt wurde. Das Orchester des Georgii-Gymnasiums unter der Leitung von Frieder Kögel umrahmt die Feierstunde im Salemer Pfleghof musikalisch.

Gedenkbuch: In dem von Hartmut Ludwig, Eberhard Röhm und Jörg Thierfelder herausgegebenen Gedenkbuch „Evangelisch getauft - als ,Juden’ verfolgt“ finden sich 180 Porträts evangelischer Theologinnen und Theologen, die von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft ausgegrenzt, aus dem Pfarrdienst entlassen und verfolgt wurden. Das 473 Seiten starke Buch ist im Calwer Verlag erschienen und für 29,95 Euro zu haben.

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