Ursula Hofmann und Tochter Anne (links) und Birgit Vaihinger (rechts) sind froh über die neue Toilette. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Herkömmliche Behinderten-WCs helfen Menschen mit schweren Handicaps kaum - jetzt gibt es in Esslingen zwei "Toiletten für alle".

EsslingenWollte Ursula Hofmann während eines Einkaufsbummels in Esslingen ihre behinderte Tochter Anne wickeln, musste sie bisher improvisieren. „Ich konnte zwischen dem Fußboden einer normalen Rollstuhltoilette oder dem Kofferraum meines Autos wählen. Das ist eigentlich unzumutbar und vor allem würdelos“, sagt die Vorsitzende des Vereins Rückenwind, die seit langem gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern für Toiletten kämpft, die auch von Menschen mit schweren Handicaps und ihren Begleitpersonen genutzt werden können.

Seit dem gestrigen Dienstag können Ursula Hofmann und Anne nun ganz entspannt in die Stadt gehen. In der schwarzen Box am Bahnhofsplatz sowie im Forum Esslingen – Zentrum für Bürgerengagement in der Schelztorstraße 38 finden sie eine sogenannte Toilette für alle – übrigens die beiden ersten ihrer Art im Landkreis Esslingen. Beide Toiletten, deren Einrichtung vom Land gefördert wurde, sind mit einer höhenverstellbaren Pflegeliege für Erwachsene sowie einem Personenlifter ausgestattet und somit von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen nutzbar. Da Kontinenzartikel im Liegen gewechselt werden müssen und eine Assistenz nötig ist, hilft ihnen eine der herkömmlichen Rollstuhltoiletten nämlich nicht weiter.

„Rolliklos und Babywickeltische gibt’s inzwischen ohne Ende, aber die ,Toiletten für alle’ sind leider immer noch eine Ausnahme“, sagt Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg. Sie übergab gestern an Vertreter der Stadt Esslingen Plaketten, die auf die „Toilette für alle“ hinweisen. Neben einem Rollstuhlfahrer sind auf dem Signet eine Liege mit Assistenzperson sowie das Zeichen für einen Personenlifter zu sehen, mit dem das Umsetzen vom Rollstuhl auf die Liege möglich ist. Wie der funktioniert, zeigte Jutta Pagel-Steidl gemeinsam mit Anne im Forum Esslingen. Die beiden „Toiletten für alle“ sind „ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Inklusion“, sagt die Geschäftsführerin des Landesverbandes.

Auch Birgit Vaihinger, Vorsitzende der Esslinger Amsel-Kontaktgruppe, ist froh über das neue Angebot. Den zentral gelegenen und gut einsehbaren Standort am Bahnhofsplatz hält die Sprecherin der MS-Kranken für optimal. „Egal, ob bisher nur ein Rollator nötig ist oder die Erkrankung so weit fortgeschritten ist, dass immer eine Begleitperson gebraucht wird – der angstfreie Zugang zur Toilette ist ein Mehrwert, der die Selbstständigkeit unserer Mitglieder fördert“, betonte sie.

Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, das die „Toiletten für alle“ fördert, berichtet Jutta Pagel-Steidl. „Es gibt 90 Prozent Zuschuss und das ist ja nicht nichts.“ So wurde der Umbau der Behindertentoilette am Bahnhof vom Land mit 12 000 Euro unterstützt. 5400 Euro gingen an die Baugenossenschaft Esslingen, die als Eigentümerin in der Schelztorstraße 38 für die Ausstattung sorgte. Aus Sicht der Stadtverwaltung ergänzen sich die Standorte ideal, um allen Menschen die Teilhabe zu ermöglichen. Die öffentliche „Toilette für alle“ am Bahnhofsplatz ist leicht zugänglich und jederzeit nutzbar. Und dank des Umbaus im Forum können dort nun auch Menschen mit schweren Handicaps von den vielfältigen Angeboten Gebrauch machen und an den Veranstaltungen teilnehmen.

www.toiletten-fuer-alle-bw.de

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