Quelle: Unbekannt

Von Julia Nemetschek-Renz

Jeden Samstag wandert Lothar Meckert von seiner Wohnung in St. Bernhardt in die Innenstadt. Sein Weg führt ihn immer zur Burg. Er läuft über den großen Burghof hinüber zum Seilergang und schaut auf die Dächer von Esslingen. Stolz erheben sich die Türme der Stadtkirche St. Dionys, die Fassade des alten Rathauses leuchtet rot, die spitzen Dächer der Altstadthäuser stehen eng beieinander. Esslingen ist Lothar Meckerts Heimat, seit 45 Jahren lebt der 74-Jährige mit seiner Frau hier.

Er legt seine großen kräftigen Hände auf die Holz-Balustrade im Seilergang, schaut auf die Dächer der Stadt und atmet tief ein. Hier oben kommt er zur Ruhe. Hier ist er zu Hause. Und er hat eine Fluchtgeschichte, die ihn nicht loslässt. Die Ängste, die er ausgestanden hat, kann er nicht vergessen. Lothar Meckert musste als Deutscher aus Deutschland fliehen und alles, was ihm wichtig war, zurücklassen.

Mit 21 Jahren, 1963, zwei Jahre nach dem Mauerbau, hält er es in der DDR nicht mehr aus. Er ist Zöllner am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin und erträgt die Durchsuchungsmethoden nicht mehr. Mit einem Koffer voll schmutziger Wäsche steht er unerkannt am Bahnsteig der S-Bahn Richtung Westberlin. Und dann hat der Zug zwei Minuten Verspätung. Es werden die schlimmsten zwei Minuten seines Lebens. Meckert steht auf dem Bahnsteig, die Stasi patrouilliert, alle Kollegen vom Zoll kennen ihn. Wird er erkannt, bekommt er 15 Jahre Gefängnishaft in Bautzen. Der Zug kommt, er steigt ein, versteckt sich hinter einer Zeitung. Lothar Meckert gelingt die Flucht nach Westberlin. An der Station Bellevue steigt er aus. Im Dokument des Bundesnotaufnahmeverfahrens in Gießen wird später als Fluchtgrund notiert: „Da er keinesfalls gewillt gewesen sei, die angeordneten Schikanen gegen deutsche Landsleute auszuführen, sei er immer mehr in seelische Schwierigkeiten geraten.“ Mit 17 Pfennigen in der Tasche fängt er neu an.

Kindheit von Armut geprägt

Lothar Meckert wächst in einem Dorf bei Wittenberge auf. Er ist das zweitjüngste von sechs Geschwistern und wird kurz vor Weihnachten 1941 geboren. Der Vater, ein Lokführer, verunglückt, als er zwei Jahre alt ist, die Mutter zieht die Kinder allein groß. Seine Kindheit ist geprägt von Armut und Hunger, aber auch von dem Leben in einer großen Kindergruppe, die sich Lebensmittel von den Nachbarfeldern organisiert und in Bombentrichtern spielt. Richtig satt wird er erst, als er einem Bauernsohn Nachhilfeunterricht geben kann und als Dank bei der Familie Mittag essen darf. Er ist ein guter Schüler, macht später eine Lehre in einem Volkseigenen Betrieb und wird 1960 von der Nationalen Volksarmee eingezogen sowie bald darauf Unteroffizier. Im Jahr 1961 zieht es ihn nach Berlin. Die Mauer wird gebaut. Der Staat braucht junge Männer zur Sicherung der Grenze. Das Dorfkind wird Zöllner am Bahnhof Friedrichstraße. Einmal im Monat hat Meckert Schießtraining, er trägt eine Makarow. Von seiner Schusswaffe wird er nie Gebrauch machen.

Im Tränenpalast, der durch einen oberirdischen Tunnel mit dem Bahnhof Friedrichstraße verbunden ist, läuft die Ausreise nach Westberlin. Hier werden Ost- und Westdeutsche kontrolliert, alle Koffer geöffnet und der Körper abgesucht. Widersetzt sich ein Bürger, wird er in die sogenannten KD-Räume, die Körperdurchsuchungsräume, geführt. „Wenn jemand nur ein bisschen aufgemuckt hat, musste er sich nackt ausziehen und wurde penibel untersucht. Die Menschen sollten erniedrigt und schikaniert werden“, erzählt Lothar Meckert. Vor Weihnachten 1962 bekommt er ernste Zweifel an diesen Methoden. Eine ältere Dame will 490 Ostmark mit nach Westdeutschland nehmen, das ist verboten. Lothar Meckert entscheidet, dass sie sich im Osten etwas dafür kaufen soll. „Die Frau hatte das Geld doch in der LPG verdient, das konnten wir ihr doch nicht einfach wegnehmen,“ sagt Meckert. „Mit neuer Bettwäsche kam die Frau dann wieder zum Zoll, aber die hat ihr mein Kollege einfach abgenommen, und sie hat angefangen zu weinen. Das kann doch nicht richtig sein, das muss auch ein Vorgesetzter erkennen“, dachte sich der junge Zöllner damals und ging zu seinem Chef.

Daraufhin wurde er von der Beförderungsliste gestrichen und gedrängt, in die Partei einzutreten. Ihm wird klar, dass er in der DDR keine Zukunft hat. Jeden Pfennig West, den er auf dem Boden findet, sammelt er. Er stellt für den September einen Urlaubsantrag. In dieser Zeit schneidet er sich die Haare kurz, kauft sich eine Hornbrille. „Ich habe niemandem von meinen Plänen erzählt. Ich galt ja zum Glück noch als 150-prozentiger DDR-Bürger,“ sagt Meckert. Weil er FDJ-Sekretär ist, darf er den Bahnhof auch in Zivilkleidung betreten, und das erkennt er als Chance. Am 17. September 1963 geht er nur mit einem Koffer Schmutzwäsche und 37 West-Pfennigen in der Tasche zum Bahnhof Friedrichstraße. „Falls mich jemand gefragt hätte, was ich da will, hätte ich gesagt: ‚Ich muss zur Wäscherei.‘“ Er kauft sich für 20 Pfennig eine Fahrkarte, stellt sich ans Bahngleis Richtung Westberlin und wartet die längsten Minuten seines Lebens.

Wochenlang verhört

Erleichtert und müde steigt er am Schloss Bellevue aus. Doch seine Flucht ist noch nicht vorbei. Im Notaufnahmelager Marienfelde werden die Engländer gerufen, sie sind als ehemalige Besatzungsmacht zuständig für diesen Teil Berlins, später kommen die Amerikaner dazu. Sie alle glauben Lothar Meckert nicht, dass er aus moralischen Gründen aus der DDR geflohen ist. „Die dachten, ich bin ein Spion, der sich nur in Westdeutschland einbürgern lassen möchte, um hier für die Stasi zu spitzeln.“ Doch dann macht der amerikanische Geheimdienst CIA ein Angebot: Der junge Zöllner soll mit amerikanischen Agenten zurück nach Ostberlin gehen und für die Amerikaner die ostdeutschen Agenten enttarnen. „Klar, die wussten, dass ich die Agenten alle von Angesicht zu Angesicht kannte. Ihre Ausweisnummern standen in einem Buch mit einem roten Pappdeckel, und wenn die am Bahnhof Friedrichstraße über die Grenze wollten, habe ich da nachgeschaut und sie dann ohne weitere Kontrolle passieren lassen,“ erzählt Meckert. Doch dieser Deal ist Lothar Meckert viel zu gefährlich. „Ich wusste, dass die Stasi die Leute einfach wieder zurückgeholt hat, ich habe angelehnt. Ich wollte auf keinen Fall zurück in die DDR.“ Lothar Meckert wird deshalb ins CIA-Camp nach Oberursel gebracht und dort wochenlang verhört. Irgendwann glaubt man ihm. Er wird eingebürgert und kommt in Bayern bei der Tante eines Freundes unter. Statt Miete zu zahlen, gibt er Nachhilfe. „So bin ich um das Flüchtlingsheim herumgekommen.“ Lothar Meckert lächelt. „Und ab da habe ich angefangen zu leben.“

Der 21-Jährige findet Jobs als Eisendreher, Fernfahrer und Isolierer. 1965 lernt er seine heutige Frau kennen. 1968 bekommt das Paar einen Sohn. Er bewirbt sich 1967 bei der Zollverwaltung und arbeitet wieder als Zöllner, in Freilassing bei Salzburg. Doch ein richtiges Zuhause hat er immer noch nicht. „Wir wollten endlich irgendwohin, wo wir nie wieder wegziehen müssen.“ Die Wahl fällt auf Esslingen. Seine erste Unterkunft hat er im Gasthaus „Falken“, am Bahnhof in Esslingen, seinen ersten Job im Zollamt am Bahnhof. Und er tut alles, um sich schnell einzuleben. Wird Mitglied im Gesangsverein und im Förderverein Nord sowie Hausverwalter im Mehrfamilienhaus in Wäldenbronn, wo er lebt. Nur in eine Partei tritt er nie ein.

Als die Mauer 1989 fällt, arbeitet Lothar Meckert bei der Oberfinanzdirektion in Stuttgart, sitzt sogar im Hauptpersonalrat der Bundesfinanzverwaltung und wird dann gemeinsam mit den Finanzministern des Bundes die Regeln für die Übernahme der DDR-Zöllner ausarbeiten. Seine Aufgabe ist es, die Zöllner herauszufiltern, die auch für die Stasi gearbeitet haben. Von 8000 Zöllnern werden nur 6000 übernommen und davon später noch einmal 1500 Zöllner wegen Stasi-Mitarbeit entlassen. „Ich wusste ja, wie es gelaufen ist, mir konnten die keinen Schmarrn erzählen,“ sagt der 74-Jährige.

Jetzt steht er oben an der Burg, und schaut auf die Dächer seiner Stadt. Er liebt es, hier im Chor zu singen, abends mit Freunden ein Viertele zu trinken, im Herbst bei der Weinlese zu helfen und jeden Samstag einfach so durch die Altstadt zu laufen. Ein 74-Jähriger Mann im Ruhestand, der dafür als 21-Jähriger sein Leben riskiert hat.