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In seinen 16 Büchern widmet sich der ehemalige Spiegel-Redakteur Hans-Ulrich Grimm den Lügen, die die Lebensmittelindustrie den Verbrauchern täglich auftischt. #gEZnoch hat er erklärt, wo gelogen wird.

Herr Grimm, Sie haben sich intensiv mit Lügen in der Lebensmittelindustrie befasst. Wer lügt denn da?

Grimm: Der Erdbeerjoghurt zum Beispiel. Der tut ja so, als wäre er ein Joghurt mit Erdbeeren. In Wahrheit kommt der Geschmack vom Aroma und von den industriellen Zusatzstoffen. Ich habe ja vor Jahren enthüllt, dass dieses Aroma unter anderem aus Sägespänen gemacht wird. Das ist natürlich eine klare Lüge, wenn das Erdbeeraroma nicht von Erdbeeren stammt.

Wie wird in der Branche gelogen? Was sind die beliebtesten Taktiken und Strategien?

Grimm: Dass man bezüglich des Geschmacks lügt, das ist etwas ganz Wesentliches. Auch bezüglich der Optik wird natürlich gelogen – Stichwort Farbstoffe. Da hübscht man die Produkte eben auf. Die müssen ja auch alle ewig halten im Supermarkt. Wenn man sich so ein Sahnedessert anschaut: aufgeschlagene Sahne, die wochenlang so bleibt - das gibt es eigentlich gar nicht. Von Natur aus hält das ja alles nicht so lange. Deswegen muss man verschiedene Strategien entwickeln, um die Natur zu bekämpfen. Das gilt genauso für den Geschmack, die Farbe und die Konsistenz. Da wird quer durch den Supermarkt überall gelogen.

Was war die dreisteste Lüge, mit der Sie bisher in Kontakt gekommen sind?

Grimm: Ich würde schon sagen dieses Erdbeeraroma aus Sägespänen. Das Problem dabei ist ja, dass es vor allem für den Körper eine Lüge ist. Ich habe mich anfangs darüber aufgeregt, dass das feinschmeckerisch ein ziemlicher Beschiss ist. Aber das Schlimmere ist, dass es ja schon bei Kindern anfängt mit Fruchtzwergen oder ähnlichem, dass die gar nicht lernen, wie Erdbeeren schmecken, sondern nur den Chemiegeschmack von Erdbeeren kennen. Das Gleiche bei Gummibärchen - die stinken ja auch unglaublich chemisch. Echtes Obst stinkt natürlich nicht. Da lernt der kindliche Körper ganz früh, dass dieser Geschmack aus dem Labor im Essen ist. Das ist verhängnisvoll, denn es führt oft auch zu Übergewicht. Selbst die Aromaindustrie hat eingeräumt, dass Aromaverzehr zu Übergewicht führt. Und das hängt ganz direkt mit der Geschmackslüge zusammen. Der Körper bekommt die Erdbeeren gar nicht, die der Geschmack verspricht im Fruchtzwerg oder dem Landliebe-Joghurt. Ich habe das untersuchen lassen: Bei einem industriellen Joghurt wie etwa dem von Landliebe braucht man sechs bis acht Mal so viel, um die gleichen Mengen an Mangan und Kalium kriegen zu können, die im selbstgemachten Joghurt sind. Kein Wunder ist da, dass die Kinder immer dicker werden.

Welche Möglichkeiten haben Verbraucher, diese Lügen und Tricksereien zu erkennen?

Grimm: Auf dem Produkt muss draufstehen, dass Aroma drin ist. Das ist ein klares „Finger weg“-Signal. Mein Grundsatz ist: Immer wenn Aroma draufsteht, ist etwas faul. Da werde ich betrogen und der Geschmackssinn – der wichtigste Kontrollsinn des Körpers – gleich mit. Denn mit ihm wird der Nachschub gesteuert. Wenn man Lust hat auf Erdbeeren oder Spargel, dann deutet das darauf hin, dass der Körper die Nährstoffe darin braucht. Wenn man da betrogen wird, ist das verhängnisvoll. Ich nehme in solchen Fällen deshalb „echte“ Lebensmittel. Ich gehe auf den Markt, kaufe mir dort Spargel und Erdbeeren.

Wenn man aber gerade im Supermarkt einkauft, findet man da überhaupt unbedenkliche Produkte?

Grimm: Es darf ja gar kein Produkt auf den Markt kommen, dass gesundheitlich bedenklich ist. Aber die Kriterien sind heutzutage einfach ganz andere. Bedenklich heißt, dass Bakterien, Krankheitserreger darin sind oder sonst etwas, das unmittelbar gesundheitsschädlich ist. Heutzutage ist es aber wesentlich, was in diesen industriellen Lebensmitteln drin ist. Pro Jahr sterben laut Weltgesundheitsorganisation 30 bis 35 Millionen Menschen an sogenannten nicht übertragbaren Krankheiten - also so etwas wie Diabetes, Krebs oder Herzinfarkt. Da spielen die industriellen Lebensmittel eine große Rolle, denn wenn man die von Kindesbeinen an zu sich nimmt, führt das zu einer Fehlsteuerung und zu Krankheiten. Da spielt es eine große Rolle, ob das Essen industriell verarbeitet ist oder ob es echte Lebensmittel sind. Alle Experten weltweit sagen: Echtes Essen ist der Ausweg.

Macht es der Gesetzgeber den Lebensmittelkonzernen vielleicht auch zu leicht?

Grimm: Natürlich. Eigentlich ist es ja verboten. Man darf keine nachgemachten Lebensmittel in Umlauf bringen. Das ist ähnlich wie beim Falschgeld. Nur verhält es sich so: Wenn einer hinten und ganz klein „Aroma“ draufschreibt, dann ist das keine Fälschung beim Essen. Wenn ich jetzt aber in den Supermarkt gehe und einen Früchtetee kaufen wollte, der überhaupt nicht aus Früchten besteht, sondern nur aus Aroma, und diesen Falschtee mit Falschgeld bezahle, auf das ich hinten ganz klein draufgeschrieben habe „Falschgeld“, dann komme ich ins Gefängnis, aber nicht der Hersteller von dem Falschtee..

Wo sehen Sie den größten Verbesserungsbedarf? Was sollte geändert werden?

Grimm: Es sollte verboten werden, gefälschte Lebensmittel in Umlauf zu bringen. Denn Aroma dient nur dazu, Lebensmittel zu fälschen, einen anderen Grund gibt es nicht. Entweder wird von Anfang an gefälscht – beispielweise wenn Wasser zu irgendeinem Fruitdrink gemacht wird – oder dass etwas über die Länge gerettet wird, also dass der Erdbeergeschmack, der normalerweise nach ein paar Tagen verflogen ist, über Wochen oder Monate erhalten wird. Da wird so getan, als wäre der Nährwert, um den es ja eigentlich geht, noch da. Das gehört verboten. Deswegen müsste man eigentlich alle Aromafabriken zumachen.

Wird die Kennzeichnung der Produkte überhaupt ausreichend kontrolliert?

Grimm: Ob es den Vorschriften entspricht, wird schon kontrolliert. Das Problem ist nur: Wie kommen die Vorschriften zustande? Da sitzt eben immer die Industrie mit am Tisch. Ich war einmal in Peking beim Codex Alimentarius, einer Einrichtung der Vereinten Nationen, sozusagen die Weltregierung in Sachen Lebensmittel. Die setzt die globalen Standards, in diesem Fall ging es um Zusatzstoffe. Dabei waren vier deutsche Delegierte. Da gibt mir einer seine Visitenkarte, und auf der steht „Südzucker“. Ich meinte nur: „Oh, vertritt jetzt Südzucker die Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen?“ In der Tat waren da drei von der Regierung und einer von Südzucker. Kürzlich war ich bei der Babynahrungskonferenz in Bad Soden, ebenfalls vom Codex Alimentarius, und da waren von neun Delegierten Deutschlands zwei von der Regierung und die anderen von der Industrie, BASF, Nestlé, Babyfoodlobby. Und die legen die Standards fest. Dieser Codex Alimentarius hat auch festgelegt, dass das Erdbeeraroma aus Sägespänen als natürliches Aroma bezeichnet werden darf. Ob dann noch einer kontrolliert, ob die Kennzeichnung stimmt oder nicht, ist dann im Endeffekt uninteressant. Denn die Lüge findet schon im Weltmaßstab statt, und zwar völlig legal.

Haben Sie irgendwelche Tipps für Verbraucher im Alltag?

Grimm: Ich gebe nie Tipps, das ist auch nicht mein Beruf. Außer vielleicht, meine Bücher zu lesen. Aber – wie gesagt: wenn Aroma draufsteht, ist immer etwas faul.

Das Interview führt Lorena Greppo.

Lorena Greppo . . . schaut als Vegetarierin beim Einkauf sowieso schon genau auf die Zutatenlisten der Produkte. Jetzt voraussichtlich mehr denn je.

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