Hexen beim Narrenumzug in Wernau. Foto: Hauenschild - Hauenschild

Wenn das nicht geholfen hat: Mit Karbatschen, Rätschen und höllisch schrägen Tönen haben tausende farbenfrohe Hästräger und Musikgruppen aus ganz Süddeutschland am Wochenende in den beiden Fasnetshochburgen Wernau und Neuhausen den Winter ausgetrieben. Und das närrische Publikum am Straßenrand hat in fantasievollen Kostümen mit Gesang kräftig mitgeholfen.

Von Sabine Försterling

Am Samstagmittag entlud sich in Wernau – wie alle Jahre wieder – mehr als ein Zug voller Narren. Heuer lockte offenbar das Kaiserwetter mit frühlingshaften Temperaturen noch mehr Gäste, überwiegend junge Leute, zum traditionellen Fasnetsumzug mit über 80 Gruppen aus ganz Süddeutschland. In Plochingen ging eine Weile gar nichts mehr, weil die S-Bahn gestopft voll war. Doch nicht nur drinnen, sondern später auch draußen wurde es so manchem Fellträger zu heiß, so dass er das Kostüm auf Halbmast trug. Es wurde wieder eine ganze Tiermenagerie gesichtet. Vom Bienenschwarm bis zum Frosch und dem Flamingo bis zur Giraffe. Eine Gruppe Zwerge war mit ihrem gestandenen Schneewittchen unterwegs und die Hippies ließen allerorten grüßen. Jacky Knoll und Dani Wolf warteten gemeinsam mit anderen ehemaligen Handballerinnen als Krümelmonster mit blauen Perücken und Glupschaugen verkleidet am Straßenrand. „Letztes Jahr waren wir Eichhörnchen und davor Indianerinnen“, erzählten die beiden. Als Basis der Kostüme diene immer ein Latzrock. Einmal im Jahr müsse man halt ein bisschen ausflippen.

Rita Zink war angesichts des Kaiserwetters bestens gelaunt. Ganz Neuhausen müsse heute leer gefegt sein, meinte die Ehrenvorsitzende der Wernauer Narren angesichts des riesigen Aufgebots an Hästrägern aus dem befreundeten Narrenbund. Die Laichleshex kennt sich in der Fasnet bestens aus und gab in ihrer launigen Moderation den Zaungästen so manchen Hinweis: Jede Maske der Körschtaler Höllenwächter sei handgeschnitzt und ein Unikat. Und die gar grausig anzuschauende Gestalt gehe auf den Krampus, den Begleiter des Nikolaus in den alpenländischen Gebieten, zurück. Die auf die Maske der Weilheimer Ross-Mugga gemalten Tropfen haben auch eine Geschichte. Einst glaubte man, wenn man im Mai mit den Tautropfen das Gesicht einreibt, bleiben die Mücken fern. Und über den Fanfarenzug aus Bad Urach berichtete die Närrin, dass dieser bereits in Nizza und New York aufgespielt habe.

Hexen, Teufel und Co wetteiferten wieder im Pyramidenbau und trieben so manchen Schabernack, bemalten die Zaungäste oder entführten hübsche Mädels. Bei den Stangebach-Hopsern wurde das Opfer wie der Name schon verrät auf der Stange sitzend in die Luft geworfen. Die Waldhornhexen aus Plochingen sorgten für infernalisch-grüne Nebelschwaden. „Alle Hexen stinken…“, intonierte das Publikum. Und die Waschweiber aus Berkheim sorgten mit ihrer „Wäscheschleuder“ für Abkühlung.

Der Akkordverein Wernau brachte den Sommer mit und tanzte im Baströckchen die ganze Wegstrecke lang. Die Laufgruppe Krumme Naht aus Neuhausen hatte um die Hüften schwingende Schwimmbecken aus Plastik dabei und die Sprösslinge des Kindergarten St. Magnus entzückten als kunterbunte Fischchen im Aquarium.

Die Karbatschen knallten, die Rätschen schnarrten lautstark und von den Guggenmusikern gab es mächtig eins auf die Ohren. Vermehrt führten heuer die Häsgruppen jedoch eine Beschallungsanlage im Kinderwagen oder Leiterwagen mit und die Zaungäste sangen begeister mit.

Die Narren in Neuhausen ließen sich am Sonntag vom grauen Himmel nicht die gute Laune verdrießen und hauten wie gewohnt kräftig auf die Pauke. Und hier war auch buchstäblich richtig Musik drin, was die zahlreichen Guggenmusik-Gruppen und Fanfarenzüge bewiesen. Der Flecken ist wahrlich ein Narrennest. So kann der Narrenbund allein 14 verschiedene Maskengruppen verzeichnen. Insgesamt 68 Gruppen mit rund 3 600 Hasträger und Musiker machten die Straßen unsicher, darunter selbstredend die Freunde aus Wernau und auch auf den Fildern wurde der Winter mit allerlei Radau ausgetrieben.

Neben den üblichen Tierkostümen – ein kleiner Marienkäfer schlummerte im Tragebeutel an der Brust des Vaters – wurde unter den Zaungästen auch so manche Früchtchen wie Erdbeeren und Bananen gesichtet. In Wernau war sie noch als Polizistin verkleidet und in Neuhausen erschien eine junge Frau dann als Soldatin. Sie liebe Uniformen und nach der Schule strebe sie einen solchen Beruf an, meinte die Esslingerin. Nicht nur die Hippie-Zeit erlebte in der Fasnet in beiden Hochburgen eine Renaissance, sondern auch augenscheinlich viel Militärisches. Eine aufgeräumte Gruppe von sieben Frauen aus Neuhausen schwimmt seit sieben Jahren gegen den Mainstream und lässt sich immer wieder was Neues einfallen. Heuer waren sie als Schweizer Kuhglocken unterwegs.

Das Karussell der Rotenhäne, in dem die Mädels schwindelerregend gedreht wurden, ist legendär und die Wildsäu stopfen gerne Heu in den Ausschnitt. Auch die auswärtigen Maskengruppen erlaubten sich so manchen Streich. Neuhausen hat aber ein Pfund, für das die anderen die Stadt beneiden. Das sind die drei Wagenbaugruppen. Donald Trump, begleitet von Onkel Sam sowie den Freiheitsstatuen, rollte mit dem Oval Office durch die Straßen und intonierte: „I am the greatest“. Auf einem anderen Wagen rockten die Frösche, die auf einen Kuss warteten.

Gardemädchen ob vom Narrenbund Neuhausen oder den Karnevalsfreunden Esslingen, die übrigens bereits in Wernau unterwegs waren, warfen die Beine akkurat in die Höhe. Da konnte das Männerballett der Schwarzen Husaren aus Stuttgart selbstredend nicht hinten anstehen.

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