Foto: Gaby Weiß

Der Esslinger Gemeinderat hat sich mehrheitlich für einen Bücherei-Neubau an der Küferstraße ausgesprochen. Alexander Maier kommentiert diesen Beschluss und fragt sich, ob dieser Neubau die hohen Erwartungen seiner Befürworter erfüllen kann.

EsslingenWenn der Esslinger Gemeinderat bei einem so wichtigen Thema wie der Stadtbücherei nach mehr als 20 Jahren Nägel mit Köpfen macht, ist das eigentlich ein Grund zum Feiern. Doch richtig glücklich sind längst nicht alle mit dem Beschluss, rund 25 Millionen Euro in einen Neubau zwischen Küferstraße und Kupfergasse zu investieren. Bei vielen Bürgern überwiegen die Zweifel, ob das eine gute Entscheidung war – vorausgesetzt, man begnügt sich nicht mit der Feststellung, dass ein Neubau einfach besser sei. Das mag manchmal stimmen, in diesem Fall sind Zweifel angezeigt. Und man darf gespannt sein, wie dieser Neubau die vollmundigen Versprechungen seiner Befürworter einlösen will. Das anvisierte Baufenster setzt auch den besten Architekten so enge Grenzen, dass der Gebäudezuschnitt kaum den funktionalen Anforderungen an eine moderne Bücherei folgen kann. Andere Städte würden alles daran setzen, eine Bibliothek aus dem Hinterhof zu holen – Esslingen bringt seine erfolgreiche Bücherei dorthin.

Keiner wird behaupten, dass eine Erweiterung und Modernisierung des Bebenhäuser Pfleghofs einfach wäre und dass sich dort alle Wünsche erfüllen ließen. Und wenn die Alternative ein deutlich größerer Neubau in zentraler Lage gewesen wäre, wäre die Diskussion vielleicht anders gelaufen. Was jedoch viele nicht verstehen: Wie kann man ständig davon reden, dass die Bücherei der Zukunft ein „dritter Ort“ der Identifikation neben Wohnung und Arbeitsplatz werden müsse, wo der Pfleghof diesen Anspruch längst einlöst? Und wie kann man einen beliebten Standort wie den in der Heugasse für einen Neubau aufgeben, der nur unwesentlich mehr Platz bieten wird? Dass man den Bürgern ein Zuckerl anbietet und beschließt, den Pfleghof in öffentlichem Besitz zu behalten, klingt gut. Wobei manche der Neubaubefürworter all die vermeintlichen Schwierigkeiten, die sie gegen eine Modernisierung des Pfleghofs ins Feld geführt haben, auch bei anderer öffentlicher Nutzung wieder nennen dürften. Die endgültige Entscheidung trifft ohnehin frühestens der nächste Gemeinderat, der an den jetzt gefassten Beschluss nicht gebunden ist. Manche fühlen sich fatal an die Finanzierung des Festo-Knotens erinnert, wo es sogar einen städtebaulichen Vertrag zur Finanzierung gab, der später das Papier nicht mehr wert war.

Es ist einfach, Recht zu bekommen, wenn man die Mehrheiten beisammen hat. Viel schwieriger ist es, das Richtige zu tun. Zuletzt hatte man bei manchen Stadträten den Eindruck, dass sie vor allem ein unliebsames Thema möglichst schnell abräumen wollten – immerhin sind 2019 Kommunalwahlen, und da mag man sich nicht mit unangenehmen Fragen belasten. Doch die Rechnung wird nicht aufgehen, weil die Bücherei und der Bebenhäuser Pfleghof Themen sind, die vielen Esslingern viel zu sehr am Herzen liegen, als dass sie sie einfach abhaken würden. Und es geht auch nicht mehr allein um Bibliothek und Pfleghof, sondern um viel grundsätzlichere Fragen: Wie gehen wir mit dem um, was Esslingens Identität ausmacht und was nicht nur touristische Vorteile bringt? Und vor allem: Wie funktioniert Kommunalpolitik, und wie geht man mit den Bürgern um? Darauf erwarten viele Esslinger überzeugendere Antworten als die, die man ihnen mit der gestrigen Bücherei-Entscheidung gegeben hat.

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