Prügelnder Vater, drogenabhängige Mutter, Gewalt im Militärinternat: JD Vance, Donald Trump und Elon Musk erlebten eine schwierige Kindheit. Der aus Waiblingen stammende Erziehungsexperte Herbert Renz-Polster erklärt, welche Folge das hat.
U S-Präsident Donald Trump und sein Stellvertreter James David „JD“ Vance sind nun seit mehr als 100 Tagen im Amt. Milliardär Elon Musk leitete bis vor kurzem deren Behörde für Bürokratieabbau. Ihr gemeinsames Ziel: Das politische System, wie es Nordamerika bislang kannte, schleifen. Was das heutige Verhalten dieser Männer mit ihren schwierigen Kindheiten zu tun hat, erklärt der Erziehungsexperte Herbert Renz-Polster, der über solche Fragen an einem Buch arbeitet.
Herr Renz-Polster, wenn man „Hillbilly-Elegie“, die Biografie des amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance liest, entwickelt man Mitleid mit diesem Jungen aus prekären Verhältnissen, fast Verständnis dafür, dass er einem Rechtspopulisten wie Donald Trump folgt. Ist das gut oder schlecht?
Es ist immer gut, Mitgefühl zu entwickeln. Und natürlich trägt JD Vance eine schwere Last, für die er nichts kann. Insofern ist es richtig, wenn wir ihm Verständnis entgegenbringen. Aber wir sollten dieses Wissen nutzen, um seine Politik besser zu verstehen.
Vance wuchs in den Appalachen mit einer drogenabhängigen Mutter auf, mit Gewalt und dem Gefühl, abgehängt zu sein. Zeigt sich das in seinem heutigen Handeln?
Er erlebte in seiner Kindheit eine beständige Überforderung und fortwährende Verletzungen. Eigentlich müssen Kinder in den frühen Jahren Vertrauen in Menschen aufbauen, das Gefühl der Sicherheit, indem sie Anerkennung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit erfahren. Vance hat verinnerlicht, niemandem vertrauen zu können und immer das Böse zu erwarten. Jetzt gestaltet er die Welt entsprechend. In einer Art permanentem Misstrauensvotum.
Also der zutiefst unsichere Mensch Vance, der seine schlimme Kindheit kompensiert?
Wenn ein Mensch nicht innerlich beheimatet ist, ist er angstbeladen, verletzlich und auf einer lebenslangen Suche nach Ersatz. Dann muss er sich diese Sicherheiten im Äußeren suchen mit den verrücktesten Mitteln. Die Sozialpsychologie nennt übrigens Angst als Grundlage für rechtsautoritäre Strömungen.
Aber nicht jeder mit schlimmer Kindheit will gleich das demokratische System schleifen.
Natürlich nicht. Der Weg ins Erwachsensein hat viele Abzweigungen. Manche machen später sichere Erfahrungen und können sozusagen nachreifen. Eine schwierige Kindheit ist kein Schicksal, das notwendigerweise irgendwohin führt. Der eine wird davon psychisch krank, ein anderer süchtig, ein Dritter gewalttätig, wieder andere werden hochkreativ oder gehen vollkommen unauffällig durchs Leben.
Seine Mutter lebte in wechselnden Beziehungen, Vances leiblicher Vater war abwesend. Ist Donald Trump, der deutlich älter ist, eine Art Ersatzvater für ihn?
Ich bin kein Psychologe und kann nur spekulieren. Aber es ist schon erstaunlich, dass er erst ein scharfer Kritiker war und sich ihm nun derart unterworfen hat. Aber vielleicht ist Trump auch nur ein Vehikel für Vance, um an die Macht zu kommen.
Benennen Sie damit nicht ein generelles Problem solcher Ferndiagnosen: Ist es nicht allzu spekulativ, mit Hilfe der Kindheit heutiges Verhalten von Politikern zu erklären?
Ich versuche ja nicht, aus der Ferne eine psychiatrische Diagnose zu stellen. Wir suchen nach Belastungsfaktoren in den Biografien, die uns erklären können, warum diese Menschen so auffallend wenig Vertrauen in die Welt haben. Dass Politik langfristig nur durch Kooperation entstehen kann, ist in deren Köpfen gar nicht drin. Es fehlt an Empathie für andere, ganz klar. Und das lässt sich auf das mangelnde Sicherheitsgefühl aus der Kindheit zurückführen.
Donald Trumps Mutter wird als „geisterhaft abwesend“ beschrieben, auf dem Militärinternat erlebte er Drill und Gewalt. Elon Musk wuchs mit einem prügelnden Vater auf, der ihn ständig heruntermachte. Gibt es ein Trauma-Cluster in der US-Politik?
Es ist schon sehr spannend, dass diese Männer alle schwierige Erfahrungen gemacht haben, auch wenn sie nun für ganz unterschiedliche Strömungen im amerikanischen Rechtspopulismus stehen. Ich kann nicht sagen, dass jeder in diesem Trio ein Trauma hat, aber eine schwere Belastung auf jeden Fall. Der Gewaltforscher Sven Fuchs zeigt: Je weiter man an die rechten Ränder geht, umso mehr Personen findet man, die ein Problem aus ihren frühen Jahren haben. Unter jenen Figuren, die im vergangenen Jahrhundert auf Gewalt als politische Strategie gesetzt haben, findet man kaum einen, der keine deformierte Kindheit hatte.
Wie genau zeigt sich das in der US-Politik?
Das mangelnde Urvertrauen dieser Männer zeigt sich für mich etwa darin, dass Wahrheit und Lüge keine Kategorien in ihrer Politik mehr sind. Lügen heißen jetzt Truth, also Wahrheit. Und Wahrheiten, wissenschaftliche Erkenntnisse, sind Fake. Das ist ein Rückschritt hinter die Aufklärung, in eine Zeit, in der ein absolutistischer König verkündete, was wahr ist. Es gibt keine Realität, nur Identität. Wir erleben gerade, wie der wissenschaftliche Gedanke in den USA unter Druck gerät.
Viele Anhänger Trumps stammen aus demselben Milieu wie JD Vance. Ist ihr Wahlverhalten ebenfalls mit ihrem Aufwachsen erklärbar?
Es ist komplexer. Schaut man sich zum Beispiel Befragungsdaten aus den USA an, ob der Wunsch nach Führerschaft oder die Ablehnung von Minderheiten größer geworden sind als im vergangenen Jahrhundert, muss man sagen: nein. Dennoch haben rechtspopulistische Parteien auch in Europa Erfolg. Das liegt zum einen daran, dass die Regierungen heute nur selten frohe Botschaften zu verkünden haben – das spielt Populisten in die Hand. In Deutschland aber auch daran, dass die Mitte der Gesellschaft liberaler geworden ist und die AfD Positionen besetzt, die früher ganz normale bürgerlich-konservative waren.
Und in den USA?
Dort kommt dazu, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft sehr groß ist, viele Menschen täglich ums Überleben kämpfen. Darauf hatte die Biden-Regierung keine Antwort. Ich bin allerdings auch überzeugt: Unter den Anhängern von Trumps Make-America-Great-Again-Bewegung gibt es viele, bei denen man diese inneren Leerstellen aus der Kindheit finden würde. Interessant ist auch die Nähe der Bewegung zu religiösem Extremismus und Verschwörungstheorien. Diese Verquickung können wir seit der Coronapandemie in Teilen auch in Deutschland beobachten.
Im Film „Das weiße Band“ spannte Regisseur Michael Haneke eine direkte Linie von der gewaltvollen Erziehung unserer Großelterngeneration zum Erstarken der Nationalsozialisten. Ist das so haltbar?
Das spielt eine Rolle, aber inneres Misstrauen entsteht nicht nur durch offene Gewalt, sondern auch durch permanenten Stress und Überforderung in der Kindheit. Man muss als Gesellschaft deshalb schon genau hinsehen, wo Kinder Ausgrenzung, Entwertung und Verunsicherung erfahren. Und das nicht nur im Elternhaus. Kindheit spielt sich heute von früh an in Einrichtungen wie Kitas und Schulen ab. Auch dort müssen wir fragen, ob die Kinder als Menschen gestärkt oder geschwächt werden.
Müsste man präventiv Menschen mit starken Belastungen aus der Kindheit möglichst früh identifizieren und in Therapie stecken?
Das ist so sicher nicht machbar. Aber dass wir uns um diese Menschen kümmern müssen, zeigt etwa die letzte Shell-Studie. Es gibt eine immer größere Gruppe von vor allem männlichen jungen Erwachsenen, die schon in der Kindheit kein Vertrauen erfahren haben, die Enttäuschungen und Versagensängste anhäufen, sich von der Gesellschaft entkoppeln – gerade auch in Ostdeutschland. Sie wandern an den rechten Rand, wo sie ein Versprechen auf Größe, Wert und Sicherheit erwartet. Ab einem gewissen Punkt sind die kaum noch erreichbar, auch weil es kein Alternativangebot gibt, das ähnlich stark zieht.
Sie sagen, es gehe nicht um Ferndiagnosen, sondern darum zu verstehen, warum Trump, Vance und Musk so agieren wie sie es tun. Und was machen wir dann damit?
Es ist wichtig zu verstehen, was die Triebfeder für deren Agenda ist, das politische System und die Gesellschaft umzubauen. Wenn man das verstanden hat, wird auch klar, dass sich diese Menschen nicht ändern werden und das nicht einfach vorbeigeht. Es ist sehr ernst. Ob Amerika jemals wieder freie Wahlen erleben wird, steht für mich in den Sternen.
Experte für kindliche Entwicklung
Kinder verstehen
Herbert Renz-Polster, Jahrgang 1960, ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Publizist und wurde mit der These bekannt, dass kindliches Verhalten bis heute evolutionär geprägt ist. Der Vater von vier Kindern wuchs in Waiblingen auf, lebt heute in der Nähe von Ravensburg und gehört zu den bekanntesten Erziehungsexperten Deutschlands. Auf seinem Blog www.kinder-verstehen.de finden sich Hunderte von Artikeln zur kindlichen Entwicklung und zu aktuellen Fragen rund um Erziehung und Gesellschaft.
Buch
Bereits 2019 beschäftigte er sich in „Erziehung prägt Gesinnung“ (Kösel-Verlag) mit der Frage, wie der weltweite Rechtsruck entsteht und wie er aufzuhalten wäre. Im Herbst soll das Nachfolgebuch erscheinen, an dem er mit seinem Zwillingsbruder Ulrich Renz arbeitet: „Demokratie braucht Erziehung: Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt“ (Kösel, 14 Euro)