Zu viele Aufgaben bei zu wenig Personal, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung, schwierige Eltern, überreizte Kinder: Die Erzieherinnen im Land sind chronisch überlastet.
Gesund bedeutet nicht gleichzeitig arbeitsfähig”, sagt Susanne Kobel. „Es geht darum, langfristig mit seinen verfügbaren Ressourcen zurechtzukommen, auch wenn man sich im Moment eigentlich körperlich und seelisch gesund fühlt.“ Die Sportwissenschaftlerin richtet diese Worte an mehrere Dutzend Erzieherinnen, die vor ihren heimischen Bildschirmen sitzen. Um ihnen größtmögliche Privatsphäre zu gewährleisten, bleiben die Kameras ausgeschaltet. Kobel und ihre Kollegin Olivia Wartha kennen nur Namen und Mail-Adressen.
Und ihre Probleme: ein Arbeitsalltag geprägt von Lärm, Überlastung und wenig Anerkennung. Im Workshop des Programms „Komm mit in das gesunde Boot” sollen sie lernen, besser damit umzugehen. Das Programm, 2009 initiiert durch die Baden-Württemberg Stiftung, durchgeführt vom Uniklinikum Ulm und gefördert durch die Techniker Krankenkasse, fokussierte sich anfangs auf Kita- und Grundschulkinder. Später wurde es auf Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher erweitert. Kürzlich erhielt es den 1. Preis beim Springer Medizin Charity Award.
„Nur Paketboten melden sich noch häufiger krank“
Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2023 waren Erzieherinnen im Durchschnitt 30 Tage im Jahr krankgeschrieben. In den meisten anderen Berufsfeldern lag die Anzahl bei gerade 20 Tagen. „Nur Paketboten melden sich noch häufiger krank“, sagt Olivia Wartha. Dabei seien Erzieher und Erzieherinnen überwiegend zufrieden mit ihrem Beruf und hielten ihn für sinnstiftend. Arbeitsbedingungen aber erschwerten den Alltag immens.
Um welche es sich dabei handelt, erklärt Wartha anhand eines Dreieck-Modells. Darauf sind an der oberen Spitze die Belastungen durch Umgebungsbedingungen, wie ein dauerhaft hoher Lärmpegel, eingezeichnet. Rechts unten befinden sich die gesellschaftlichen Belastungen: Wenig Aufstiegsmöglichkeiten, eine zur Menge und Vielfalt der zu erfüllenden Aufgaben verhältnismäßig geringe Bezahlung, dazu wenig gesellschaftliche Anerkennung. Zum Schluss geht die Pädagogin auf die arbeitsorganisatorischen Belastungen unten links ein: Aufgrund des Personalmangels (aktuell fehlen in Baden-Württemberg rund 15 000 Kita-Fachkräfte) und zusätzlichen Themen wie Inklusion, Spracherwerb, Motorikförderung sowie Unterstützung beim Erwerb sozial-emotionaler Kompetenzen seien Erzieherinnen für viele Aufgaben gleichzeitig zuständig. „Dabei können sie ihren Arbeitsalltag wenig selbstbestimmt gestalten, weder Pausen machen oder sich zurückziehen, wann sie wollen“, sagt Olivia Wartha.
Wo es doch so viele schöne Aspekte gibt: „Nutzen Sie Ihren Arbeitsplatz als eine Energiequelle und für das, was Sie am Anfang am Erzieherberuf fasziniert hat”, rät Olivia Wartha den Teilnehmerinnen des Workshops. „Wenn Sie gerne musizieren, dann versuchen Sie dies auch mit den Kindern wieder mehr zu machen.”
Und da (noch vor den psychischen Problemen) Atemwegserkrankungen für die meisten Krankschreibungen im Kita-Bereich verantwortlich sind, geht es auch darum, wie man mit einer Hust- und Niesetikette Ansteckungen möglichst vermeidet. Für die 58-jährige Erzieherin Christiane Haubner gehört dieses Risiko zum Alltag – vor allem, weil Eltern ihre Kinder häufig krank in die Kita schickten. „Manchmal sage ich, dass ich in der Virenhauptzentrale arbeite.“
Mangelnde Sprachkenntnisse erschweren den Alltag
Seit 35 Jahren ist Haubner in der Kinderbetreuung tätig. Dass die Arbeitsbelastung zugenommen hat und weiter zuspitze, dafür seien mehrere Faktoren verantwortlich. „Früher mussten Kinder windelfrei sein, um in den Kindergarten zu gehen. Heute gilt das nicht mehr, sodass wir auch mehr pflegerische Tätigkeiten haben.” Zudem erschwerten mangelnde Sprachkenntnisse, sowohl bei Kindern als auch bei Eltern, zunehmend den Alltag. 2025 brachte Baden-Württemberg das Förderkonzept „SprachFit“ auf den Weg. Doch entgegen der ursprünglichen Planung dürfen dies nicht in jeder Einrichtung Erzieherinnen und Erziehern durchführen, sondern mancherorts nur staatlich anerkannte Sozialpädagogen. „Überall ist es anders und keiner weiß so wirklich, wie es umgesetzt werden soll. Zwei meiner Kolleginnen haben ein Jahr lang eine Fortbildung besucht, jetzt sollen sie es doch nicht machen”, sagt Haubner.
Baden-Württemberg steht im Vergleich zu anderen Bundesländern mit einem Personalschlüssel von einer Fachkraft für 6,5 Kinder im Ü3-Bereich gut da. Doch bestehe zwischen Statistik und Alltag eine Diskrepanz, erklärt Walter Beyer, stellvertretender Vorsitzender des Verbands für Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg. „Es handelt sich um einen Durchschnittswert, der nicht immer die pädagogische Realität widerspiegelt“, sagt er. „Leitung, Vor- und Nachbereitung sowie Ausfallzeiten werden nicht eingerechnet.” Gesetzlich verpflichtend ist lediglich der Mindestpersonalschlüssel, der je nach Gruppenart etwa zwei Fachkräfte für Gruppengrößen mit 25 bis 28 Kindern festlegt. Laut Beyer werde dieser nur in Einzelfällen überschritten.
Nach der Corona-Pandemie führte das Land den so genannten Erprobungsparagrafen 1a ein, der es Einrichtungen ermöglicht, vom Mindestpersonalschlüssel abzuweichen und Fachkräfte zum Teil durch ungelernte Zusatzkräfte zu ersetzen. Eigentlich als Übergangslösung gedacht, soll der Paragraf nun bis August 2027 verlängert werden. Für den VBE Grund zur Kritik. Auch wenn die Sonderregelungen nur von rund drei Prozent der Einrichtungen genutzt werde, sieht man die Gefahr, dass so Notlösungen verfestigt und schleichend zum Standard werden. Überlastete Fachkräfte aber könnten oft nicht die notwendige Aufmerksamkeit bieten, die Kinder benötigten, sagt Beyer. Darunter leide die Entwicklung, emotionale Sicherheit und Bindung zu den Fachkräften. „Disziplinprobleme und Probleme im sozial-emotionalen Bereich nehmen immer weiter zu.“
75 Prozent der Erzieherinnen fühlen sich häufig überlastet
Dass zwischen Personalmangel und Überlastung ein Zusammenhang besteht, belegt eine im Dezember 2024 erschienene Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Kindheitspädagogik der Uni Gießen: Ein Viertel der Befragten gab darin an, in einer Einrichtung zu arbeiten, die „eigentlich immer” unterbesetzt sei. Von den Mitarbeitern der Einrichtungen fühlten sich 75 Prozent häufig überlastet, 34 Prozent hielten eine berufliche Umorientierung in den kommenden fünf Jahren für sehr wahrscheinlich. Je besser Einrichtungen personell aufgestellt waren, desto weniger fühlten sich die Mitarbeiter überlastet.
Viele Erzieherinnen, sagt auch Walter Beyer, wollten aufgrund unzureichender Rahmenbedingungen und übermäßiger Arbeitsbelastung lieber in andere Berufe wechseln. Burn-outs stellten ein wachsendes Problem im Kita-Bereich dar. Er hält einen Ausbau des Arbeits- und Gesundheitsschutzes für notwendig. Angebote wie „Komm’ mit in das gesunde Boot“ sind noch rar oder aber werden, laut Beyer, aus Scham zu wenig angenommen: „Es könnte ja von Kolleginnen und Kollegen als Eingeständnis von Schwäche ausgelegt werden.“
Für Christiane Haubner kam ein Jobwechsel nie infrage. Sie mache ihren Traumberuf noch genauso gerne wie vor 35 Jahren, sagt sie. Mit stressigen Phasen umzugehen, musste aber auch sie lernen. „Viele Erzieher denken, sie müssten es allen recht machen. Früher habe ich das auch so gesehen. Mittlerweile aber ist mir klar, dass es weder mir noch der Einrichtung hilft, wenn ich in ein Burn-out rutsche.” An junge Kolleginnen appelliert sie, eine dauerhafte Unterbesetzung nicht still hinzunehmen – stattdessen eine Belastungsanzeige an ihren Kita-Träger zu stellen. „Viele befinden sich in einem Zwiespalt, da ja in erster Linie die Kinder darunter leiden, wenn sie ausfallen. Aber wenn keiner mitbekommt, dass es so nicht geht, dann kann sich nichts ändern.”
Damit es nicht weitergeht wie bisher, setzt sie sich beim VBE-Landesverband Albstadt ein. Als ehrenamtliche Beirätin für bessere Arbeitsbedingungen weiß sie, dass viele potenzielle Einsteigerinnen bereits im Vorhinein von dem Beruf abgeschreckt werden. Die ohnehin angespannte Personalsituation verstärke sich durch den Nachwuchsmangel. „Ich kann junge Menschen verstehen, die lieber etwas machen wollen, bei dem sie mehr Geld verdienen und gleichzeitig ein geringeres Stresslevel haben.“
Schwieriger Umgang mit den Eltern
Auch der Umgang mit den Eltern sei schwieriger geworden, sagt Haubner. So werde die Erziehungsarbeit zunehmend den Einrichtungen überlassen: „Richtig essen, Schuhe binden oder Anziehen soll im Kindergarten gelernt werden.” Hinzu komme der übermäßige und zu frühe Medienkonsum vieler Kinder, teilweise besäßen bereits Dreijährige ein eigenes Tablet, sagt Haubner. „Wenn schon so kleine Kinder mehrere Stunden vor dem Bildschirm verbringen, wundert es mich nicht, dass sie nicht still sitzen können.” Später in der Schule potenzierten sich dann die Probleme.
Manche Kinder besuchten die Einrichtungen ohnehin zu selten und seien dann nicht ausreichend für die Einschulung gewappnet. „Während manche Eltern von uns erwarten, den Kita-Alltag individuell auf ihr Kind abzustimmen, sind andere wiederum vollkommen beratungsresistent.” Deshalb spricht sich Haubner für eine Kindergartenpflicht aus: „Was bringt es einem Kind, wenn es eingeschult wird, aber nach zwei Jahren sitzenbleibt, weil es die Sprache nicht richtig spricht oder es ihm an motorischen Grundlagen fehlt?”
Die Politik müsse nun endlich handeln, findet Christiane Haubner. „Obwohl Kinder das wertvollste sind, was wir haben, scheinen sie dennoch keinerlei Priorität zu haben.”