Atomkraftgegner hängen in Horkheim an einer Brücke über dem Neckar und präsentieren zwei Protest-Transparente. Foto: dpa Quelle: Unbekannt

Von Wolfgang Jung und Khang Nguyen

Neckarwestheim - Begleitet von Protesten ist erstmals in Deutschland hoch radioaktiver Atommüll auf einem Fluss transportiert worden. Aktivisten verzögerten gestern die umstrittene Fahrt des Spezialschiffs vom stillgelegten Atomkraftwerk Obrigheim jedoch, als sie sich trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen von einer Neckar-Brücke abseilten. Das Schiff mit drei Castor-Behältern mit ausgedienten Brennelementen ist gestern Abend nach rund 13 Stunden Fahrt am Zwischenlager in Neckarwestheim angekommen.

Trotz scharfer Kritik von Umweltschützern hält der Energieversorger EnBW die Beförderung für eine sichere Lösung. Das Unternehmen argumentiert, dass der Transport des Atommülls nach Neckarwestheim den Bau eines Zwischenlagers in Obrigheim überflüssig mache. Das Unternehmen plant in den nächsten Wochen vier weitere Transporte per Schiff mit je drei Castoren. Damit sollen insgesamt 342 ausgediente Brennelemente in das etwa 50 Kilometer entfernte Zwischenlager gebracht werden. Die Polizei bewachte das Schiff unter anderem mit Booten, einem Hubschrauber und Einsatzkräften am Ufer.

Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) verteidigte den Transport. „Es spricht alles dafür, radioaktive Abfälle von drei auf zwei Standorte zu konzentrieren“, sagte er gestern an der Schleuse Kochendorf in Bad Friedrichshall. Durch die Verlagerung der insgesamt 15 Castor-Behälter könnten in Obrigheim „Jahrzehnte früher wieder neue Wiesen entstehen“. Untersteller bezeichnete sich selbst als Kernkraftgegner. „Irgendwo ist es eine Schizophrenie der Geschichte, dass ich heute den Müll mit wegräumen kann, den andere uns hinterlassen haben“, meinte er. Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“ kritisierte den Transport hingegen als „Verantwortungslosigkeit sondergleichen“.

In Bad Wimpfen stoppten Atomkraftgegner den Castor-Transport auf dem Neckar vorübergehend. Vier Aktivisten der Umweltschutzorganisation Robin Wood seilten sich mit einem Transparent mit der Aufschrift „Verhindern statt verschieben“ von einer Brücke ab. Spezialkräfte der Polizei, die in Bergrettungslehrgängen geschult sind, beendeten den Protest nach etwa einer Stunde.

„Wir haben zwar Puffer eingeplant, aber eine Verzögerung ist nicht wegzudiskutieren“, räumte ein Polizeisprecher ein. Er sprach von einer Straftat. „Die Demon­stranten erwartet eine Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Verkehr sowie wegen Nötigung“, sagte er. Die Organisatoren des Transports würden möglicherweise zudem eine Erstattung der Kosten fordern.

Auch in Heilbronn protestierten Atomkraftgegner gegen den Transport. Redner warfen bei der Kundgebung insbesondere Umweltminister Untersteller Versagen vor. „Er spricht immer von größtmöglicher Sicherheit - aber in Wahrheit ist es nur die geringste Sicherheit, die das Gesetz vorgibt“, sagte einer der Redner. „Eine Atomaufsicht, die diesen Namen verdient, gibt es nicht“, erklärte ein weiterer Redner. Viele der mehrere Dutzend Teilnehmer trugen Transparente mit Sprüchen wie „Castor verschifft: Bevölkerung verladen“ oder „Atomkraft? Nein danke“.

Das Umweltministerium in Stuttgart teilte mit, die Strahlenmessungen an der Strecke des Transports deuteten auf einen „einwandfreien“ Ablauf hin. „Gleiches gilt für das Schiff selbst“.

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