Windräder im Wald erzeugen sehr häufig Widerstand – auch in Stuttgart. Foto: dpa/Daniel Karmann

Im Wald bei Weilimdorf ist ein Vorranggebiet für Windräder geplant. Zudem möchte die Stadt Stuttgart dort eine 2015 abgelehnte Fläche erneut in die Pläne aufnehmen. Eine Bürgerinitiative von damals ist deshalb jetzt reaktiviert worden.

Taugt eine Großstadt als Standort für Windräder? Diese Frage bricht sich gerade wieder mit Wucht Bahn im Stuttgarter Nordwesten, im Wald zwischen Weilimdorf, Feuerbach und Botnang. Dort hält der zuständige Regionalverband Stuttgart am „Sandkopf“ auf 41 Hektar Windräder für möglich. Bisher soll nur die Fläche reserviert werden; wie viele Anlagen gebaut würden, entschiede sich erst später. Daneben will die Stadt Stuttgart aber den Verband auffordern, direkt anschließend ein weiteres Gebiet in die Planung aufzunehmen, den Tauschwald. Dort wäre vermutlich Platz für zwei Windräder.

Seit rund zwei Wochen herrscht nun Aufregung in den Bezirken. Vor acht Jahren war der Standort nämlich schon einmal diskutiert worden – die Stadtwerke Stuttgart hätten dort gerne zwei Anlagen gebaut und würden es wohl gerne wieder tun. Am Ende lehnte eine Mehrheit aus CDU, Freien Wählern und FDP den Tauschwald bei der Abstimmung im Regionalparlament ab. Aber auch der Nabu und der Bund hatten damals den Tauschwald beschützt, weil dort etwa 25 Arten, die auf Roten Listen stehen, vorkämen.

Claus-Jürgen Lang kann deshalb gar nicht verstehen, warum der Tauschwald plötzlich wieder auf der Agenda steht; er vermutet ideologische Gründe. Der zweite Vorsitzende des Vereins Pro Tauschwald war schon vor acht Jahren in der Bürgerinitiative dabei. Jetzt wurde diese schnell aus ihrem Dornröschenschlaf reaktiviert. Rund 40 Mitglieder habe man derzeit.

Die große Bedeutung des Tauschwalds als Naherholungsgebiet – den Begriff „Sandkopf“ habe er noch gar nie gehört – ist für Lang einer der wichtigsten Ablehnungsgründe. So viele Menschen würden dort spazieren gehen und auftanken. Der Regionalverband prüft tatsächlich diesen und viele andere relevante Schutzgüter; das Ergebnis lässt sich in Steckbriefen für jedes Gebiet nachlesen. Den Tauschwald sieht die Region zumindest bisher sowieso nicht als sinnvollen Standort an, wie deren Sprecherin Alexandra Aufmuth sagte. Aber auch für den eingeplanten Sandkopf (im Fachjargon „S-02“) heißt es: „Eine Beeinträchtigung der Erholungsfunktion des Gebietes und des Landschaftsbildes ist zu prognostizieren.“ Sprich: in einem späteren Verfahren könnte dieser – und andere – Punkte gegen eine Genehmigung oder zumindest für Auflagen sprechen.

Der Artenschutz ist noch gewichtiger. Es gebe am Sandkopf windkraftsensible Arten wie Wanderfalken oder bestimmte Fledermausarten, sagt auch der Regionalverband. Zudem seien geschützte Biotope vorhanden. Auch da seien erhebliche Beeinträchtigungen nicht auszuschließen.

Aus Sicht der Bürgerinitiative sprechen auch die vorhandenen Leitungen der Bodenseewasserversorgung gegen Windräder. Der Regionalverband schreibt hier aber nur einen Abstand von mindestens sechs Metern vor.

Ein weiterer Hinderungsgrund der Gegner ist das Schloss Solitude, das kaum einen Kilometer entfernt liegt. Tatsächlich wurde das Schloss als eine von 37 „regionalbedeutsamen Landmarken“ ausgewiesen, die besonders geschützt sind. In der Beurteilung heißt es aber zum Sandkopf: „Eine Beeinträchtigung ist nicht auszuschließen, hängt jedoch von der Standortwahl ab.“ Unterm Strich sehen die Gegner aber „Sandkopf“ und Tauschwald als ungeeignet an, weil am Rand einer Großstadt zu viele Kriterien dagegen sprächen.

Auch im jüngsten Ausschuss für Klima und Umwelt der Stadt Stuttgart hatte der Standort für sehr geteilte Meinungen gesorgt. Bürgermeister Peter Pätzold (Grüne), der schon 2015 als damaliger Fraktionsvorsitzender der Grünen den Tauschwald befürwortet hatte, sprach sich erneut dafür aus. Damals habe der Regionalverband die Fläche vor allem abgelehnt, weil es einen Schattenwurf gegeben hätte auf eine Wohnnutzung im Außenbereich und auf Kleingartenanlagen: „Diese immissionsschutzrechtliche Problematik war allerdings als lösbar bewertet worden“, so Pätzold. Auch eine Großstadt wie Stuttgart müsse ihren Anteil liefern, sagte er ganz grundsätzlich. Man könne nicht immer nach dem Sankt-Florians-Prinzip sagen, die Anlagen sollen anderswo aufgestellt werden.

Der Stuttgarter Landtagsabgeordnete Friedrich Haag (FDP) wettert gegen die Pläne der Stadt: „Der Stuttgarter Tauschwald darf keinem grünen Schaufensterprojekt zum Opfer fallen.“ Er hat eine Anfrage an den Landtag gestellt; allerdings ist das Land für die konkrete Auswahl der Standorte nicht zuständig.

Ein Bezirksbeirat stimmt knapp mit Nein, einer knapp mit Ja

Der Bezirksbeirat Feuerbach hat die Standorte bei neun Ja- und neun Gegenstimmen abgelehnt. In der Sitzung hat Jan Ferenz vom Amt für Stadtplanung und Wohnen die Pläne verteidigt. Der Vorwurf, dass nicht ausreichend Wind vorhanden sei, stimme nicht. Es habe 2019 eine Messung mit besseren Ergebnissen gegeben, zudem habe sich die Technik der Windräder weiterentwickelt, so wird Ferenz im Protokoll der Sitzung wiedergegeben. Natürlich bedeute jedes Windrad im Wald Eingriffe in die Natur. Aber eine Verstromung von Kohle und Gas sei definitiv umweltschädlicher.

Am Mittwochabend hat der Bezirksbeirat Weilimdorf die Stellungnahme der Stadt und damit neben dem Grünen Heiner und dem Sandkopf auch den Tauschwald mit neun Ja- und acht Gegenstimmen gebilligt, wie Bezirksvorsteher Julian Schahl mitteilt.

Wie prekär das Gleichgewicht aus Energiewende und Artenschutz ist, zeigt aber auch diese Stellungnahme der Stadt. Die Verwaltung bittet nämlich zugleich den Regionalverband, den östlichen Teil des „Sandkopfes“ zu streichen, weil man dort ein Waldrefugium einrichten wolle. Diese Art von Bannwald sei nicht möglich, wenn dort ein Windrad stehe.