Das Unternehmen will die Anlagen in Schwieberdingen mit einem Investor verwirklichen. Es deutet sich an, dass weitere Projekte im Landkreis Ludwigsburg folgen werden.
Das Land verfolgt ambitionierte Ziele, möchte bis 2040 klimaneutral aufgestellt sein. Deshalb soll auch der Ausbau der Windkraft forciert werden, der bislang eher stotternd verläuft. Ganze fünf Anlagen seien bislang in diesem Jahr in Baden-Württemberg in Betrieb gegangen, konstatierte Raphael Montigel, Landesgeschäftsstellenleiter des Bundesverbands Windenergie, am Mittwoch bei einer Infoveranstaltung in der Schwieberdinger Turn- und Festhalle, die der Grünen-Landtagsabgeordnete Markus Rösler initiiert hatte. Geradezu verheerend ist die Bilanz im Landkreis Ludwigsburg. Hier dreht sich bis dato überhaupt nur ein Windrad, das in Ingersheim. Doch nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen.
Die Firma Bosch hat sich auf die Fahnen geschrieben, perspektivisch den Standort in Schwieberdingen zu rund einem Drittel mit Strom aus regenativen und regionalen Quellen zu versorgen. Weil sich dieses Ziel mit Fotovoltaik alleine nicht erreichen lässt, hat sich der Konzern einen Investor und Betreiber ins Boot geholt, der zwei Windräder realisieren möchte. Und zwar quasi vor der Haustür von Bosch, in einem Korridor zwischen der B 10, der A 81 und der Landesstraße nach Korntal-Münchingen. Von dort soll ein rund zwei Kilometer langes Kabel zu dem Unternehmen verlegt werden, das dann den Strom komplett und garantiert für die nächsten 20 Jahre abnehmen würde.
Der Strom soll ab 2026 fließen
Die Anlagen sollen laut Ulrich Schneider, Experte für Energieversorgung bei dem Konzern in Schwieberdingen, bis zur Flügelspitze 261 Meter hoch sein und über eine Leistung von je 7,2 Megawatt verfügen. Damit könnten sich rund 3500 Vier-Personen-Haushalte mit Strom versorgen lassen. Der Abstand zur Wohnbebauung betrage Richtung Schwieberdingen 1500 Meter, nach Korntal-Münchingen sind es 1400 Meter, nach Möglingen 1900. Der geringste Puffer besteht zu den Aussiedlerhöfen Kirchhöhe mit 700 Metern, was dem Mindestmaß entspreche. „Unser Wunsch wäre, ab 2026 den Strom zu bekommen“, sagte Schneider. Damit würden sich die Windräder im Bereich Ried/See also schon in vier Jahren drehen.
Dem Bosch-Vertreter ist allerdings bewusst, dass auf dem Weg dahin einige dicke Bretter zu bohren sind, angefangen bei der Grundstücksfrage. „Wir wissen nicht, ob wir die Flächen bekommen“, gab Schneider beispielsweise zu bedenken. Man müsse in dem Areal mit mehr als 40 Parteien verhandeln. Von dem Ausgang der Gespräche hänge auch ab, wie viele Anlagen an diesem Standort tatsächlich realisiert werden können. Vielleicht lasse sich am Ende nur ein Windrad bauen, womöglich jedoch sogar drei.
Gemeinderat muss zustimmen
Zünglein an der Waage bei der Entscheidung über die Anzahl der Windräder könnten auch Gutachten spielen, ergänzte der Schwieberdinger Rathauschef Nico Lauxmann, der zudem hervorhob, dass das Verfahren erst am Anfang stehe und auch der Gemeinderat den Planungen zustimmen müsse. Wenn es nach dem Bürgermeister selbst geht, wird man Bosch freilich keine Steine in den Weg legen. „Die vorliegenden Überlegungen des bei uns ansässigen Unternehmens sind nach meiner Einschätzung nachvollziehbar und überzeugend in Ziel und Umsetzung“, sagte er. Das Areal sei zudem für diesen Zweck ideal.
Auch interkommunale Projekte möglich
Lauxmann betonte ferner, dass die Pläne von Bosch nicht das letzte Wort in Sachen Windkraft auf der Gemarkung sein sollen. Man wolle dem Gemeinderat die Prüfung weiterer potenzieller Standorte ans Herz legen. Dazu werde man anregen, interkommunale Projekte ins Auge zu fassen. Der Verwaltungschef ließ überdies anklingen, dass er bei einzelnen Vorhaben eine bürgerschaftliche Beteiligung begrüßen würde. Theoretisch und falls es die Abstände der Anlagen untereinander zuließen, wäre das sogar schon am Standort Ried/See möglich, sagte Thomas Kiwitt, Technischer Direktor beim Verband Region Stuttgart. Schließlich könnten sich hier auch Bürger gegebenenfalls um Areale für ein eigenes Windrad bemühen.
Aufbruchstimmung in puncto grüne Energien scheint auch in Tamm entfacht worden zu sein. Ein Mann erkundigte sich bei den Referenten des Abends am Rande der Veranstaltung, wie von Bürgerseite der Bau eines Windrads forciert werden könnte. Wobei die Voraussetzungen dafür im Landkreis unterschiedlich sind. Das dokumentierte Kiwitt anhand eines Auszugs aus dem Windatlas. Grob gesagt sind im Nordwesten mit Sachsenheim und Freudental an der Spitze sowie im Südwesten mit Schwerpunkten rund um Hemmingen, Ditzingen und Eberdingen wohl die größten Erträge zu erzielen beziehungsweise Anlagen überhaupt nur möglich oder lohnenswert. Im Zentrum und Osten sieht es mager aus mit Ausnahmen von schmalen Zonen wie in Kornwestheim oder Oberstenfeld. Allerdings, versicherte Kiwitt, muss das Kartenwerk nicht das alles entscheidende Kriterium sein. Wenn man nachweisen könne, dass ein Standort außerhalb dieses Rasters funktioniere, könne man damit ebenfalls einen Anlauf wagen.
Zweites Windrad für Ingersheim?
Jubiläum
Das momentan einzige Windrad im Landkreis Ludwigsburg steht in Ingersheim. Dem Bau waren langwierige Diskussionen vorausgegangen. Inzwischen können die Betreiber, eine Energiegenossenschaft, darauf anstoßen, dass die Anlage seit zehn Jahren läuft und sich zu einem Vorzeigeprojekt entwickelt hat. Das Windrad ist bis zur Flügelspitze 179 Meter hoch, hat eine Leistung von zwei Megawatt und deckt laut Vorstand Dieter Hallmann den Jahresbedarf von rund 1200 Haushalten. Die Anlage habe 3,6 Millionen Euro gekostet und sei mittlerweile komplett abbezahlt. „Wir können also den Nachweis der Wirtschaftlichkeit geben, auch an einem windschwachen Standort“, sagte Hallmann am Mittwoch bei der Infoveranstaltung in Schwieberdingen.
Ausblick
Hallmann macht sich dafür stark, in Ingersheim den Weg für ein zweites Windrad freizumachen. Der Standort könne neben dem bestehenden ausgewiesen werden. Der Genossenschafts-Vorstand schätzt, dass sich damit zwischen sieben und neun Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren ließen. „Wir glauben, dass wir das realisieren können“, sagte er.