Absperrbänder rund um den Tatort zeugten vom Ausnahmezustand. Foto: oh - oh

Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen fünf Männern und einem darauf folgenden SEK-Einsatz hat die Polizei am Freitag weitere Verdächtigte festgenommen. Einer wurde inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt, vier wurden dem Haftrichter vorgeführt.

PlochingenDie lärmenden Baumaschinen sind am Freitagmorgen die einzigen Geräusche in der Plochinger Bahnhofstraße. Sonst herrscht Ruhe. Es sind nur wenige Menschen unterwegs. Ein krasser Gegensatz zum Donnerstagabend. Für einige Stunden erlebte die Stadt da nämlich einen Ausnahmezustand. Streifenwagen blockierten weiträumig die Zufahrtsstraßen zum Ort des Geschehens, überall blinkten Blaulichter, Polizeihubschrauber kreisten über der Stadt. Schutzpolizei, Bundespolizei und ein Sondereinsatzkommando (SEK) hatten nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung am Abend die Stadt rund um einen Laden in der Bahnhofstraße abgeriegelt. „In der gesamten Bahnhof- und Esslinger Straße war Polizei, SEK, schwer bewaffnet. Sie rieten den Menschen auf der Straße, das Haus nicht zu verlassen“, schildert ein Zeuge seine Eindrücke.

An den Bussteigen am Bahnhof standen zahlreiche Mannschafts- und Streifenwagen. Auf den Bahnsteigen und in den Unterführungen unter den Gleisen patrouillierten Polizisten in voller Montur, viele trugen Maschinenpistolen und Helme zur schusssicheren Weste. Die Unsicherheit vieler Passanten war mit Händen zu greifen. Eine ältere Dame, die mit dem Zug aus Richtung Göppingen angekommen und noch nichts von dem Zwischenfall erfahren hatte, wunderte sich: „Was ist denn hier los? Da hätte die Bahn ja schon im Zug oder wenigstens nach der Ankunft am Bahnhof eine kurze Ansage machen können, damit man weiß, was los ist. Kann man denn überhaupt gefahrlos den Bahnhof verlassen?“ So wurden immer wieder patrouillierende Polizeibeamte um Auskunft gebeten, denn die Lage war zumindest für Passanten lange Zeit unübersichtlich – auch dann, als die ersten Meldungen kursierten, dass ein Tatverdächtiger gefasst worden war.

Zum Hintergrund: Gegen 16.45 Uhr hatte die Polizei mehrere Notrufe erhalten, aus denen hervorging, dass zwei Männer von Unbekannten angegriffen und verletzt seien sollten. Dabei sei ein Messer im Spiel gewesen. Auch Schüsse seien gehört worden. Mehrere Männer seien flüchtig. Die beiden 21 und 29 Jahre alten Verletzten wurden in Kliniken eingeliefert. Nach Angaben der Polizei erlitt der 29-Jährige Stichverletzungen, der Jüngere mutmaßliche Schussverletzungen. Auf Twitter informierte die Polizei erstmals um 17.36 Uhr über den Vorfall. Man sei „mit starken Kräften vor Ort“, hieß es. Im Minutentakt meldete sich die Polizei danach bei den Twitter-Nutzern, um ihnen neue Informationen zu geben. Ebenfalls auf Twitter entwickelte das Hashtag (#) Plochingen schnell ein Eigenleben. Auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Russisch spannen Nutzer schnell die wildesten Theorien – oft stützten sie sich dabei auf Eilmeldungen von unseriösen Internetmedien. Von „Terror“ war die Rede, von „Shooting Spree“ (zu Deutsch: Amoklauf) oder „Blutbad“. In dem sozialen Netzwerk schwankte die Zahl der Verletzten zwischen mindestens zwei und mehr als fünf. In einer Facebook-Gruppe teilte eine Nutzerin sogar fälschlicherweise mit, zwei Personen seien durch Schüsse getötet worden.

„Das ist leider in der heutigen Zeit normal. Wir haben mit sehr vielen unsachlichen Kommentaren zu tun“, erklärt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen, in dessen Zuständigkeit auch Plochingen fällt. „Wenn man die Sache nicht aufbläst, ist es ja nicht interessant genug.“ Um den im Netz kursierenden Falschmeldungen etwas entgegenzusetzen, äußerte die Polizei sich schließlich um 19.28 Uhr auf Englisch. Zwei Personen seien verletzt, ein 20-jähriger Verdächtiger festgenommen und nach weiteren Beteiligten werde mit „special forces“ (zu Deutsch: Spezialeinsatzkräfte) gefahndet. „Wir versuchen stets, unsere Leser in allen gängigen Sprachen zu informieren“, so der Polizeisprecher am Freitag.

Wie im Laufe des Freitags bekannt gegeben wurde, sind in der Nacht drei weitere Männer im Alter von 19 und zweimal 29 Jahren festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart und die Kriminalpolizeidirektion Esslingen ermitteln gegen sie und den bereits am Abend festgenommenen 20-Jährigen wegen des Verdachts auf ein versuchtes Tötungsdelikt. Auch gegen den verletzten 21-Jährigen wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil er an dem Angriff auf das 29-jährige Opfer beteiligt gewesen sein soll.

Während der 19-Jährige am Freitag wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, sollen der 20-Jährige, der 21-Jährige und die beiden 29 Jahre alten Festgenommenen am Freitagmittag dem Haftrichter vorgeführt werden. Die Beschuldigten sind unter anderem wegen Gewaltdelikten polizeilich bekannt. Die Kriminalpolizei stellt weiterhin Ermittlungen zum genauen Ablauf und den Hintergründen der Tat an.

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