In Stuttgart geboren, aber noch nicht hinreichend gewürdigt: Fritz Bauer (1903-1968). Foto: picture alliance/dpa

Fritz Bauer zählt zu den größten Söhnen der Stadt. Doch der leidenschaftliche Demokrat und Initiator der Auschwitz-Prozesse hat hier erst spät eine Würdigung erfahren.

Die von Schülerinnen des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums und unserer Zeitung anlässlich von Fritz Bauers 120. Geburtstag vor drei Jahren angestoßene Diskussion um ein stärkeres Sichtbarmachen des großen Demokraten und Nazi-Jägers in seinem Geburtsort Stuttgart gewinnt neuen Schwung.

Auf Initiative von Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur „Der Liebe wegen“ des Vereins Weissenburg diskutierten am Wochenende Geschichtsinteressierte und Stadträte über die Frage einer angemessenen Ehrung dieses „großen Sohnes“ der Stadt – ausgehend von der Anregung Bogens, den 1903 in Stuttgart geborenen und 1968 in Frankfurt gestorbenen Fritz Bauer posthum zum Ehrenbürger zu machen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Bauer, der als hessischer Generalstaatsanwalt und Initiator der Auschwitz-Prozesse Bekanntheit erlangte, ein „Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht war“ und sich für die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen zwischen Männern eingesetzt habe – ein Paragraf im Strafgesetzbuch, der von den Nationalsozialisten verschärft worden war und bis 1969 unverändert in Kraft blieb. Die AG Queere Erinnerungskultur hat dazu eine Unterschriftenaktion gestartet; bisher haben rund 2000 Menschen unterschrieben, darunter mehr als 200 Schülerinnen und Schülern des Wagenburg-Gymnasiums. Die Unterschriften sollen beim CSD-Jahresempfang an diesem Freitag an die Bürgermeisterin Isabel Fezer übergeben werden.

Andreas Keller, Vorsitzender des Vereins Zeichen der Erinnerung, unterstützt dieses Anliegen nachdrücklich – auch wenn nach Auskunft der Stadt laut Gemeindeordnung nur lebende Personen Ehrenbürger werden könnten und für eine Unterscheidung in Ehrenbürgerrecht und Ehrenbürgerwürde, wie sie beispielsweise die Stadt Göttingen vornimmt, in Stuttgart die rechtliche Grundlage fehle. Der Erste Bürgermeister Fabian Mayer hatte auf die „in Stuttgart übliche Praxis“ verwiesen, bedeutende verstorbene Persönlichkeiten durch die Benennung einer Straße oder eines Platzes zu ehren.

Mehrere Plätze in Stuttgart sind in der Diskussion

Nach Meinung Kellers sollte im Fall Fritz Bauers beides möglich sein: „Die Ehrenbürgerwürde und eine prominente Platzbenennung – auch wenn das in Stuttgart bisher nicht Usus war.“ Keller appellierte an den Gemeinderat, „zwei Leuchtpunkten“ zuzustimmen und damit einen Beitrag für die Erinnerungskultur zu leisten. Die Stimme von Dejan Perc hat er sicher: „Der Stadt stünde dies gut zu Gesicht“, betonte der SPD-Stadtrat. Fritz Bauer hätte die Ehrenbürgerwürde, die man ihm, dem Unbequemen, zu Lebzeiten nie verliehen hätte, allemal verdient. Elke Banabak, Geschäftsführerin des Lern- und Gedenkorts Hotel Silber, pflichtet dem bei. Es wäre gut, Fritz Bauer würde als Ehrenbürger symbolisch „zurück nach Stuttgart kommen“, sagte sie. Ralf Bogen kann sich alternativ zur Ehrenbürgerwürde auch einen neuen Preis vorstellen: „Eine posthume Ehrung für demokratisches Engagement“ samt einer prominenten Würdigung Fritz Bauers in der Ahnengalerie des Rathauses.

April 2024: Erster Bürgermeister Fabian Mayer mit Schülerinnen des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums bei der Einweihung der Fritz-Bauer-Stele in der Wiederholdstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

An Vorschlägen für einen Fritz-Bauer-Platz fehlt es derweil nicht, wie Christian Serdarusic von der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur der Stadt erklärte. Dazu zählt ein Platz im Umfeld des Amtsgerichts – Bauers früherer Wirkungsstätte. Stadtrat Christoph Ozasek (Puls) unterstützt diesen auch von Ralf Bogen favorisierten Vorschlag ausdrücklich. Im Bezirksbeirat Nord gibt es Überlegungen, den Platz um den Libellenbrunnen am Herdweg direkt vor dem Eberhard-Ludwigs-Gymnasium – seiner ehemaligen Schule – nach Fritz Bauer zu benennen.

Ein weiterer Vorschlag: ein Fritz-Bauer-Stipendium

„An der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur soll eine bessere Ehrung nicht scheitern“, sagte Christian Serdarusic. Gleichzeitig verwies er darauf, dass in Sillenbuch 2010 die ehemalige Heinrich-von-Treitschke-Straße, benannt nach einem dem Nationalsozialismus nahestehenden Historiker, in Fritz-Bauer-Straße umbenannt worden ist, und 2024 auf Anregung von Schülerinnen des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums in der Wiederholdstraße im Stuttgarter Norden eine Gedenkstele aufgestellt wurde. Dort befand sich das Wohnhaus der Familie Bauer.

Für Marcel Roth (Grüne) ist etwas anderes entscheidend: „das regelmäßige Erinnern“. Ein Fritz-Bauer-Stipendium könnte dazu beitragen, „dass Erinnerungskultur auch wirklich lebendig ist“.