Der Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in ganz Deutschland, hier ein Beispiel aus Stuttgart, in der Azenbergstraße 57 zum Gedenken an Fritz Sontheimer, Paul Sontheimer und Heinz Sontheimer. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Filderstadt plant mit Hilfe von Schülern erste Stolperstein-Verlegungen. In Leinfelden-Echterdingen ist man noch nicht so weit. Warum?

Warum gibt es in Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt keine Stolpersteine? Die Frage kam kürzlich anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages auf. Tatsächlich ist sie mehr als berechtigt, gibt es doch das Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig seit 1992. Schon seit 2003 erinnern Stolpersteine in Stuttgart an Opfer des NS-Regimes. Und ganz aktuell werden am 20. Februar im benachbarten Neuhausen auf den Fildern erstmals fünf Stolpersteine verlegt.

Auf Anfrage gibt der Leiter des Stadtarchivs Filderstadt, Nikolaus Back, einen wichtigen Hinweis, warum in den meisten Filderorten das Thema Stolpersteine in der Vergangenheit kaum Beachtung fand: „In Filderstadt lebten keine jüdischen Familien“, erklärt der Historiker. Jedenfalls nicht zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Grund: Der Antisemitismus ist keine Erfindung der Nazis. „Im altwürttembergischen Gebiet wurden die Juden schon zu Zeiten von Herzog Eberhard im Bart vertrieben“, so Back. Also bereits um 1500.

Die sich daraus entwickelnde Judenfeindschaft hat das evangelische Württemberg in der Folge mehr als 300 Jahre geprägt. Als im 19. Jahrhundert im Zuge der sogenannten Emanzipationsdebatte Menschen jüdischen Glaubens nach und nach hierzulande wieder Fuß fassten, taten sie das vor allem in größeren Städten, dort, wo es Arbeit gab.

Stolperstein-Bewegung in Filderstadt

Gleichwohl bewegt sich nun zumindest in Filderstadt in Sachen Stolpersteine etwas. Impulsgeber sind hier die Schüler der Geschichts-AG des Elisabeth-Selbert-Gymnasiums in Bernhausen. Wie die Leiterin der AG, die Geschichtslehrerin Madlena Müller-Karpe, erzählt, hatten die Schüler der AG vor rund zwei Jahren Stadtarchivar Back zu einem Vortrag über den Nationalsozialismus in Filderstadt eingeladen. „Da kam die Frage auf, wo es hier Stolpersteine gibt“, so die Lehrerin.

Auch hier sei zwar zunächst der Hinweis auf die frühe Judenvertreibung gekommen. Doch Back gab in diesem Zusammenhang den Tipp, dass man durchaus nach anderen Opfern des NS-Regimes in Filderstadt suchen könnte. Zum Beispiel nach Euthanasie-Opfern oder politisch Verfolgten. Wichtig in diesem Zusammenhang: Stolpersteinen erinnern immer dort an NS-Opfer, wo sie auch nachweislich gewohnt und gelebt haben.

Der Forscherdrang der Schüler war entfacht. Seit zwei Jahren versuchen sie in der Sache Licht ins Dunkel zu bringen. Madlena Müller-Karpe betont, dass in Filderstadt die Unterstützung für das Projekt von Anfang an da war. Mit Hilfe der Geschichts-AG will Back nun in den kommenden Monaten die Recherchen abschließen, sodass Ende 2026 oder Anfang des kommenden Jahres auch in Filderstadt die ersten Stolpersteine verlegt werden könnten. Back rechnet, genauso wie in Neuhausen, mit rund fünf bis sechs Euthanasie-Opfern, von denen man verlässlich die Wohnadressen ermitteln konnte. Bei diesen Opfern handelte es sich meist um psychisch Kranke.

Die Stolpersteine, hier als Beispiel ein Stein, der in Stuttgart-Vaihingen verlegt wurde, sollen an NS-Opfer erinnern. Foto: Torsten Schöll

Ein politisch Verfolgter, der für eine Stolperstein-Verlegung in Filderstadt in Frage kommt, sei der ehemalige SPD-Ortsvereinsvorsitzende von Plattenhardt, Reinhold Eckardt. Wie Back erklärt, sei Eckardt 1933 während des Wahlkampfs in Stuttgart in eine Live-Rundfunk-Sendung eingedrungen und habe „Nieder mit Hitler“ gerufen. Er konnte in die Schweiz fliehen.

Warum gibt es keine Stolpersteine in Leinfelden-Echterdingen?

Und in Leinfelden-Echterdingen? Dort verweist man ebenfalls auf die Tatsache, dass es nach bisherigem Kenntnisstand „keine jüdischen Mitbürger gab, die deportiert und in einem Vernichtungslager umgekommen sind“, so ein Sprecher der Stadt. Zwar wisse man von einer jüdischen Familie, doch diese sei vorzeitig emigriert.

„Die Umstände der Emigration sind bislang nicht näher bekannt und erfordern gegebenenfalls noch weitere Recherche“, heißt es weiter. Zudem sei zu klären, ob in diesem Fall die Kriterien für die Verlegung von Stolpersteinen erfüllt seien. „Sobald dies erfolgt ist, werden wir dazu auch in den Dialog mit dem Gemeinderat gehen“, so der Sprecher.

Nicht beantwortet ist indes die Frage, ob es in Leinfelden-Echterdingen wie in Filderstadt und Neuhausen möglicherweise nicht-jüdische Opfer des Nationalsozialismus gegeben hat. Die Stadt verweist darauf, dass ihr Schwerpunkt des Erinnerns vor allem in der Aufarbeitung der Schicksale der jüdischen Zwangsarbeiter des ehemaligen KZ-Außenlagers am Flughafen liege.