Elizabeth Hejl mit ihrem Mann Martin Foto: oh - oh

Von Melanie Braun
Sie sind entsetzt: Viele Amerikaner, die in Esslingen und der Umgebung leben, können es kaum fassen, dass Donald Trump zum nächsten Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde. Diejenigen, mit denen die EZ gesprochen hat, waren zwar keine glühenden Fans von Hillary Clinton, sahen in ihr als mögliche Präsidentin aber das weit geringere Übel. Die Wahl des Republikaners Trump hingegen wird als Albtraum und Schande bezeichnet.
John Outland ist fassungslos über den Ausgang der Wahl. Der 64-Jährige aus dem US-Bundesstaat Tennessee, der vor 33 Jahren nach Deutschland kam und seit mehreren Jahren den Esslinger Chor Singebration leitet, spricht von einer riesigen Enttäuschung: „Ich bin zutiefst entsetzt, schockiert und ausgesprochen traurig.“ Es sei unglaublich für ihn, dass es den Leuten offenbar nichts ausmache, wie sehr sich Trump daneben benehme. „Was er getan hat, ist unter aller Würde“, findet Outland mit Blick auf die abwertenden Äußerungen über Frauen, Immigranten und Behinderte.
„Heute schäme ich mich, Amerikaner zu sein“, sagt er. Trumps Erfolg sei eine riesige Schande und ein Schock für die ganze Welt, findet der Musiker. Zwar sei die Demokratin Hillary Clinton von kaum jemandem die erste Wahl gewesen, „aber ich kenne keinen vernünftigen Menschen, der für Trump gestimmt hat“, sagt Outland.
Aus Sicht des 64-Jährigen war hier vor allem die Bildung entscheidend: Donald Trump sei von vielen Leuten mit einem niedrigen Bildungsstand gewählt worden. Zudem sei der Vorstoß des FBI-Direktors James Comey, der wenige Tage vor der Wahl verkündet hatte, dass die Untersuchungen zu Clintons E-Mail-Affäre wieder aufgenommen worden seien, fatal gewesen. „Das hat die Meinungen deutlich geändert“, glaubt Outland. Er sei sehr enttäuscht von diesem unüblichen Verhalten.
Da ist er sich einig mit Stephanie Thiede. Die 20-Jährige aus Michigan ist vor etwa acht Wochen nach Esslingen gekommen, um an der Hochschule Maschinenbau zu studieren. Auch sie ist völlig schockiert darüber, dass die E-Mail-Affäre so kurz vor der Wahl wieder aufgewärmt wurde: „So etwas kann die Leute so leicht beeinflussen.“ Thiede selbst war klar gegen eine Präsidentschaft von Trump – und angesichts der jüngsten Umfrageergebnisse auch ziemlich sicher, dass Clinton gewinnen würde. Aber sie erzählt, dass viele ihrer Freunde in den USA so enttäuscht davon gewesen seien, wie Hillary Clinton ihr Land betrogen habe. Und dass sie deshalb Trump gewählt hätten. Sie selbst finde den Republikaner einfach nur furchtbar. Er habe sich so oft daneben benommen, habe so viele Leute beleidigt und zudem überhaupt keine politische Erfahrung: „So sollte man als Präsident nicht sein.“
Ähnlich sieht es auch Elizabeth Hejl, die aus dem US-Bundesstaat Wisconsin kommt und seit vier Jahren in Deutschland lebt – derzeit in Horb. Die 48-Jährige ist mit einem Esslinger verheiratet und froh, dass sie den Wahlkampf nur von Ferne miterleben musste. Denn von Freunden und Familienangehörigen wisse sie, wie sehr die Menschen in den USA in den vergangenen Wochen mit Wahlwerbung geradezu bombardiert wurden. Über den Ausgang der Wahl ist auch Hejl schockiert: „Das ist ein Albtraum für uns.“ Sie hätte nicht geglaubt, dass wirklich Trump das Rennen machen könne. Noch um ein Uhr nachts habe es so ausgesehen, als könne Clinton gewinnen. Der Schock sei beim Aufstehen gekommen: „Hass und Angst haben gewonnen“, sagt Hejl – denn dies habe Trump gesät. Darüber könne auch seine versöhnliche Rede als Wahlsieger nicht hinwegtäuschen: „Ich glaube ihm kein Wort“, betont Elizabeth Hejl. „Ich sehe nichts Positives an ihm.“
Sally Iervolino ist ähnlicher Meinung. „Ich bin geschockt“, sagt die 44-Jährige aus New York, die seit 20 Jahren in Esslingen lebt. Sie ist schwer enttäuscht von den Wählern in ihrer Heimat und höchst besorgt: „Ich zweifle an Trumps Qualifikation für solch ein Amt.“ Zudem passe Trump mit seinem Rassismus und Sexismus nicht zu Amerika, das doch eigentlich auf Vielfalt gründe. Iervolino befürchtet, dass Trump dieses Selbstverständnis Amerikas zerstört – und das demokratische System beschädigt.
Christine Howell sieht die Sache nicht ganz so schwarz. Die 47-Jährige aus Südkalifornien, die vor acht Jahren nach Deutschland kam und in Ostfildern lebt, hofft auf neue Impulse: „Vielleicht bringt Trump etwas Neues mit, weil er kein Politiker ist“, sagt sie. Für sie ist es zumindest positiv, dass Trump ein Geschäftsmann ist, das helfe sicher der Wirtschaft. Allerdings ist sie besorgt, weil der künftige Präsident nicht genug politische Erfahrung habe: „Ich hoffe, dass er sich mit Leuten umgibt, die sich auskennen“, sagt sie – gerade auf Feldern wie der Bildungs- oder Außenpolitik. Ein Fan sei sie jedoch weder von Trump noch von Clinton gewesen: „Wir hatten keine gute Auswahl.“

„Etwas Geniales hingekriegt“

Auch John Barrows, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt, würde sich nicht als Trump-Anhänger bezeichnen. Aber der 67-Jährige zollt dem Wahlsieger durchaus Respekt: „Er hat etwas Geniales hingekriegt“, findet er – allein dadurch, dass er es geschafft habe, so weit zu kommen. Er möge zwar weder den Stil noch die politische Einstellung des Republikaners, aber Barrows findet, nun müsse man Trump als Präsident akzeptieren. Für ihn zeigt diese Wahl vor allem, dass die Leute unzufrieden seien mit dem bestehenden System. „Mit Clinton und ihren illegalen Machenschaften hätten wir andere Probleme gehabt“, sagt Barrows.
Doch wie es nun weitergehen soll in den USA, vermag sich keiner unserer amerikanischen Gesprächspartner vorzustellen:
„I have no idea – Ich habe keine Ahnung“, so der einhellige Kommentar. Kein Wunder: Keiner von ihnen hatte mit einem Sieg Trumps gerechnet. Selbst in Amerika sei man von dem Ergebnis überrascht worden, sagt Christine Howell. Man könne nur hoffen, dass sich die Überraschung positiv auswirke.

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