100 Meter lang und 100 Tonnen schwer, stinkt maximal und ist absolut ekelerregend: Ein Monster-Fettberg macht sich derzeit im Londoner Kanalsystem breit und sorgt für eine weihnachtliche Warnung. Wieder einmal.
Was stinkt bestialisch aus dem Untergrund, ist schon bei der Vorstellung ekelregend und absolut ungenießbar? Na klar, „Fatty McFatberg“ . Oder besser gesagt, der Enkel jenes legendären riesigen, steinartigen Klumpen aus Fett, Öl und Hygieneartikeln – wie Feuchttüchern-, der im Jahr 2017 die Londoner Kanalisation teilweise verstopfte und dem man eben diesen Namen offiziell gab.
Brocken aus verhärtetem Fett, Öl und Abfällen
Wie vor acht Jahren ist auch diesmal ein gewaltiger Brocken aus verhärtetem Fett, Öl und Abfällen, der mit seinem geschätzten Gewicht von etwa 100 Tonnen und einer Länge von 100 Metern die Abflussrohre unter der Weltmetropole dicht macht. Zum Vergleich: Das größtmögliche Fußballfeld darf laut DFB-Statuten bis zu 120 Meter mal 90 Meter groß sein.
Und wie 2017 steckt der „Fatberg“ im Osten Londons fest, im Stadtteil Whitechapel. Kanalarbeiter hatten das Monster – den Fettberg am Montag (23. Dezember) bei einer Routinekontrolle entdeckt, wie der Wasserversorger Thames Water mitteilt.
„Enkel“ von ‚Fatty McFatberg‘“
Das Unternehmen betitelt den unappetitlichen Fund als „Enkel“ von „Fatty McFatberg“, der 2017 ebenso in Whitechapel gefunden wurde. Dieser wog 130 Tonnen und hatte eine Länge von mehr als 250 Metern. Der Riesenklumpen gehört demnach zu den größten, die je entdeckt wurden. Eine Probe davon wurde sogar im Museum of London ausgestellt.
Der Fund des Fettbergs kurz vor Weihnachten bringt laut Thames Water jedoch eine weniger festliche Warnung für die Bürger mit sich. „Dieser jüngste Fettberg zeigt genau, was passiert, wenn Fette, Öle und Feuchttücher in unsere Abflüsse gelangen. Sie verschwinden nicht, sondern sammeln sich an und verursachen ernsthafte Schäden“, warnt der Leiter der Abfallentsorgung für Nord-London, Tim Davies. Die Entfernung des Klumpens sei außerdem teuer und könne mitunter Wochen dauern.
Wie der aktuelle Fettberg des Grauens die Millionenmetropole verstopft, wie Kanalarbeiter ihm eliminieren wollen und was alles im unterirdischen Fettberg-Biotop kreucht und fleucht, erklären wir Ihnen jetzt.
Fettberg voraus
Unterhalb der Neun-Millionen-Stadt existiert noch eine ganz andere Welt. Ein Labyrinth aus Abwasserkanälen, die meisten aus dem 19. Jahrhundert.
Weil die Bewohner der britischen Hauptstadt heißes Fett, Essensreste, Damenbinden, Windeln und was sonst noch alles einfach ins Klo und in den Abfluss kippen, leidet die Kanalisation an chronischer Verstopfung.
Auch der River Fleet, ein Nebenfluss der Themse in London, der auf fast seiner gesamten Länge unterirdisch fließt, ist ein Opfer der Umweltverschmutzung.
Riesen-Mülleimer
„Wir arbeiten hart, um Fettberge zu bekämpfen“, lautet das Motto des britischen Wasserunternehmens „Thames Water“. Dass die Bemühungen nicht immer von Erfolg gekrönt sind, zeigt das aktuelle Fettberg-Beispiel.
„BIN it, don’t BLOCK it!“ titeln die britischen Zeitungen. „Schmeißt weg, aber blockiert nicht!“ Wozu eine falsche Abfallentsorgung führen kann, sieht man jetzt mal wieder.
Down under London
In den 1850er Jahren gelangten 400.000 Tonnen ungeklärte Abwässer pro Tag in die Themse (aufs Jahr gerechnet rund 150 Millionen Tonnen). Weil der Gestank unerträglich war und Krankheiten wie Cholera grassierten, ließen die Londoner Stadtväter Kanäle bauen.
Die viktorianische Kanalisation ist bis heute das Herzstück des Londoner Abwassersystems, das ständig modernisiert wird. Wie ist es trotzdem möglich, dass ein solch monströser Fettberg entsteht? Wenn Sie sich dieses Video anschauen, wissen Sie warum.
Speckgürtel des Grauens
Nach dem traditionellen Truthahnessen zu Weihnachten spülen die Bewohner der britischen Hauptstadt Bratenfett im Volumen von zwei olympischen Schwimmbecken (50 Meter lang, 25 Meter breit, zwei Meter tief, 2,5 Millionen Liter Volumen) durch die Abflüsse.
Nur wenige Meter unter den Straßen werden aus den Essensresten stinkende Klopse, die mit Feuchttüchern, Damenbinden und Kondomen verklumpen und die fast 70.000 Kilometer lange Kanalisation Londons verstopfen.
Kampf gegen Fettberge
Mit Spaten oder Hochdruckstrahlern bekämpfen Londons Kanalarbeiter in den nächsten Wochen den Riesen-Fettberg. Unten in der Kanalisation wabert ein Strom menschlicher Ausscheidungen durch die Rinnen. Darüber, eine betonharte Decke von erkaltetem Fett, auf deren Kruste Pilze wachsen.
Jeder Spatenstich setzt das Abwasser darunter frei und den abartigen Gestank von Schwefelwasserstoff, der den Arbeiter noch tagelang anhaftet. „Es ist absolut widerlich, es stinkt einfach ekelhaft“, sagt ein Abwassertechniker. „Ein schweißiger, käseartiger Geruch vermischt mit Abwasser.“
Das Monstrum unter unseren Füßen
Was ist ein Fettberg? Der Begriff stammt vom englischen „Fatberg“ (in Anlehnung an „Iceberg“) und meint ein großen Klumpen von Fett, Damenbinden, Windeln, Fetttüchern, Nahrungs- und Gaststätten-Abfällen und anderen unappetitlichen Dingen in der Kanalisation, die nicht wie WC-Papier zu einem Brei zerfallen.
Whitechapel: Fettberge und Jack the Ripper
Der Fettberg befindet sich im Stadtteil Whitechapel im East End. Die nahegelegenen U-Bahnhöfe der London Underground sind Whitechapel und Aldgate East. Im 19. Jahrhundert trieb hier Jack the Ripper sein Unwesen.
Nachdem seit den 1840er Jahren wiederholt große Cholera-Epidemien viele Opfer unter der Londoner Bevölkerung forderten, entschlossen sich die Verantwortlichen ein Kanalnetz zu bauen.
Das Londoner Abwassersystem war eines der größten städtebaulichen Projekte in Europas im 19, Jahrhundert. Bis heute sind die aus Backsteinen und Zement errichteten und immer wieder erneuerten Röhren der wichtigste Bestandteil des Londoner Kanalnetzes.
Fettberg wird zu Seife und Biodiesel recycelt
2014, 2017 und 2019 stand die Kanalisation in der britischen Hauptstadt schon einmal vor dem Kollaps. Wie derzeit wurde auch im Jahr 2014 wenige Tage vor Weihnachten ein Fettberg im Südwesten Londons gefunden. Allerdings war er sehr viel kleiner und mit 15 Tonnen Gewicht nur ein Achtel so schwer.
Der Fettberg, der im Jahr 2017 Teile der Londoner Kanalisation verstopfte, wurde vom Abfallunternehmen CountyClean Environmental Services in rund 10.000 Liter umweltfreundlichen Kraftstoff umgewandelt. „Er mag ein Monster sein, aber der Whitechapel-Fettberg verdient eine zweite Chance“, erklärte der damalige Verantwortliche für Abwassersysteme bei Thames Water, Alex Saunders.
So wird aus Fettbergen Biodiesel
„Fatberg“, „Fatty McFatberg“ oder „Fat the Ripper“, wie das 130 Tonnen schwere Gebilde aus Fett und Abfall liebevoll genannt wurde, kehrte in den „Circle of Life“ – also den Kreislauf des Lebens – zurück und leistete der englischen Zivilisation gute Dienste. Wie eine solche Transformation technisch abläuft, erklären wir Ihnen jetzt:
Erster Schritt: Abbau des Fettbergs
In mühevoller Handarbeit wird der Fettberg mit Schaufel, Hacke, Spaten und Hochdruckreinigern in transportable Klumpen zerkleinert und zu einem Brei aufgelöst.
Spezialfahrzeuge der Kanalreinigung saugen die Klumpen mit Hilfe von Hochdruckpumpen und Spezialschläuchen aus dem Untergrund. Die Reste landen in den Lkw-Tanks. Obwohl die Kanalarbeiter rund um die Uhr schuften, wird die Fettabsaugung mindestens drei Wochen dauern.
Zweiter Schritt: Transport zum Kraftwerk
Die Lkws bringen ihre stinkende Fracht in den Londoner Stadtteil Beckton. Dort wurde im August 2015 ein moderne Anlage in Betrieb genommen, das aus Abwasserfetten und weiteren Fettabfällen bis zu 130 Gigawattstunden Energie pro Jahr erzeugt. Dies entspricht dem Bedarf von knapp 40.000 durchschnittlichen Wohnhäusern.
Die Dieselmotoren des Kraftwerks werden unter anderem mit den Biokraftstoffen angetrieben, die aus Bestandteilen von Fettbergen (Lebensmittelfetten, Speiseöl und anderen Fetten) gewonnen werden.
Dritter Schritt: Trennverfahren
Die Abfälle werden in der Anlage in einem langwierigen Verfahren recycelt und weiterverarbeitet. Fette sind chemische Verbindungsprodukte (sogenannte Ester), die nach Aussage von Experten extrem schwierig aus Abwasser und Kanalrückständen herauszufiltern sind.
Dies geschieht mit Hilfe eines mehrstufigen Reinigungssystems in einem Klärwerk. Weil Fett leichter ist als Wasser, schwimmen die Rückstände auf der Oberfläche.
Zuerst wird mittels eines überdimensionalen Rechens neben anderen Stoffen wie Windeln und Plastik größere Fettklumpen abgeschöpft. Danach wird der Brei in einem sogenanntem Ölsandfang gefiltert. Dank Luftzufuhr werden verbliebene Fettkügelchen abgetrennt.
Vierter Schritt: Chemische Umwandlung
Biodiesel wird durch chemische Vorgänge aus pflanzlichen und tierischen Fetten und Ölen gewonnen. Diesen Vorgang nennt man Umesterung. Die Fette gehören zu einer Stoffgruppe chemischer Verbindungen des Glycerins, das in in allen natürlichen Fetten und fetten Ölen vorhanden ist.
Die Fette werden mit Methanol gemischt und in Reaktoren einige Stunden erhitzt. Der bei diesem chemischen Prozess entstandene Biodiesel und das Glycerin werden getrennt. Der Biodiesel wird von Laugen- und Methanolrückständen gereinigt und destilliert.
Während das Glycerin zu Seife, Kosmetika und Reinigungsmittelen weiterverarbeitet wird, dient der Biodiesel als Kraftstoff für Autos oder wird im Kraftwerk in Beckton zur Strom- und Wärmeerzeugung verwendet.