Ein neues Bauwerk in Winterbach wird fast so hoch wie die Michaelskirche. Was das für den Ort und die Energiewende bedeutet.
Der idyllisch zwischen Streuobstwiesen, Weinbergen und dem sanften Band des Remstals gelegene Ort steht vor einem Bauprojekt, das sein Profil verändern wird. In Winterbach (Rems-Murr-Kreis) , wo Fachwerkhäuser, alte Gasthöfe und guter Wein zum Alltag gehören, soll bald eines der höchsten Gebäude im Ort entstehen.
Wie das Unternehmen selbst mitteilt, hat die Pfisterer Holding SE die Genehmigung für ein Hochspannungslabor erhalten – ein Bau, der nicht nur in der Energietechnik, sondern auch im Ortsbild neue Maßstäbe setzt. Der geplante Testturm wird mit 32 Metern nur sechs Meter niedriger sein als der Turm der evangelischen Michaelskirche, deren Ursprünge bis ins 15. Jahrhundert zurück reichen.
Winterbach bekommt ein neues Wahrzeichen der Energietechnik
Mit rund 30 Millionen Euro will der weltweit tätige Spezialist für Verbindungstechnik in Stromnetzen eine der modernsten Prüfanlagen Europas errichten. In der Halle an der Ostlandstraße, direkt neben dem Wertstoffhof, sollen künftig Produkte für die Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HVDC) entwickelt, getestet und zur Serienreife gebracht werden. Für den kleinen Ort bedeutet das nicht nur ein Stück Hightech im Ortsbild, sondern auch eine neue Sichtbarkeit über die Region hinaus.
„Mit dem neuen Labor schaffen wir eine zentrale Plattform, um unsere HVDC-Kompetenzen gezielt auszubauen“, sagt das Vorstandsmitglied Konstantin Kurfiss. HVDC – High Voltage Direct Current – gilt in der Energiewirtschaft als Schlüsseltechnologie: Strom fließt dabei nicht wie üblich als Wechselstrom, sondern als Gleichstrom. Das reduziert Übertragungsverluste auf langen Strecken um bis zu 50 Prozent. Für Windstrom aus dem Norden oder Solarenergie aus dem Süden Europas ist das ein entscheidender Vorteil, der direkte Auswirkungen auf die Stabilität des Stromnetzes hat.
HVDC-Technologie: Effizienter Stromtransport für die Energiewende
Fabrice Jedrej, Head of HVDC bei Pfisterer, betont den strategischen Anspruch: „Als unabhängiger Anbieter von Kabelgarnituren ermöglichen wir Kabelproduzenten den Zugang zum HVDC-Markt – einem Markt, der entscheidend ist für die Realisierung globaler Energienetze.“ In der neuen Halle sollen Typ- und Routineprüfungen für Kabelsysteme mit höchsten Spannungsebenen möglich sein. Dabei könnten komplette HVDC-Systemlösungen in enger Zusammenarbeit mit internationalen Kabelherstellern qualifiziert werden – laut Pfisterer ein Novum in dieser Form in der Region.
Dass die Halle mehr als 30 Meter hoch wird, ist laut einer Unternehmenssprecherin technisch notwendig. HVDC-Komponenten erforderten nicht nur große Prüffelder, sondern auch Sicherheitsabstände nach internationalen (DIN-)Normen. Die Vorschriften dienten dem Schutz der Beschäftigten, aber auch der Verlässlichkeit der Prüfergebnisse, da sich elektrische Hochspannungsfelder über große Distanzen ausbreiten könnten.
Baustandard und Sicherheit im Hochspannungslabor
Pfisterer ist seit mehr als 100 Jahren in Winterbach verwurzelt, heute aber in 15 Ländern aktiv. Das neue Labor soll helfen, die Produktpalette für 150- und 320-Kilovolt-Anwendungen bis Ende 2026 serienreif zu machen. Zum Einsatz kommen dabei Materialien wie Silikon und EPDM, die sich in der Hochspannungstechnik bewährt haben. Der Testturm wird somit auch ein Ort, an dem Werkstoffkompetenz und Ingenieurskunst zusammenkommen.
Die Produkte sind für den weltweiten Markt gedacht, besonders für Regionen mit wachsendem Bedarf an Fernübertragungen und Netzausbau – etwa Europa, Nordamerika, der Nahe Osten und Asien. In der Energiewirtschaft gelten HVDC-Leitungen als Rückgrat künftiger Stromnetze. Konkrete Projekte in Verbindung mit deutschen Nord-Süd-Trassen seien in Gesprächen, so die Unternehmenssprecherin, könnten aber aus Vertraulichkeitsgründen noch nicht genannt werden.
Globaler Markt im Blick: Von Winterbach in die Welt
Mit dem Einstieg in den HVDC-Markt will Pfisterer nicht nur technologisch, sondern auch personell wachsen. Gesucht werden Fachkräfte in Elektrotechnik, Energietechnik, Systemengineering sowie im Projekt- und Qualitätsmanagement. Besonders gefragt sind Bewerberinnen und Bewerber mit Erfahrung in der Hochspannungsprüfung und in der Entwicklung von Kabelsystemen. Zahlen zu Neueinstellungen nennt das Unternehmen noch nicht, doch die strategische Ausrichtung deutet auf eine längerfristige Personaloffensive hin.
Börsengang und Ausbau als Zukunftsstrategie
Der Neubau fällt in eine Phase strategischer Veränderungen: Erst im Mai 2025 ist Pfisterer an die Börse gegangen. Die ersten Monate seien „im Rahmen der Erwartungen“ verlaufen, heißt es aus der Unternehmensführung. Der Börsengang habe neue finanzielle Spielräume eröffnet, die nun gezielt für den Ausbau zukunftsweisender Technologien genutzt werden. Das HVDC-Labor in Winterbach gilt dabei als Herzstück der Wachstumsstrategie.
Bis das erste Kabelsystem den Winterbacher Testturm verlässt, wird noch Zeit vergehen. Die Inbetriebnahme ist für das erste Halbjahr 2027 geplant. Doch schon jetzt ist klar: Der Bau wird nicht nur ein sichtbares Symbol für die Energiewende, sondern auch für den Anspruch eines Unternehmens, das von einem schwäbischen Ort aus an der Strominfrastruktur der Zukunft mitwirkt – und dabei die Verbindung zwischen lokaler Tradition und globaler Energietechnik neu definiert.