Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums müssen für die Energiewende bis 2045 rund 18.000 Kilometer an Netz verstärkt oder ausgebaut werden. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Ohne neue Leitungen kommt Windstrom aus dem Norden nicht in den Süden. Doch muss der Transport über teure Erdkabel laufen? Nein, finden einige Länder. Die Bundesnetzagentur hat schon mal gerechnet.

Berlin/Bonn - Es ist eine Mammutaufgabe: Für die Energiewende müssen tausende Kilometer neue Überland-Stromleitungen verlegt werden. Die "Stromautobahnen" sollen vor allem Windstrom aus dem Norden in den Süden transportieren. Ein erheblicher Anteil davon sollen Erdkabel sein - die aber sind wesentlich teurer als Freileitungen. Die Kosten über die Netzentgelte werden auf alle Stromkunden umgelegt. Deswegen hat nun eine Debatte Fahrt aufgenommen. Einige Länder sprechen sich für einen Kurswechsel aus, wie eine Umfrage der dpa ergab.

Die Union im Bundestag hatte angekündigt, einen Antrag einzubringen, dass beim Ausbau künftig nicht mehr auf Erdkabel, sondern in der Regel auf Freileitungen gesetzt wird. Der Erdkabelvorrang für große Stromautobahnen gilt seit Anfang 2016. Er war von der großen Koalition aus CDU und SPD eingeführt worden, um die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Netzausbau zu erhöhen. Hintergrund waren Sorgen vor "Monstertrassen".

Hohes Einsparpotenzial bei Verzicht auf Erdkabel

Die Netzagentur schätzt das gesamte Investitionsvolumen für den Ausbau der Übertragungsnetze ab jetzt bis 2045 auf rund 320 Milliarden Euro - einschließlich der Wind-auf-See-Anbindungen, der sogenannten Offshore-Projekte. Beim Verzicht auf Erdkabel schätzt die Behörde das Einsparpotenzial für Projekte an Land auf 16,5 Milliarden Euro.

"Dazu können weitere Einsparungen von 18,8 Milliarden Euro bei Offshore-Anbindungsleitungen, die bisher als Erdkabel teilweise bis weit ins Landesinnere weitergeführt werden sollen, möglich sein", so die Behörde. Auf Basis aktueller Prognosen könne somit ein Investitionsvolumen ohne Erdkabel in Höhe von 284,7 Milliarden Euro geschätzt werden, berichtet die Bundesnetzagentur. Also 35,3 Milliarden Euro weniger als mit Erdkabeln.

Habeck: "Weitere Verzögerungen wären schädlich"

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sieht den Kostenaspekt, ist aber dennoch dagegen, die Regelungen zu ändern. "Wollte man auf Freileitungen umswitchen, ginge das allenfalls, wenn die Länder schnell und in großer Gemeinsamkeit inklusive Bayern die Bundesregierung auffordern, das zu tun. Und alle müssten dann geschlossen in den Regionen dafür werben. Das halte ich für sehr unwahrscheinlich", sagte Habeck im März in einem Interview der "Zeit". Durch lange Debatten darüber werde es noch mal teurer. "Wir haben den Netzausbau jetzt so beschleunigt, weitere Verzögerungen wären schädlich."

Nach Angaben des Ministeriums müssen für die Energiewende bis 2045 rund 18.000 Kilometer an Netz verstärkt oder ausgebaut werden. Die Anzahl der in Bau gegangenen Trassenkilometer habe sich 2023 gegenüber 2021 verdoppelt. Dieses Jahr werde ein Rekordzubau von rund 1500 Kilometern erwartet.

Mehrere Länder wollen Kurswechsel

Fast alle Bundesländer sind von den Ausbauplänen direkt betroffen. Einige wie etwa Baden-Württemberg, Hessen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Rheinland-Pfalz sind dafür, den Erdkabelvorrang aufzugeben. Freileitungen seien schneller und günstiger zu errichten, betonen sie. Andere wie Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen sind dagegen, von Erdkabeln auf Freileitungen umzuschwenken, und begründen dies mit der Akzeptanz in der Bevölkerung.

Baden-Württemberg

Freileitungen böten mehrere Vorteile gegenüber Erdkabeln, betont das Umweltministerium in Stuttgart. "Sie können schneller errichtet werden und verursachen einen deutlich geringeren Eingriff in den Boden." Zudem seien sie kostengünstiger. Für eine Umstellung von Erdkabel auf Freileitungen sprechen sich den Angaben zufolge Übertragungsnetzbetreiber sowie ein breites Bündnis aus der Wirtschaft aus.

Hessen

"Hessen als wirtschaftsstarkes Bundesland hat ein hohes Interesse an bezahlbaren Strompreisen und Netzentgelten", erklärt Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD). Seinerzeit sei der Vorrang der Erdverkabelung im Gesetz verankert worden, um die Akzeptanz für den Ausbau der notwendigen Leitungen zu erhöhen. "Heute sehen wir, dass auch breite Schneisen für Erdkabel vielerorts als Zumutung empfunden werden", erläutert er. "Gerade angesichts der Kosten muss eine ehrliche Debatte darüber geführt werden, wo in Zukunft Erdkabel sinnvoll sind und wo Freileitungen, die deutlich günstiger sind." 

Brandenburg

Brandenburg ist laut Wirtschaftsministerium für die Abschaffung des Erdkabelvorrangs. Neben den hohen Kosten für die Erdverkabelung bedeute der höhere technische Aufwand einer Erdverkabelung auch einen höheren zeitlichen Aufwand für den Netzausbau. "Die vermutete höhere Akzeptanz der Erdverkabelung gegenüber den Freileitungen hat sich nicht gezeigt, die Konflikte haben sich lediglich verlagert", heißt es. Die Aufhebung des Erdverkabelungsvorrangs wäre mit einer Anpassung des Bundesbedarfsplangesetzes umsetzbar. Dies könnte noch 2024 umgesetzt werden.

Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann (SPD) spricht sich dafür aus, den Vorrang für Erdkabel bei großen Gleichstromübertragungstrassen aufzugeben und künftig auf Vorrangregelungen zu verzichten - damit die praktikabelste Trassenvariante gewählt werden kann. "Mit dem verstärkten Bau von Freileitungen könnte der Netzausbau in Deutschland deutlich schneller und kostengünstiger umgesetzt werden", sagte Willingmann. Mit der Abschaffung der Vorrangregelung für Erdkabel könnte der Bund eine signifikante Entlastung bei den Netzentgelten ermöglichen.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) kann sich eine Kursänderung vorstellen. "Wenn die Verfahren dadurch kostengünstiger und schneller werden, macht es Sinn, unterirdische Verlegungen zu überprüfen - besonders dort, wo es die Möglichkeit gibt, überirdisch Stromleitungen an großen Verkehrstrassen wie Autobahnen und Eisenbahnstrecken entlangzuführen", sagte der CDU-Politiker. Er schränkte jedoch ein: "Bei Natur- und Tourismusgebieten sowie beim Schutz von Wohngebieten muss die Priorität auf unterirdischer Verlegung bestehen bleiben."

Thüringen

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ist aufgeschlossen dafür, beim Ausbau der Stromnetze wieder stärker auf Freileitungen als auf Erdkabel zu setzen. "Überirdische Leitungen können ein Weg sein, Dinge zu beschleunigen und Kosten zu optimieren. Es ist sinnvoll, jede neue Maßnahme daraufhin zu prüfen. Vor allem geht es darum, die Systeme besser aufeinander abzustimmen", erklärte Ramelow auf Anfrage in Erfurt. 

Rheinland-Pfalz

Das Klimaschutz- und Energieministerium Rheinland-Pfalz ist dafür, dort auf oberirdische Stromtrassen zu setzen, wo sie den Prozess beschleunigen. "Zusätzlich sind oberirdische Stromtrassen günstiger, somit würde die Umlage auf die Netzentgelte abgeschwächt und die Strompreise weniger stark steigen", betont das Ministerium. Die bereits laufenden Planungsprozesse sollten aber wie geplant zu Ende geführt werden.

Niedersachsen

Niedersachsens rot-grüne Landesregierung spricht sich für Erdverkabelung aus. Umweltminister Christian Meyer (Grüne) sagte: "Der Netzausbau schreitet immer zügiger voran, auch weil durch die Erdverkabelung hierfür die Akzeptanz in der Bevölkerung vorhanden ist. Diesen gesamtgesellschaftlichen Konsens dürfen wir daher auf keinen Fall antasten, sonst treten wir bei Energiewende und Klimaschutz wieder auf die Bremse – statt noch deutlich schneller zu werden, was zwingend geboten ist."

Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein setzt sich laut Energiewendeministerium weiterhin dafür ein, Erdkabel bei sogenannten Höchstspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen zu verwenden. "Es gibt bessere Wege, die Strompreise zu senken, als mit der Akzeptanz für die Energiewende zu spielen", teilt das Ministerium mit. "Die Anwohnerinnen und Anwohner der geplanten Stromautobahnen haben einen Anspruch auf Verlässlichkeit. Das gesetzliche Versprechen, diese neuen Gleichstromleitungen als Erdkabel zu verlegen, hat die Akzeptanz von Leitungsprojekten im ländlichen Raum gestärkt", heißt es.

Der ländliche Raum sei bei der Energiewende ohnehin der Leistungsträger. Den gefundenen politischen Kompromiss aufzuschnüren, würde neue Protestwellen entlang neuer Freileitungen auslösen. Auch sei fraglich, ob die neuen Leitungen als Freileitung wirklich schneller realisiert werden könnten, da die Planung vermutlich länger dauern würde. 

Nordrhein-Westfalen

Auch das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium lehnt eine erneute Umplanung von Erdkabel-Projekten auf Freileitungen ab. Man verfolge die aktuelle Diskussion "mit großer Sorge", hieß es. Gerade in einem dicht besiedelten Industrieland wie Nordrhein-Westfalen trügen Erdkabel massiv zur Akzeptanz bei.

"Bei einer erneuten Umplanung bestünde die Gefahr, dass viel Akzeptanz vor Ort verloren geht und sich die gerade beschleunigten Genehmigungsverfahren über wesentlich höhere Zahlen von Einwendern wieder verzögern." Der Ausbau des Stromnetzes müsse jedoch dringend vorankommen. Auch würde die Suche nach neuen Trassen für Freileitungen zu erheblichen Verzögerungen von mindestens rund einem Jahr führen.

Mecklenburg-Vorpommern

Das Wirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern will den Einzelfall betrachten: "Zu bevorzugen ist eine differenzierte Lösung, die nicht allein von den Kostenfaktoren, sondern auch von den Akzeptanzfaktoren vor Ort abhängig gemacht wird", heißt es in einer Stellungnahme.