Ton Koopman will Spaß haben – auch bei Bachs h-Moll-Messe. Foto: Holger Schneider - Holger Schneider

Ton Koopman dirigiert beim Stuttgarter Musikfest im Beethovensaal der Liederhalle eine sehr besondere h-Moll-Messe.

StuttgartDie Musik fängt nicht an, und sie hört auch nicht auf. An diesem Abend, bei Bachs großer katholischer Messe in h-Moll, ereignet sie sich. Als sei sie schon immer da gewesen, als habe sie sich ganz alleine, aus sich selbst heraus in Bewegung gesetzt. Man nimmt nichts Gemachtes wahr, nichts Konstruiertes.

Vor den 24 Chorsängern und vor den Orchestermusikern des Ensembles Amsterdam Baroque im Beethovensaal steht Ton Koopman. Seine ersten Bewegungen sind so ausladend, dass, wer um den musikalischen Werdegang des Niederländers weiß, in ihnen nicht nur ein Anschubsen der Mitwirkenden hin zu einer starken, tänzerisch auftrumpfenden ersten Schlagzeit sehen, sondern auch die Überdeutlichkeit eines dirigierenden Autodidakten aus ihnen herauslesen mag. Dabei mangelt es dem bald 74-Jährigen keineswegs an Selbstsicherheit: So gelassen steht er da, so ruhig setzt er sich zwischendurch an seine Orgel. So selbstverständlich kleidet er den Generalbass in eben jener farbigen, verspielten Art aus, die ihm seit jeher eigen ist, so frei lässt er die Musik fließen, so lapidar bringt er manch mächtigen Satz zu einem schlichten Ende. Und so dynamisch tritt er außerdem auf die Bühne, dass man ihm sofort abnimmt, wenn er verrät, dort vor allem „Spaß haben“ zu wollen.

Koopman steht für Darbietungen auf den zweiten Blick: Leise wirken diese, pastellfarben, gedeckt – auch weil sich nicht, wie sonst häufig, die Bläser dynamisch in den Vordergrund drängen. Nur manchmal bricht sich die Liebe des Dirigenten zu markanten Rhythmen Bahn – wie etwa im „Cum sancto spiritu“ des Gloria, das klingt wie ein Tanz mit dem Heiligen Geist. Und wie ein Musterbeispiel ausgefeiltester Chorarbeit. Wie da subtil Crescendi, Decrescendi und Schwelltöne angesetzt, Beschleunigungen und Verlangsamungen einzelner Stimmen ins Ganze eingebaut und mit den anderen Stimmen vernetzt werden: Das ist ein Meisterstück.

Vieles klingt wie ein großes Klangband, und man muss gut zuhören, um die Feinheiten darin zu hören, das detailliert Ausgearbeitete, das selten prominent nach außen tritt. Im Fokus steht der Klang. Und es geht weniger um einzelne Ereignisse als um einen großen Bogen.

Ein bisschen wirkt diese Haltung wie aus der Zeit gefallen. Heute musiziert man aufgeregter, aufregender, auch genauer. Vielleicht aber fehlt manchen heute der lange Atem oder auch die Persönlichkeit, das Originelle, das jene Pioniere der historischen Aufführungspraxis noch hatten, zu denen auch Koopman zählt.

Das spürte man schon vor dem Konzert in einer launigen Gesprächsrunde des Niederländers mit Bachakademie-Dramaturg Henning Bey. Seine Inspiration, so Koopman, komme bevorzugt vom Studium der Autographe. Über alledem hat er auch eigene, oft schrille, vielleicht aber gar nicht so falsche Ideen zu offenen Fragen der Musikgeschichte entwickelt. So ist er sich zum Beispiel sicher, dass Bach 1705 nicht nur nach Lübeck wanderte, um dort vom großen Dietrich Buxtehude zu lernen – das habe der Komponist gar nicht mehr nötig gehabt. Nein, Bach habe schlichtweg Geld verdienen wollen – durch Mitwirken bei Buxtehudes Abendmusiken. Auch zu Carl Philipp Emanuel Bach hat Koopman seine eigene Meinung: Dieser habe, davon ist er fest überzeugt, den Wert seines Vaters durch Mythenbildung erhöhen wollen und deshalb den Schluss der unvollendet überlieferten „Kunst der Fuge“ irgendwo versteckt.

Zu dieser Mischung aus Wissenschaft, Spekulation und skurrilem Humor passt, dass der Dirigent gern ein ganz eigenes Buch über Bach schreiben würde, aber viel Neues müsste darin stehen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit. Und überhaupt, lächelt der Dirigent: „Vielleicht ist es manchmal auch gut, dass man nicht alles weiß.“

Samstag

19 Uhr, Winnenden, Alfred Kärcher Auditorium: „Krieg dem Kriege“. Texte von Brecht, Gryphius, Tucholsky und anderen. Musik von Eisler, Hindemith, Luis de Victoria und Schütz. Felix Klare, Sprecher. Dresdner Kammerchor, Instrumentalensemble, Leitung:

Hans-Christoph Rademann.

Sonntag

10 Uhr, Stadtkirche Bad Cannstatt: Musikfest-Gottesdienst. Musik von Berlinski, Mendelssohn Bartholdy und Schütz. Dresdner Kammerchor.

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