Goldener Liebestraum: Alessandra Bosch als schöne Roxane, Timo Beyerling (Mitte) als fieser de Guiche und Daniel Großkämper als tapferer Cyrano. Foto: Bernd Eidenmüller - Bernd Eidenmüller

Jakob Weiss inszeniert eine Bearbeitung von Edmond Rostands ausladendem Fünfakter "Cyrano" für Zuschauer ab 14 Jahren.

EsslingenEs ist eine so schöne Geschichte. Voll nie erfüllter Sehnsucht, voll Witz und wunderbarer Liebeslyrik, so viel romantischer als Schiller, Goethe und all die trockenen Pflicht-statt-Liebe-Themen im Deutschunterricht. Als erste Premiere der Spielzeit hat die Esslinger Landesbühne (WLB) „Cyrano“ in Szene gesetzt, Edmond Rostands vielfach verfilmte und adaptierte Verskomödie über den Mann mit der großen Nase, gespielt an der Jungen WLB, der Kinder- und Jugendsparte, in einer Fassung für Zuschauer ab 14 Jahren. Und obwohl man zunächst staunend vor dem schrillen Bühnentraum in Gold, Pink und Weiß steht, hatte Regisseur Jakob Weiss doch genau den richtigen Riecher mit seiner anfangs barock-exaltierten, dann immer stiller, immer echter werdenden Inszenierung.

Als Mann voll Ehre, Humor und Begeisterung, voll berstender Lebenslust auch trotz seiner Riesennase, verehrt Cyrano de Bergerac die schöne Roxane in heimlicher Liebe. Die aber verguckt sich in den hübschen, doch arg dummen Christian, ebenfalls Kadett im Gardecorps wie Cyrano, der dem Kollegen dann mehr oder weniger zufällig seine Worte und später auch seine Stimme zur Anbetung leiht. „Auf seinen Lippen küsst sie meine Worte“, beobachtet der Einflüsterer vom Rande aus, halb staunend und doch so verzweifelt.

Als sein eigener Bühnenbildner hat Regisseur Weiss das kleine Podium 2 des Esslinger Schauspielhauses komplett in Goldfolie ausgeschlagen. Auf drei Stufen in der Mitte wird gestritten, geliebt, mit Worten oder mit Degen gefochten – unglaublich, in was für turbulenten Kämpfen Choreografin Annette Bauer ihre Protagonisten über die winzige Bühne jagt. Auch Roxane (die schlagfertige Alessandra Bosch) mischt kräftig mit, Elena Gaus verwischt mittels ihrer schicken Kostüme quer durch die Jahrhunderte die Geschlechtergrenzen – pompöse weiße Rüschenärmel und Puffhosen werden zu schwarzen Kampfröcken fast im Ninja-Stil, erst im letzten Akt verblassen die starken Farben zu Grau und Braun, kommen die echten Gesichter unter den weiß geschminkten Fassaden vor. Mit einer krassen, sanfter werdenden Lichtregie und mit Musik von barocker Ironie bis zu leiser Gregorianik unterstreicht Weiss sein Regiekonzept, das von der Extravaganz zur Innerlichkeit, von der Maske zum Menschen führt.

Zwei Belgier, Jo Roets und Greet Vissers, haben den ausufernden Fünfakter vor vielen Jahren auf 70 Minuten reduziert. Vor jedem Akt gibt es einen Vorspann, der kurz über Ort und Situation informiert. Der Inhalt ist aufs Essenzielle zusammengefasst, die rund 60 Darsteller werden auf drei reduziert. Die müssen nicht mal alle Nase lang die Rollen tauschen, einzig Timo Beyerling hat als Fiesling, als Cyranos Freund und als narkoleptischer Mönch noch drei weitere Parts neben dem eitlen Christian, die er mittels Körperhaltung, Sprachtönung und unglaublicher Perücken zügig wechselt.

Der dandyhafte Christian steht anfangs gar in Balletthaltung herum, der Dia­log zwischen dem Dummbratz und dem hochintellektuellen, ob so viel Dreistigkeit fassungslosen Cyrano ist als rasantes Ping-Pong inszeniert. Der anfängliche Slapstick mischt sich mit heutiger Körpersprache, Cyrano legt seinem Freund den Kopf auf die Schultern, wenn er traurig ist, greift in seiner wahnwitzigen, raffinierten Sprachsprudelei auch mal zu einem ak­tuellen Kraftausdruck. Daniel Großkämper spielt den melancholischen Ironiker großartig: hager und lustig, messerscharf und zart, geradeheraus und mit schöner, natürlicher Sprache.

Unter der Wirkung seiner Liebesworte fängt Roxane an zu schweben, dreht sich wie ein Spieluhrpüppchen traumverloren um sich selbst. Wann ist die Liebe echt, wann ist sie optisch bedingte Illusion, wie wichtig sind Freundschaft und Ehrlichkeit, darf man lügen, um jemand glücklich zu machen? Das Original liegt eben doch die Nasenlänge vorn im Vergleich mit dem aktuellen Kinofilm „Das schönste Mädchen der Welt“ (der Titel stammt aus Rostands Stück). Dort geht ein Cyrano auf Klassenfahrt und dichtet Rap, die WLB-Produktion liefert das im schönsten Sinne des Wortes theatralische Gegenprogramm dazu. Selbst wenn die reduzierte Fassung am Schluss ein wenig auf die Nase fällt, weil Cyranos Geheimnis viel zu schnell entdeckt wird, weil dieser tapferste der Helden viel zu schnell verschwindet, ohne noch einmal, wie bei Rostand, gegen seine alten Feinde zu fechten: gegen Lüge, Feigheit, Vorurteile und Dummheit.

Die nächsten Vorstellungen: 21. September, 12. und 26. Oktober.

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