Tobias Rehberger will mehr Kunst in der Lebenswirklichkeit. Quelle: Unbekannt

Der aus Esslingen stammende Künstler Tobias Rehberger baut eine Installation vor dem Schauspielhaus. Bei einem Besuch in seinem Frankfurter Atelier spricht er über sein Projekt und sein Kunstverständnis.

Stuttgart

Während der leicht erkältete Tobias Rehberger den Gast mit Biokräutertee und Honig versorgt, fällt der Blick auf den Fluss, auf Container und Kräne. Ein passendes Umfeld für einen Künstler, der sich oft auf ungewisses Terrain begibt. Tobias Rehberger, 1966 in Esslingen geboren, weltberühmt, seit er 2009 auf der Biennale Venedig als bester Künstler ausgezeichnet wurde, hat sein Atelier am Frankfurter Osthafen. Im Erdgeschoss die Werkstatt, im ersten Stock das wohlgeordnete Büro, hohe Räume und Menschen an großen Computerbildschirmen, Planungsbüro eher als Künstlerklause. Das Klischee vom kreativen Chaos wird hier nicht bedient.

Fragt man Tobias Rehberger, der bei Martin Kippenberger an der Städelschule in Frankfurt studiert hat und heute selbst dort lehrt, ob er sich künstlerisch auch „immer im Fluss“ hält, schüttelt er freundlich lächelnd den Kopf. Ihn interessiere eher ein gedankliches Andocken an Bestehendes. Mehr Kunst in der Lebenswirklichkeit wünsche er sich. „Kunst müsste mehr auch außerhalb von Museen stattfinden.“ In naher Zukunft bringt Rehberger mehr Kunst in die Wirklichkeit der Stuttgarter Bürger. Als der neue Intendant des Staatsschauspiels, Burkhard C. Kosminski, seinen Spielplan vorstellte, präsentierte er als Vorspiel vor dem Theater die „Probe Grube“ – ein Projekt Tobias Rehbergers, das ursprünglich jetzt starten sollte. Aber wie in unserer Zeitung berichtet stellte sich heraus, dass die begehbare Installation frühestens Mitte Oktober fertig wäre – der ungewissen Wetterverhältnisse wegen zu spät. Deshalb wird das Ganze ins kommende Jahr verschoben.

Bühnenbild war keine Option

In Gesprächen darüber, was die Stadtgesellschaft umtreibt, war Rehberger mit Kosminski rasch bei Stuttgart 21, bei Stadtplanung, bei dem noch entstehenden Rosensteinviertel angelangt. Denn ein Bühnenbild zu bauen sei für ihn keine Option gewesen: „Dazu bin ich nicht oft genug im Theater. Ich fühle mich nicht kompetent genug.“ Hat Rehberger zu Stuttgart 21 eine Meinung? Er schweigt kurz und sagt: „Ich verstehe den Sinn und den Unsinn daran. Ich kann nicht einschätzen, ob für das, was man bekommt, zu viel Geld ausgegeben wird.“

Rehbergers Idee zum Thema: ein Loch vor dem Theater. Doch unter der Wiese vor dem Schauspielhaus verlaufen zu viele Leitungen und Kanäle. „Also beschlossen wir, keine Grube zu graben, sondern eine zu bauen.“ Rehberger schätzt Paradoxien. Er wird also eine Grube in die Höhe bauen. So betrachtet ist man, abgesehen vom Witz der Sache, ganz ernsthaft bei darstellender Kunst: Amphitheater sind auch nichts anderes als nach oben gebaute Gruben. Und Stuttgart selbst: Von der Höhe aus erscheint der Kessel wie eine Grube.

Noch etwas anderes wirkt, als sei es Teil der Installation: Wenn sich Stuttgart 21 verzögert, wie sollte da ein Kunstprojekt zu diesem Thema pünktlich fertig werden? Aber Rehberger winkt ab. Ebenso wie Kosminski bedauere er die Verzögerung. „Aus der Probegrube wird jetzt ein Sommerloch“, sagt Rehberger. Die Behörden seien nicht schuld: „Die Ämter waren alle mega unterstützend.“ Nur so viel: Vergaben an Firmen brauchen Zeit. Und Gesetze und Bauvorschriften, sinnvoll oder nicht, müssen auch Behörden befolgen.

Voraussichtlich bis Mai 2019 muss man also auf das Projekt warten. Zumindest die Pläne sehen jetzt schon spektakulär aus. Die Grube besteht aus einer abstrakten, frei erdachten Topografie, und die wird gebaut. Dieses Stadtplanungs-Modell wird mit einem Modell konfrontiert, das konventionell ist. „Spießig“, wie Rehberger sagt. Reihenhäuser, Schule, Sportplatz: Dieses Spießer-Modell wird wie ein in Pink, Giftgrün, Türkis und Violett schillernder Mantel über das Gebaute gelegt. Das Wechselspiel von Ordnung und Chaos, die Zwischenräume, Löcher, Absurditäten, die hier sinnlich erfahrbar werden, ergeben „interessante Missverständnisse“, sagt Rehberger. „Wir orientieren uns daran, was in so einer Stadt passieren könnte, von der man von Anfang an weiß, dass sie fehlerhaft konstruiert ist.“ Stadtplanung am Reißbrett, „falsch verstandener Funktionalismus“ habe ja in der Umsetzung oft nicht funktioniert. Rehberger findet aber auch, es müsse ja erst einmal jemand „das Richtige“ postulieren – damit Künstler und Philosophen dann die Fehler und Leerstellen im System finden oder zumindest fragen können, ob es anders und besser geht.

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