Unzufrieden: Dominik Szoboszlai und die Ungarn sind mit einer 1:3-Niederlage gegen die Schweiz in die EM gestartet. Foto: imago/HMB-Media

Der kommende deutsche Gegner übt viel Selbstkritik und will gegen das DFB-Team ein völlig anderes Gesicht zeigen. Wie das aussehen soll, welche Spieler wichtig werden – und warum dabei auch die EM 2021 als Mutmacher dient.

Marco Rossi ist schon lange dabei im Profifußball, hat viel erlebt und gesehen in seiner Trainerkarriere. Nach dem EM-Auftakt gegen die Schweiz musste sich aber auch der ungarische Nationalcoach erst einmal sammeln ob des Fehlerfestivals, mit dem seine Akteure den Gegner wieder und wieder zu Torchancen eingeladen hatten. „Diese Spieler machen solche Fehler normalerweise nicht täglich“, betonte der 59-jährige Italiener nach der 1:3-Niederlage in der Kölner Arena, „sonst würden sie nicht auf diesem Niveau spielen.“

Diese Spieler, von denen der Ungarn-Coach sprach, sind in ihren Vereinen regelmäßig auf internationaler Bühne unterwegs. Verteidiger Willi Orban von RB Leipzig zum Beispiel, der aber am Samstag den letzten Schweizer Treffer durch Breel Embolo in der Nachspielzeit förmlich auflegte. Oder Dominik Szoboszlai vom FC Liverpool, der kurz nach der Halbzeit in einem weniger folgenreichen, aber doch bezeichnenden Moment an einer einfachen Ballannahme scheiterte – Einwurf für die Schweiz, resignierendes Abwinken an der Seitenlinie von Rossi. Der attestierte im Anschluss „zwei oder drei Spielern“ seiner Mannschaft einen guten Auftritt, womit schon viel gesagt ist über die ungarische Tagesform an diesem Nachmittag.

Ungeschlagen durch die EM-Qualifikation

Das Ganze ist auch deshalb bemerkenswert, weil es sich eigentlich nicht angedeutet hatte und die Ungarn beileibe keinen Ruf als dankbarer Kontrahent haben. Weniger als ein Gegentor pro Spiel kassierte die Mannschaft in der zurückliegenden EM-Qualifikation, durch die sie ohne eine einzige Niederlage mit oft geschlossenen Mannschaftsleistungen marschiert war.

In den besten Momenten, wenngleich viel zu selten für eine reelle Siegchance, zeigte sich das auch beim Auftakt gegen die Schweizer. In den ersten Spielminuten etwa, als Ungarn aus einem kompakten Abwehrblock mit Dreierkette und dichtem Mittelfeld einige Male schnell vor das gegnerische Tor kam. Die beste Phase folgte dann fraglos ab Mitte der zweiten Hälfte, in der das Team mit Wucht und Dynamik schnörkellos auf die eigene Fankurve zuspielte – und in der Schlüsselspieler Szoboszlai mit seinen Flanken immer öfter einen Mitspieler im Strafraum fand.

Auf eben diese Weise fiel auch der zwischenzeitliche 1:2-Anschlusstreffer durch einen gut getimten Kopfball von Barnabas Varga, den spätberufenen Mittelstürmer aus der heimischen Liga von Meister Ferencvaros Budapest. Erst im Vorjahr hatte der 29-Jährige im Nationaltrikot debütiert, seine Quote von sieben Toren in zwölf Partien seitdem kann sich sehen lassen. Am Samstag freilich blieb der Treffer ob der durchwachsenen Gesamtleistung nicht mehr als eine Randnotiz. „Wir haben ihnen viel Raum gegeben, sie haben uns leicht überspielt“, monierte Abwehrspieler Attila Szalai von der TSG 1899 Hoffenheim. „Wir hatten nicht die einheitliche, aggressive Verteidigung, die unsere Mannschaft bisher ausgezeichnet hat.“

Ungarns Trainer Rossi lobt das deutsche Team

Viel Zeit bleibt nicht, um die alten Stärken wiederzufinden – und die kommende Aufgabe wird kaum einfacher: Am Mittwoch (18 Uhr) geht es in Stuttgart im zweiten Gruppenspiel gegen den EM-Gastgeber, den der ungarische Cheftrainer im obersten Regal einsortiert: „Für mich ist Deutschland der größte Favorit“, so Marco Rossi. Das sehe er nicht erst seit dem 5:1-Auftaktsieg der DFB-Elf gegen die Schotten so.

Kleinbeigeben? Ist dennoch keine Option, nicht einmal im Ansatz. Rossi muss dabei gar keinen Zweckoptimismus betreiben oder sich in Durchhalteparolen üben, er kann schlicht auf vergangene Comeback-Qualitäten seiner Mannschaft verweisen. „Wir haben schon einmal gezeigt, dass wir zurückkommen können“, sagt der Nationaltrainer mit Blick auf die vergangene Europameisterschaft. Dort waren die Ungarn ähnlich enttäuschend mit einem 0:3 gegen Portugal ins Turnier gestartet, rangen dann aber Frankreich (1:1) und Deutschland (2:2) jeweils ein Unentschieden ab – und waren drauf und dran, in der anspruchsvollen Gruppe doch noch weiterzukommen.

Um die Chance auf eine erneute Leistungssteigerung innerhalb des Turniers zu wahren, führt kein Weg an einer Fehlerminimierung vorbei. Rossis Rezept: „Auf möglichst einfache Weise“ sollen seine Akteure gegen die Deutschen auftreten, „ohne ihr Spiel zu verkomplizieren.“ Die Ausgangslage an sich ist ja schon knifflig genug.