Die beiden Oldies wollen im Spätherbst ihrer Karriere mit Portugal zum zweiten Mal den großen EM-Wurf landen – und haben während des Turniers schon überraschende Seiten gezeigt.
Auf seine alten Tage hat Pepe nochmal ein neues Amt übernommen, wenn auch ein höchst inoffizielles. „Ich bin hier der Herr der Reha-Geräte“, ließ der portugiesische Abwehrspezialist unlängst augenzwinkernd im EM-Quartier des Nationalteams wissen, wo er mit großer Akribie an seiner körperlichen Verfassung feilt. Keine Ecke des Kraftraums im ostwestfälischen Marienfeld unterlag nicht seinem prüfenden Blick, niemand ist dort häufiger anzutreffen. Man scherze darüber schon im Mannschaftskreis, so Pepe. „Aber es ist nötig, damit ich so schnell wie möglich regeneriere.“ Der Mann ist 41 Jahre und vier Monate jung.
Nie in der EM-Historie – und die umfasst immerhin sechs Jahrzehnte – hat ein Spieler in diesem biblischen Profifußballer-Alter an der kontinentalen Meisterschaft teilgenommen. Kepler Laveran Lima Ferreira, wie Pepe eigentlich heißt, könnte problemlos der Vater vieler Mitspieler sein. Der Sohn seines einstigen Teamkollegen Sergio Conceicao (49) steht tatsächlich im portugiesischen EM-Kader. Das Jungbrunnen-Geheimnis? „Er hat Gene, die kannst du nirgendwo kaufen“, sagt Nationalcoach Roberto Martinez, ergänzt aber auch: „Er nutzt die 24 Stunden, um ein professioneller Fußballer zu sein.“ Wer Pepe ohne Vorkenntnisse sehe, könne sein Alter kaum glauben.
Noch immer ein Faktor im portugiesischen Team
Und wer weiß, vielleicht tut es dem Routinier ja auch gut, neben all den Jungspunden noch einen Vertreter seiner Generation an der Seite zu haben. Der zweitälteste Spieler des Turniers ist ebenfalls Portugiese, er könnte prominenter nicht sein. Superstar Cristiano Ronaldo (39) spielt seine sechste Europameisterschaft, das hat nicht einmal Pepe geschafft. Natürlich verfügt Ronaldo nochmals über eine ganz andere Strahlkraft – Fans stürmen das Feld in der Hoffnung auf ein Foto mit dem fünfmaligen Weltfußballer, Einlaufkinder bekommen wahlweise leuchtende oder feuchte Augen. Aber auch Altmeister Pepe erfährt viel Anerkennung. „Ich fühle mich geehrt, mit den beiden zu spielen“, betont etwa Teamkollege Vitinha.
Aber: Dass sie ihre EM-Teilnahme einem Nostalgie-Faktor oder gar Marketing-Erwägungen verdanken würden, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Klar, ihre Glanzzeit ist vorbei. Bei Pepe, dessen Vertrag beim FC Porto zuletzt nicht verlängert wurde und dessen Zukunft offen ist. Auch bei Ronaldo, der inzwischen bei al-Nassr in Saudi-Arabien seine Karriere ausklingen lässt. In Portugal ist längst die nächste Generation nachgerückt, offensiv zum Beispiel in Person von Rafael Leao (25, AC Mailand) und Bernardo Silva (29, Manchester City).
Dennoch sind beide Altstars im portugiesischen Ensemble gesetzt. Kapitän Ronaldo ist in vorderster Linie auch ohne Kilometerrekord noch für einen trockenen Abschluss gut, Pepe demonstriert als Abwehrchef nach wie vor eine überbordende Lust am Verteidigen. Er grätscht und köpft und klärt, verleiht dem spielfreudigen Team so die nötige Absicherung. Der Mix aus Alt und Jung geht bislang auf, schon vor dem letzten Vorrundenspiel stand Portugal als Gruppensieger fest – die Mannschaft ist ohne Frage ein Mitfavorit auf den Turniersieg. Und der haushohe Favorit im Achtelfinale gegen Slowenien an diesem Montag (21 Uhr/ARD) in Frankfurt.
Pepe kam in den ersten beiden Turnierspielen ohne ein einziges Foul aus
Auf dem Weg dorthin haben die beiden Oldies auch überrascht. Das einstige Raubein Pepe kam in den ersten beiden Spielen ohne ein einziges Foul aus, was man kaum glauben mag mit Blick auf seine mehr als 200 Gelben Karten in zwei Profi-Jahrzehnten. Mit seiner Erfahrung aber antizipiert er Situationen – und agiert besonnener als noch 2014, als sein rüder Kopfstoß in der WM-Vorrunde gegen Thomas Müller für glatt Rot und reichlich Empörung sorgte.
Ronaldo indessen verzückte seinen Trainer bei dieser EM mit einem unerwarteten Hauch von Gönnerhaftigkeit, als er vor dem Treffer zum 3:0-Endstand gegen die Türkei auf Torschütze Bruno Fernandes querlegte statt selbst abzuschließen. „Wir haben heute etwas ganz Besonderes gesehen“, sagte Martinez, „ein großartiger Torjäger geht Eins-gegen-eins auf den Keeper zu und sucht das Abspiel.“ Nun ließe sich trefflich darüber streiten, ob das angeblich so Besondere nicht etwas sehr Selbstverständliches war. Bei Ronaldo, einem der größten Fußball-Individualisten der jüngeren Vergangenheit, fiel es aber nun mal auf. Deutlich stärker, als es bei Pepe der Fall gewesen wäre.
Für das ungleiche Paar – hier der exzentrische Superstar, dort das defensive Arbeitstier – ist die EM die nächste Etappe eines langen gemeinsamen Weges. Acht Jahren spielten Ronaldo und Pepe bei Real Madrid zusammen, 2016 wurden sie mit Portugal Europameister. Kein Titel unter vielen wie bei den Königlichen, das verbindet. Wäre die Wiederholung des Coups nun der krönende Karriereabschluss? Das ist nicht ausgemacht. „Ich höre auf, wenn Cristiano aufhört“, betont Pepe. „Solange er da ist, bin ich auch da, um zu helfen.“ Und von einem Ronaldo-Rücktritt ist bislang nichts bekannt. Die Reise könnte also tatsächlich weitergehen. Wenn das jemandem zuzutrauen ist, dann den beiden nimmermüden Dauerbrennern.