Im Eisbistro Pinguin am Stuttgarter Eugensplatz geht seit 37 Jahren selbst hergestelltes Eis über die Theke. Inhaberin Esther Weeber erzählt von der besonderen Wohlfühlatmosphäre in ihrem Bistro und warum es ihr nichts ausmacht, den Sommer daheim zu verbringen.
Das ist mein Mittagessen“, sagt Esther Weeber lachend. In der Hand hält sie eine Waffel mit vier Kugeln Sorbet. Es hat 24 Grad, über dem Kessel hängt eine Wolkendecke. Viele Menschen, die am Eugensplatz die Aussicht genießen, tragen einen Pullover. Warm genug ist es trotzdem, um für Esther Weeber zu den warmen Tagen und damit den Sorbet-Eis-Tagen zu zählen.
Vor der Eis-Ausgabe steht ein Schild mit den 26 Sorten, der abgebildete Pinguin erklärt in einer Sprechblase, wie man die Bestellung aufgibt. Hinter der Theke steht Esther Weebers Sohn Mike, der das Geschäft irgendwann übernehmen wird. Neben ihm hantiert seine Tante Kerstin Weeber.
So kurz nach Ferienbeginn kommen immer wieder einzelne Kunden vorbei, aber der große Ansturm ist vorbei. Die zwei Wochen vor den Sommerferien seien die besten fürs Geschäft, erzählt Esther Weeber. Da kämen die Lehrer, die ihre Schüler auf eine Kugel zur Feier des abgeschlossenen Schuljahrs einladen, und Stammkunden, die sich bei der Bestellung in den Urlaub verabschieden. In ein paar Wochen werden sie zurück sein und von Strand, Campingplatz und der italienischen Gelateria berichten – währenddessen haben Esther Weeber und ihre Familie in Stuttgart die Stellung gehalten und die Daheimgebliebenen mit Eis versorgt.
Pistazieneis nur bei Regen
Sie selbst war noch nie in den Sommerferien verreist. Als Kind eines Schaustellers kennt sie es nicht anders. Wenn die Saison vorbei ist, entspannt sie eine Woche bei einer Ayurveda-Auszeit. Massagen, Füße hochlegen und nichts tun – eben das, was sich viele Menschen im Sommer gegönnt haben. Seit sie ihre Eltern pflegt, führen sie ihre Pläne nie weiter weg als in den Schwarzwald. „Mir fehlt nichts. Eis machen ist nicht nur mein Beruf, sondern mein ganzes Leben.“ Trotzdem: In den Sommermonaten steht ihr Privatleben praktisch still, ins Kino gehe sie erst nach der Saison, Freunde müssten eben in die Eisdiele kommen, um sie zu sehen.
Während Esther Weeber von ihren Urlaubsplänen berichtet, bestellt eine Kundin bei Sohn Mike Pistazien-Eis. Die Eisverkäuferin lacht. „Das kann keine Stammkundin sein. Die wüsste, dass es bei mir Pistazieneis nur bei Regen gibt.“ Ihr Pistazieneis schmecke besonders nussig und nicht so süß – die passende Wahl, wenn es draußen nicht ganz so warm sei.
Die Kundin entscheidet sich schließlich für Schokolade. Denn bei Esther Weeber gibt es keine Experimente – kein Lavendel-Eis, kein Avocado-Birne. Da müsse man den Leuten zu viel erklären. Es würden schließlich auch viele Kinder vorbeikommen. „Wenn ein Kind selbst bestellen möchte, dann darf es das. Egal, wie lang es dauert“, sagt Esther Weeber. Das bei kleinen Gästen sonst so beliebte knallblaue Schlumpf-Eis gibt es bei ihr nicht. „Da erzähle ich den Kindern, dass die Schlümpfe in der Eismaschine so furchtbar laut weinen.“ Die einzigen Ausnahmen in ihrem sonst so klassischen Angebot: das Mercedes-Eis, Mandeleis mit Schokostücken – und Mops-Eis aus Mandarine, Orange, Passionsfrucht und Sanddorn. Mops-Eis? Der Mops findet sich nicht nur in der Eistheke, auch neben der Türe zum Innenraum sitzt ein goldener Mops aus Kunststoff und blickt auf seinen Artgenossen, der keine hundert Meter weiter auf der Säule zum Gedenken an den Humoristen Vicco von Bülow alias Loriot steht. Der hatte einst befunden: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“ Esther Weeber setzte sich später dafür ein, dass der plötzlich verschwundene Mops auf der Säule ersetzt wird, spendete dafür und erfand das Mops-Eis.
Eis darf reifen wie guter Käse
In der Küche stehen glänzende Edelstahlgeräte, eine Eismaschine sieht aus wie eine Waschmaschine, die andere hat einen durchsichtigen Deckel, sodass man sieht, wie sich die flüssige Masse langsam in dem gekühlten Topf dreht und gefriert. Am Vorabend hat Esther Weeber die Zutaten vermengt und pasteurisiert, die ausgekratzten Vanilleschoten blieben während des Aufkochens für den Geschmack im Topf. Über Nacht hat die Menge geruht – gutes Eis darf reifen wie Käse, sagt sie. Mit einem langen, weißen Schaber holt Esther Weeber das Vanilleeis aus den Tiefen der Eismaschine. Das geht in die Arme – und in die Beine sowieso. Eis macht man im Stehen, das hat sie schon als Jugendliche gelernt, und für einen Stuhl wäre hier kaum Platz. An der einen Seite des Raums stehen mehrere hohe Gefriergeräte, in denen das frische Eis weiter herunterkühlt, damit es den Kunden nicht direkt klebrig über die Finger läuft.
Esther Weebers Eissorten variieren je nach Jahreszeit, im Sommer gibt es mehr Sorbet, bei kälteren Temperaturen Zimt und anderes Milcheis, aber immer nur Sorten, die sie selbst gerne isst. „Bei mir wird es deshalb nie Eis mit Rosinen geben, die mag ich nicht“, sagt Esther Weeber.
Der Blick auf den Regenradar
Die gelernte Konditorin produziert jeden Tag frisch, an diesem Tag hat sie einiges zu tun. Neben der Spüle stapeln sich die leeren Behälter. Am Wochenende kamen mehr Besucher, als sie dachte. Ihre ganze Familie verfolgt aufmerksam das Wetter, der Regenradar gehört praktisch zum Handwerkskasten einer Eismacherin. „Eigentlich ist egal, wie warm oder kalt es ist. Die Sonne muss scheinen, dann kommen sie alle aus ihren Löchern“, sagt Esther Weeber schmunzelnd. Wenn die Wetterprognosen nicht stimmen, sei das schon schwierig für die Planung des Personals, aber dann müsse sie eben vorne mehr mit anpacken. Die 55-Jährige ist lange Tage und körperliche Arbeit gewöhnt, als ihr Vater 1986 die Eisdiele eröffnete, war sie 19 Jahre alt. Schon damals richtete sich ihr Freizeitplan nach dem Wetter.
Esther Weeber weiß, was ihre Stammkunden bestellen
Auf der Stufe zum Innenraum, der nur am Wochenende mit einer zweiten Theke geöffnet hat, sitzt ein Kunde, der seit 36 Jahren kommt. Die Wohlfühlatmosphäre sei hier ganz besonders, sagt Esther Weeber. Zum Pinguin kämen viele Menschen nicht nur, um ihr Eis zu bestellen, sondern auch, um zu plaudern. Wobei die Bestellung in vielen Fällen überflüssig ist – Esther Weeber weiß, was ihre Stammkunden wollen. Zur Sicherheit führt sie mittlerweile Buch. Vor Kurzem sei sie in der Notaufnahme ins Gespräch gekommen. „Der Mann hat mich erkannt und mir erzählt, dass er schon als kleiner Junge in unsere Eisdiele kam. Jetzt kann er mit seinem eigenen Sohn vorbeikommen“, erzählt Esther Weeber sichtlich stolz.
1,60 Euro kostet die Kugel – ein vergleichsweise niedriger Preis. Viele Eisdielen verlangen mittlerweile zwei Euro aufwärts. „Gerade kommt viel zusammen“, sagt Esther Weeber und zählt auf: die hohen Energiepreise, der Angriffskrieg auf die Ukraine und die dadurch erhöhten Getreidekosten und der gestiegene Mindestlohn.
Die hohen Fixkosten sind auch ein Grund, weshalb Esther Weeber im Winter auf dem Weihnachtsmarkt Frittiertes verkauft. „Auf dem Weihnachtsmarkt rieche ich tagelang nach Pommes, von Eis nehme ich den Geruch nicht an“, erzählt Esther Weeber und gibt damit gleichzeitig die Antwort, ob sie nie genug von Eis bekommt. „Niemals“, sagt sie.
In unserer Sommerserie stellen wir Menschen vor, die im Sommer dableiben und arbeiten müssen. Nächste Woche: der Stadtführer.