Claudia Nerger rechnet damit, dass viele Weihnachtsmarktbesucher auch Kunden in ihrem Bastelladen werden. Foto: Roberto Bulgrin

Der Esslinger Mittelalter- und Weihnachtsmarkt kurbelt die lokale Wirtschaft an. Doch nicht alle Händler profitieren gleichermaßen. Warum?

Der Ansturm ist groß: Rund eine Million Besucher kommen jedes Jahr zum Esslinger Weihnachtsmarkt. Vielen gilt er als Konjunkturprogramm für die Stadt, weil die Besucherinnen und Besucher auch Geld in der örtlichen Gastronomie und dem lokalen Einzelhandel lassen. Doch nicht alle Händler profitieren gleichermaßen von dem Großevent – und manch einer würde sich mehr Steuerung durch die Stadt wünschen.

So ist das Geschäft während des Weihnachtsmarkts etwa für Andrea Menze, Inhaberin der Boutique „Paulette“, jedes Jahr anders. Ein großer Umsatzbringer sei der Esslinger Weihnachtsmarkt für sie in der Regel aber nicht – obwohl sie mit ihrem Geschäft am Postmichelbrunnen mitten im Geschehen ist. Vielleicht sei gerade das bisweilen kein Vorteil, so Menze: „Manchmal bin ich doch recht zugebaut.“ Wenn große Gruppen Besucher mit Glühwein in der Hand vor ihrem Laden stünden, sei dieser manchmal gar nicht mehr wahrnehmbar.

Fokus der Esslinger Besucher auf Genuss statt Shopping

Ohnehin habe sie den Eindruck, die Kunden interessierten sich in der Adventszeit mehr für Essen, Trinken und Geschenke als für eine Boutique wie die ihre, so Menze. Aber sie freue sich dennoch über die vielen Besucher: „Ich genieße es, wenn in der Weihnachtszeit viel Leben in der Stadt ist“, betont die Einzelhändlerin.

Für Claudia Nerger hingegen ist der Esslinger Weihnachtsmarkt ein wichtiger Frequenzbringer. Die zusätzlichen Touristen sorgen laut Nerger für deutlich mehr Umsatz in ihrem „Malkasten“, in dem sie Künstler-, Bastel- und Schulmaterialien anbietet. Allerdings sei die Fußgängerführung durch die Stadt nicht optimal, findet Nerger. In der Hinsicht könnte die Stadt mehr machen, findet sie.

Esslinger Küferstraße: Händler sorgen für mehr Sichtbarkeit

Ihr Geschäft liegt etwas versteckt am Ende der Küferstraße in der östlichen Altstadt – wenn sie und ihre Einzelhandelskollegen nicht selbst mit Tannenbäumen und Beleuchtung vor ihren Läden für Aufmerksamkeit sorgen würden, würden viele Touristen die Küferstraße gar nicht als Einkaufsmeile wahrnehmen, vermutet Nerger. „Aber die Kundschaft ist wichtig fürs Weihnachtsgeschäft.“ Und sie freue sich, mit Menschen von außerhalb ins Gespräch zu kommen.

Der Esslinger Weihnachtsmarkt kurbelt auch den Umsatz in manch örtlichem Laden an. Foto: Roberto Bulgrin

Ähnlich äußert sich Andreas Walter, Inhaber des Spielwarengeschäfts Heiges: „Der Weihnachtsmarkt ist immanent wichtig für uns.“ Denn er bringe neue Kunden, die mit ihrer Begeisterung für Esslingen gute Stimmung verbreiteten. „Wir sind sehr glücklich darüber und profitieren sehr vom Weihnachtsmarkt“, sagt Walter – die Wochen vor Weihnachten seien für sein Geschäft die wichtigsten im Jahr.

Esslinger Spielwarengeschäft rüstet sich für Weihnachtsansturm

Dementsprechend stelle sich sein Team auch voll auf den Weihnachtsmarkt ein. In den kommenden Wochen sei sein Geschäft abends länger geöffnet, er habe mehr Personal eingeteilt, um die Kunden gut bedienen zu können und lasse die Schaufenster jeden Abend bis zum Ende des Weihnachtsmarkts beleuchten. „Man muss die Menschen abholen, die zum Weihnachtsmarkt kommen“, findet Walter.

Das sei aber nicht für alle Läden leicht, gibt Walter zu bedenken. Er höre immer wieder Kritik, dass die Busse mit Besuchern von außerhalb stets an derselben Stelle hielten und den immer gleichen Weg durch die Stadt nehmen würden – und so manche Läden ins Abseits gerieten. Für ihn treffe das aber glücklicherweise nicht zu: Die Lage seines Geschäfts am Postmichelbrunnen im Herzen des Weihnachtstrubels sei ideal, sagt Walter.

Auch Tine Bradley, die je einen Laden in der Bahnhofstraße und in der Küferstraße betreibt und im Vorstand der City Initiative aktiv ist, schwärmt vom Esslinger Weihnachtsmarkt: „Die Stimmung ist wirklich schön, die Leute lieben das und wir freuen uns über die Besucher.“ Der Weihnachtsmarkt bringe viele Menschen in die Stadt – beschere ihr selbst allerdings nicht unbedingt zusätzlichen Umsatz. Dennoch schätze sie das Event als Werbung für die Stadt.

Allerdings gebe es große Unterschiede je nach Lage. Während sie in ihrem Laden in der Bahnhofstraße wegen des Kundenansturms das doppelte oder dreifache Personal einteilen müsse, sei die Frequenz in der Küferstraße sehr viel geringer. „Dabei ist die Küferstraße in der Adventszeit die atmosphärischste der ganzen Stadt“, findet Bradley. Sie plädiert dringend dafür, an den Stadteingängen auf die östliche Altstadt hinzuweisen und so die Fußgängerströme dorthin zu lenken – davon würden nicht nur die Läden, sondern auch das Image Esslingens sehr profitieren, glaubt sie.

Esslinger Weihnachtsmarkt als Besuchermagnet

Antje Hammelehle, Inhaberin des Modeladens „Pure“ im Unteren Metzgerbach und ebenfalls Vorstandsmitglied der City Initiative, spricht vom Esslinger Weihnachtsmarkt als „Wahnsinnsmagnet“, der unglaublich viele Menschen in die Stadt locke. Das sei sehr positiv, auch wenn nicht jeder Einzelhändler in gleichem Maße davon profitiere – das hänge unter anderem vom Sortiment und der Lage eines Geschäfts ab. Es konzentriere sich letztlich viel in der Bahnhofstraße, weil viele Gäste am Bahnhof ankämen. Doch auch so seien die allermeisten Esslinger Händler sehr froh über den Weihnachtsmarkt.

Fußgängerströme beim Weihnachtsmarkt

Lenkung
Laut Michael Metzler, Geschäftsführer der Esslinger Markt und Eventgesellschaft (EME), die den Weihnachtsmarkt organisiert, ergibt sich die Orientierung der Besuchenden aus der Lage des Bahnhofs, der Bushaltestellen, Parkhäuser und Tiefgaragen. Viele würden dann die direkten Wege zum Weihnachtsmarkt nehmen. Die rund 800 Reisebusse mit Weihnachtsmarktgästen halten laut Metzler stets an der Maille-Kreuzung, weil das von den Sicherheitsbehörden vorgegeben sei – Alternativen habe man als ungeeignet verworfen. Man informiere aber auf verschiedenen Kanälen über Einkaufsbereiche in der Altstadt und steuere die Fußgängerströme unter anderem durch die Weihnachtsbeleuchtung.

Nebeneffekt
Laut Michael Metzler, auch Geschäftsführer des Esslinger Stadtmarketings, bindet der Mittelalter- und Weihnachtsmarkt jedes Jahr rund 50 Millionen Euro Kaufkraft an den Standort Innenstadt. Rund zwei Drittel der Besuchenden würden den Besuch auf dem Markt mit einem Einkauf im stationären Handel der Altstadt oder einem Besuch in der lokalen Gastronomie verbinden.