Da fühlt er sich wohl: Reiner Schuler bei den Meisterschaften in der Halle der Denkendorfer Albert-Schweitzer-Schule. Foto: Nico Bauhof

Wie Ex-Fußballer Reiner Schuler seine Liebe zum Kunst- und Einradsport entdeckt hat und warum er ihn unterstützt, obwohl er selbst nicht auf dem Rad sitzt.

Klar, dass es zu dieser Situation irgendwann kam. Reiner Schuler saß am Kampfrichtertisch, neben ihm seine vier Kollegen – und vor ihm gab seine Tochter Vivien oder Madeline auf dem Einrad ihr Bestes. „Ich versuche dann immer, den Schreiber zu machen“, erklärt er. Schuler ist seit vielen Jahren Kampfrichter im Kunst- und Einradsport, Kommissär heißt es hier. In der Region ist er neben Martin Thiele, seinem Nachfolger als Vorsitzender des Radsportkreises Esslingen, der einzige, der dies bis zu Wettkämpfen auf Landesebene tut. Und da kommt es eben mal vor, dass er seine Töchter zu bewerten hat, die Spitzenathletinnen dieser anspruchsvollen Sportart sind. Schuler macht aber noch viel mehr für seinen Kunst- und Einradsport. Er unterstützt Athleten und Vereine in vielfältiger Weise und schreibt seit vielen Jahren Texte für die Eßlinger Zeitung. „Ich brenne für den Sport“, sagt Schuler. Seinen jüngsten Einsatz hatte er gerade bei den baden-württembergischen Meisterschaften der Junioren und den Kreismeisterschaften der Schüler im heimischen Denkendorf.

Ein einschneidendes Erlebnis

Eine Jury besteht aus dem Obmann, zwei Ansagern und zwei Schreibern. Meistens übernimmt Schuler die Rolle des Obmanns – nur eben nicht, wenn Madeline oder Vivien auf dem Rad sitzen. Aber ohne die Tatsache, dass die heute 35 und 32 Jahre alten Frauen das tun, täte Schuler nicht, was er tut. „Ich kann diesen Sport nicht“, sagt er und lacht, „ich kann zwar auf dem Einrad geradeaus fahren, aber das Ding hat ja keine Bremse.“ Der heute 65-Jährige hat früher Fußball gespielt, lange bei seinem Heimatverein SC Altbach und später beim TSV Köngen in der Landesliga unter Trainer Michael Hütt. Rechtsaußen war er und bekannt für seine Schnelligkeit.

Seine Töchter aber wollten nicht kicken, sondern entdeckten das Einradfahren für sich. Die Trainingshalle des RKV Denkendorf war nur ein paar Gehminuten entfernt. Und Reiner Schuler hatte ein einschneidendes Erlebnis. Bei einem Wettkampf fand er, dass Madeline schlecht bewertet wurde und beschwerte sich. „Ich wurde gefragt, ob ich eine Ausbildung als Kommissär habe und das beurteilen könne“, erzählt er. Hatte er nicht – aber hatte er bald: „Eine Woche später habe ich die Ausbildung angefangen.“

Immer mehr in der Beraterrolle

Das ist 20 Jahre her. Seine Töchter sind später zum RC Oberesslingen gewechselt. Reiner Schuler ist weder Mitglied der Denkendorfer, noch der Oberesslinger, sondern aufgrund von freundschaftlichen Verbindungen des RV Nufringen. Deshalb ist er auch nicht mehr Funktionär des Radsportkreises Esslingen, sondern „Fachwart Kommissäre“ beim Radsportkreis Schönbuch-Würmtal. „In Denkendorf und Oberesslingen hab’ ich aber immer noch die Finger drin“, sagt er.

Denn neben seinen zwischen zehn und 20 Auftritten pro Jahr als Kommissär konzentriert er sich immer mehr darauf, Athleten und Vereine zu beraten. Das macht ihm Spaß. „Ich will ein Kommissär zum Anfassen sein. Ich will die Sportler unterstützen“, erklärt er. So schaut er sich vor wichtigen Wettkämpfen oder auch mal auf einem Video Küren an und gibt Feedback, was Abzüge gäbe und wo er Verbesserungspotenzial sieht. Sein großer Erfahrungsschatz hilft dabei. Einmal im Jahr steht er so auch Mitgliedern des Bundeskaders bei einem Lehrgang an der Sportschule in Albstadt zur Seite.

Und was gefällt dem Ex-Fußballer nun so am Kunst- und Einradsport? Schuler muss nicht lange überlegen. „Es steckt ja schon das Wort ‚Kunst’ drin – da ist viel Akrobatik. Es ist eine Randsportart, aber es ist Leistungssport. Die Veranstaltungen sind sehr ruhig, es geht harmonisch zu“, zählt er auf. So sind auch viele Freundschaften rund um den Sport entstanden. Man kennt sich, man mag sich, man gönnt dem anderen den Erfolg. „Fußball oder Handball kann jeder spielen, mancher halt besser und mancher nicht so gut. Aber Kunstrad kann nicht jeder.“ Kaum einer kann das besser beurteilen als er.

Kommt der Videobeweis?

Und wie geht Schuler, der bis zum Eintritt in die Rente im Jahr 2020 als Qualitätsingenieur gearbeitet hat, selbst damit um, wenn ein Sportler oder Trainer mit seiner Bewertung nicht einverstanden ist? Er duckt sich jedenfalls nicht weg. „Wir machen auch nicht alles richtig und wir müssen Rede und Antwort stehen“, sagt er. Das tut er. Und: „Wir haben ja keinen Videobeweis – der müsste aber irgendwann kommen.“

Kunst- und Einrad ist der Sport des Ex-Fußballers Reiner Schuler geworden, auch wenn er selbst nicht auf dem Rad sitzt. Dass er aber gerne über den Tellerrand hinausschaut, sieht man unter anderem daran, dass er auch als Schiedsrichter bei der Exoten-Sportart Kunstrad-Basketball fungiert. Hier heißt es eben Schiedsrichter und nicht Kommissär. Aber das ist eine andere Geschichte.