Tim Bengel (rechts) im Gespräch mit Tobias Wall, dem Kunstberater der Kreissparkasse. Foto: Bulgrin

Die Vernissage des aufgehenden Sterns am Kunsthimmel, dem Social Media-Star und Künstler Tim Bengel zog die Gesellschaft der Region Esslingen in ihren Bann. Wie das Fotografieren zum verbindenden Ritual wird.

EsslingenFür die Kreissparkasse war es ein großer Coup: Die Vernissage mit den Werken des aufgehenden Sterns am Kunsthimmel, dem Social Media-Star und Künstler Tim Bengel zog die Gesellschaft der Region Esslingen in ihren Bann. Bunt durchmischt, jung wie vielleicht nie zuvor bei einer Sparkassen-Kunstausstellung, war die Festgemeinde. Und neben dem Kunstgenuss – selbstverständlich stand der im Vordergrund! – war es in den Gängen und Sälen der Galerie in der Bahnhofstraße allenthalben ein fröhliches Hallo, ein bedeutsames Sehen und Gesehen werden, ein Gläserklirren und – und vor allem ein Spektakel für Smartphonefotografen.

Die Reden waren längst gesprochen, das extra für die Ausstellung erstellte Bildenthüllt und aufgehängt, da stand Bengel noch immer da vor eben diesem Bild und lächelte und lächelte und lächelte. Geduldig ohne Ende stellte er sich den unzähligen Fotografen, und kaum wurde die Menschentraube um ihn herum etwas kleiner, kaum war zu hoffen, dass sich vielleicht endlich mal ein Pause für das Fotomodel einstellen würde, zog es erneut Bewunderer und Selfie-Jäger in seine Nähe.

Klick. Und Klick. Und noch ein Bild. Bengel strahlt. Seine Augen leuchten. Und die Gäste seiner Vernissage strahlen zurück.

Klick.

Was passiert mit diesen vielen Fotos? „Vielleicht stelle ich es in meine Insta-gram-Story“, sagt Simone Singh. Sie hat einen guten Grund, sich mit Tim Bengel ablichten zu lassen, schließlich ist sie selber Fotografin. Sie macht Fotos von Familien und Kindern.

Einen guten Grund hat auch Gabi Leuchte-Henzler. Sie ist selber Künstlerin und malt in einem Malkreis. Sie verwickelt Tim Bengel in ein kleines Fachgespräch. Mit der Frage konfrontiert, warum sie sich mit ihm fotografieren lässt, kommt sie etwas ins Trudeln. „Warum? Ich finde ihn sehr, äh -“. Es dauert eine Weile, dann fällt es ihr ein: „Also er hat Mumm. Andere in seinem Alter hängen rum, aber er macht was.“

Während sich Gabi Leuchte-Henzler von einer Freundin ablichten lässt, tritt noch ein weiterer Herr ins Blickfeld und Bengel zieht ihn einfach zu sich mit aufs Bild. Da steht er nun, Tim Bengel, mit Gabi Leuchte-Henzler und dem Mediziner Hartmut Pflugfelder im Arm. Alle Drei begegnen sich das erste Mal im Leben, aber es sieht so vertraut aus, als kämen sie allesamt aus ein und derselben Familie.

Bengel macht mit, auch wenn er nach einer Weile dann doch schon etwas matt aussieht. „Es ist toll, dass meine Ausstellung so viele unterschiedliche Leute anzieht. Das ist wichtig, dass alle auf einen Haufen kommen. Wo kriegt man das heute noch hin?“

Burkhard Wittmacher, als Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Esslingen-Nürtingen der Gastgeber der Veranstaltung, freut es. Ziel erreicht: „Wir bringen durch die Ausstellung Menschen zusammen. Darum geht es ja auch in der Kunst. Wir geben unseren Kunden ein Plattform, aber auch unseren Mitarbeitern, die sich mit den Ausstellungen auseinandersetzen.“

Eine dieser Mitarbeiterinnen ist Stefanie Käs. Sie war es, die Bengel in die Sparkasse gelotst hat. Die beiden kennen sich „schon ewig“. Um genauer zu sein aus der Schulzeit. Sie waren Nachbarn, fuhren im gleichen Bus, und Bengels Mutter war ihre Konfirmationspatin. Stefanie Käs ist inzwischen verantwortlich für die Sozialen Netzwerke bei der Kreissparkasse, während Tim Bengel der international gefragte Künstler mit Millionen Likes im Internet ist. Aber beide sind nicht auseinandergedriftet, jedenfalls steht der Social Media-Expertin die Freude über ihren Coup ins Gesicht geschrieben. Schnell noch ein Foto! Dieses Mal ist es ein Reporter, der das Bild unbedingt haben will.

Klick.

Überall stehen Grüppchen und unterhalten sich, aber es streifen auch Einzelwesen durch die Gänge und nehmen Bild für Bild genau unter die Lupe. Am Ende der Untersuchung macht es noch mal Klick – für eine spätere weitergehende Untersuchung am heimischen Computer.

Was Fotos für die gesellschaftliche Bindung bedeuten, hat die kanadische Soziologieprofessorin und Journalistin Barbara Thériault in ihrem Feuilleton „Bilder von uns“ festgehalten. Die Veranstaltung in der Galerie der Kreissparkasse würde ihre Theorie untermauern. Denn sie ist davon überzeugt, dass Rituale und Fotografie zusammenhängen.

Rituale hielten die Gesellschaft zusammen, schreibt sie. Sie seien nur noch selten religiös, aber es gebe sie immer noch. „Geschossene Fotos sind nicht einfach irgendwelche Objekte. Klar können sie dekorativ, lustig, banal oder ein richtiger Partykiller sein, wenn sie im falschen Augenblick rausgekramt werden. Sie werden aber auch als sinnhafte Objekte ausgetauscht; sie werden als Geschenke verwendet.“ Und mehr als das: „Durch eine gemeinsame Abbildung bringen sie die Menschen zusammen; sie verbinden sie.“

Auch dann, wenn es vorher noch keine Verbindung gab. Der Bengel-Abend ist ein Abend des Kennenlernens. Passend gekleidet für ein Foto sind die meisten Gäste an diesem Abend. Sie haben sich schick gemacht. Es ist diese legere Art von Schick, die man anzieht, wenn man auf eine Vernissage mit Sekt und Brezeln geht. Hier ist etwas mehr erlaubt, als es ein Ball mit Ballkleid und Smoking verlangt. Viele Männer haben einen Knopf mehr auf als im Büro, und einige Frauen tragen bunte Sommerkleider. Nur ein einzelner Herr traut sich, eine Krawatte zu tragen, die er aber am späteren Abend entnervt abbindet.

Während Kwadis soulige Stimme die kunstbeflissene Szenerie durchschneidet – der Sänger ist ein Freund von Bengel – , unterhalten sich ein Stockwerk höher zwei Gäste über die Kunst. Statt dem Smartphone verwendet Alexander Kögel sein Auge, um die Werke von Bengel einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. „Sehr ansprechend“, urteilt er nach einer Weile, ganz so, als habe er einen tieferen Sinn entdeckt. „Nicht aristokratisch. Nicht hochtrabend.“ Obwohl der Künstler mit Goldstaub arbeitet? „Na ja“, erwidert er schlagfertig, „aber nur mit Staub und nicht mit Gold.“

Aber es ist Kunst zu goldigen Preisen! „Ich verkaufe meine Eigentumswohnung“, witzelt Günter Luippold, der ebenfalls in der ersten Etage die Bengelschen Werke begutachtet. „Und von dem erzielten Geld kaufe ich mir zwei oder drei echte Bengel. Allerdings habe ich dann keine Wände mehr, an denen ich sie aufhängen könnte.“

An Geld denkt auch Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger, der gekommen war, um mit Bengel und dem Vorstandsvorsitzenden Wittmacher das neue Bild zu enthüllen. Dieses Werk allerdings, so Zieger, könne sich die Stadt aufgrund einer Haushaltssperre leider nicht leisten, obwohl das dargestellte Alte Rathaus doch das Identifikationsgebäude der Esslinger schlechthin sei. Im Katalog werden für das Bild 80 000 Euro aufgerufen. Zieger blickt hilfesuchend auf Wittmacher und fragt: „Vielleicht bekommen wir das Bild als Leihgabe zur Verfügung gestellt?“

Ob hier auch etwas zusammenklickt, bleibt fraglich. Geschäft ist Geschäft. Die Antwort des Sparkassenvorstands fällt daher eher ökonomisch aus: Man sei in Gesprächen mit Tim Bengel. Auch wegen des Preises. Wo das Bild dann am Ende hänge, werde sich noch weisen.

Dem jüngsten Besucher ist das egal – Emil, am 29. Juli geboren und bei der Vernissage 17 Tage alt. Der Vater des Kleinen ist der größte Fan von Tim Bengel, und Wolf Hermann erklärt, Emil sei zu klein für einen Babysitter und noch nicht groß genug, um allein zu bleiben. Darum hat er ihn zum Kunstgenuss mitgenommen. Vielleicht, so hofft der stolze Papa, ist ja was dran am Bengel’schen Credo, dass sich Künstlertum früh im Leben herausbilde. Dann habe Emil beste Chancen, einmal ein Großer in der Kunst zu werden. Er freut sich jedenfalls, dass er den Event mit Baby genießen kann. Tim Bengel – große Kunst auch für kleine Leute.

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