Das Beste aus dem Plus-Archiv: Vor 20 Jahren wanderte Ursula Musch von Bad Waldsee in die Vereinigten Arabischen Emirate aus. Heute ist sie dort eine Berühmtheit. In der Wüstenfarm von Kamel-Uschi treffen sich Touristen, Scheichs und Promis.
Bad Waldsee/Dubai - Soran al-Ashra ist der Liebling von Kamel-Uschi. „Taaal Habibi“, schnurrt sie in ihrem unnachahmlichen Arabisch mit breiter schwäbischer Färbung – „Komm her, Schatzi“ – und drückt dem Dromedar einen Kuss auf die Lippen. „Kamele sind keine Tiere, sondern Menschen“, zitiert sie ein Sprichwort der Beduinen. 30 Dromedare nennt sie ihr Eigen, alle kennt sie mit Namen.
Kamel-Uschi heißt eigentlich Ursula Musch und stammt aus Oberschwaben. Doch hier in der Wüste von Dubai, wo sie seit 20 Jahren eine Kamelfarm besitzt, nennen sie alle – Ausländer wie Einheimische – nur Kamel-Uschi. Groß und blond ist sie – so wie sich viele Araber eine Deutsche vorstellen. Im langen bunten Gewand, um den Kopf ein Haarband in denselben Farben. Eine bodenständige Frau im Kostüm einer Diva.
Die Reise zu ihr entpuppt sich als kleines Abenteuer, wenn man auf eigene Faust anreist. Mitten in der Wüste von Dubai, weit weg von den glitzernden Shoppingmalls und Wolkenkratzern, ist der Taxifahrer irgendwann am Ende. Nur Sand und Steine. „Ich komme nicht mehr weiter“, sagt Mohamed. Er stammt aus Pakistan, seit vier Jahren chauffiert er Einheimische und Touristen durch Dubai, immer dem Navi nach. Doch hier, irgendwo zwischen Kamelfarmen, Pferderanchs und Falken-Trainingscamps ist er noch nie gewesen.
Zum Glück steht da mitten in der Wüste eine Moschee. Männer in weißen langen Gewändern kommen heraus. „Salam aleikum“, grüßen wir. „Wir suchen eine Deutsche, die hat hier eine Kamelfarm.“ Die Männer nicken. „Ja, wir kennen sie. Aber hier seid ihr falsch. Am besten ruft ihr sie an, damit sie euch abholt.“ Mohamed hievt unsere Koffer aus dem Taxi und fährt wieder in die große Stadt. Wir bleiben zurück. „Meine Jungs holen euch ab“, verspricht unsere Gastgeberin. Nur wenige Minuten später braust ein weißer Jeep heran. Am Steuer sitzt ein junger Mann, weißer Dischdasch, rot-weiß gemusterte Kufiye auf dem Kopf. „Hallo, ich bin Ahmed.“ Er lädt die Koffer auf die Ladefläche, und los geht es quer durch die Wüste. Rasant ist das Tempo. Nur so bleibt man im Sand nicht stecken.
Sie lebt mit drei Beduinen, vier Hunden und 20 Kamelen
Es dämmert bereits, als unvermittelt die Farm vor uns auftaucht. Vor dem Kamelgehege steht die Besitzerin. „Na endlich“, sagt sie zur Begrüßung. „Die anderen sind schon längst auf Kameltour.“ Die anderen – das sind zahlende Gäste. Zwei Schweizerinnen und ein Paar aus Salzburg haben das Arrangement „Ein Abend in der Wüste“ gebucht, mit Beduinen-Essen und Kamelreiten, 129 Euro pro Person. Erzählungen von Uschi über ihr aufregendes Leben sind inklusive.
Stolz führt sie die Besucher über das weitläufige Gelände. Wie viele Hektar das sind, kann sie nicht sagen. „Ist alles auf meinen Namen eingetragen.“ Die einzige Frau unter lauter Männern, die einzige Ausländerin, die eine Kamelfarm in den Emiraten besitzt. Uschi aus Oberschwaben hat es weit gebracht hier im Wüstenstaat.
Mit vier Hunden, 20 Kamelen und drei jungen Beduinen des angesehenen Stamms der Rascheedi lebt sie hier. Weitere zehn Kamele, genauer gesagt Dromedare, stehen am Strand des luxuriösen Emirates-Hotels von Abu Dhabi, wo alle wichtigen Staatsgäste absteigen. Auch mitten im Sand legt Uschi Wert auf ein komfortables Leben. Das Häuschen, das sie sich gebaut hat, wirkt von außen unscheinbar, ein viereckiger schmuckloser Flachbau. Doch im Inneren ist er mit allem Wohnkomfort ausgestattet, den die Deutsche sich in der Wüste wünscht: Klimaanlage, ein riesiges Wohnzimmer mit einer Sofalandschaft für arabische Gäste und einem Satellitenanschluss mit allen deutschen Programmen. „Wapo Bodensee“ und die Daily Soap „Rote Rosen“ verpasst Uschi nur im Notfall.
Abdullah backt Brote auf einer Tonne
Der Rundgang führt in die Küche mit roten Einbaumöbeln. Dort stehen ihre Beduinenhelfer Ali und Ahmed, sie schnippeln Gemüse für die Gäste. Gekocht wird aber nach Beduinenart draußen. In der offenen Zeltküche köchelt in einem Erdloch bereits der Reis. Daneben backt Abdullah auf einer Tonne die Brote aus.
Fasziniert schauen die Gäste zu. Nach dem Kamelausritt sind sie hungrig. „Haadiehie al Chuudraa“, weist Uschi Ahmed an. „Gib mir das Gemüse.“ Ihre Beduinen verstehen das eigentümliche Arabisch der Deutschen. Und sie sind ihr treu ergeben „Ich würde für Uschi sterben“, sagt Ahmed.
Vor 30 Jahre landet Ursula Musch das erste Mal in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die viel gereiste Frau aus Bad Waldsee verliebt sich sofort ins Land, kommt immer wieder. Sie lernt eine einheimische Familie kennen. Schon bald gehört die Deutsche wie selbstverständlich zum arabischen Clan. Das Familienoberhaupt sieht in ihr die Pflegetochter. Für Uschi, die als Einzelkind aufgewachsen ist, ist diese Erfahrung überwältigend. Doch erst, als ihre Mutter in Oberschwaben stirbt und sie ihren Job im Sekretariat einer großen Maschinenbaufirma in Bad Waldsee wegen Insolvenz verliert, siedelt die Deutsche 1998 ganz in die Emirate über.
Ihr Pflegevater schenkt ihr das erste Kamel, mit dem Ursula Musch an Hotelstränden auf Touristenfang geht. Dann besorgt ihr der Clan eine Lizenz für die Kamelzucht – Beziehungen machen in den Emiraten auch das Unmögliche möglich. Die Schwäbin gründet ihre erste Farm. Der jetzige Standort ist bereits der vierte. „Immer, wenn die Stadt näher rückte, bin ich weiter in die Wüste hinein.“
Treffpunkt für den einheimischen Jetset
Mittlerweile ist Kamel-Uschi eine Berühmtheit in den Emiraten. Ihre Farm ist zum Treffpunkt für Touristen und den einheimischen Jetset geworden. Filmteams aus aller Welt besuchen die Wüstenfarm. Vor zwei Jahren machte Dieter Bohlen mit seiner Castingshow halt bei Uschi. Die jungen Kandidaten schmetterten ihre Songs in die Wüste hinein. Schade, dass damals Ahmed noch nicht da war. Der junge Beduine wäre vielleicht fündig geworden bei seiner Suche nach einer deutschen Frau. „Kannst du mir eine Frau besorgen?“, fragt er die Besucher und verteilt großzügig seine Handynummer.
Mit Fleiß, ihrem schwäbischem Dickkopf und Beziehungen bis zur Herrscherfamilie in Abu Dhabi ist die Deutsche in die Prominenz der Emirate aufgestiegen. „Ich habe die gleichen Rechte wie die Locals“, sagt sie stolz. Wenn sich die Scheichs der großen Clans treffen, ist sie dabei – als einzige Frau. „Du bist ein Mann“ – dieses Kompliment der Scheichs macht Uschi stolz. Respekt haben die Araber vor ihr, weil sie Respekt vor der arabischen Kultur und deren Werten hat. „Die Touristen sehen doch nur das moderne Dubai. Doch die meisten Locals leben nach alten Traditionen: Gastfreundschaft, die Liebe zu den Kamelen und zur Wüste“, sagt Uschi. Den Touristen diese nahezubringen sieht sie als ihre Mission.
Zugang hat sie auch zu den einheimischen Frauen. Deren Leben sei nicht so schlecht wie die Boulevardpresse gerne behauptet, sagt Uschi. Zu dem Vorwurf gegen das Herrscherhaus, es würde seine Frauen und Töchter einsperren, will sie sich nicht äußern. „Frauen werden verwöhnt. Sie dürfen arbeiten, müssen aber nicht.“ Auch die strikte Ausländerpolitik der Emirate gefällt ihr: „Nur wer arbeitet, erhält eine Aufenthaltserlaubnis, die anderen müssen gehen“, erzählt sie den Gästen in der Nacht am Lagerfeuer.
Nächstes Jahr bekommt sie einen Stromanschluss
Um sechs geht es am nächsten Morgen auf der Farm weiter – für Ahmed, Ali und Abdullah. Sie reiten die Kamele aus, solange es nicht zu heiß ist. Um acht kommt Familie Schöse aus Frankfurt am Main. Sie hat eine Stunde Kamelreiten gebucht. Uschi schläft noch. „Vor zehn steht sie nicht auf,“ sagt Ahmed. Je älter sie werde, desto mehr genieße sie die Ruhe, bestätigt Uschi später. Am schönsten sei der Sommer. „Da bin ich nur faul. Ich liege auf dem Sofa und schaue den ganzen Tag deutsche TV-Serien.“
In Deutschland war Uschi das letzte Mal vor drei Jahren. Dorthin zieht sie nichts – auch jetzt nicht, wenn das Leben beschwerlicher wird, das Gehen in den Knien schmerzt und Ausritte auf ihren geliebten Kamelen immer seltener werden. Auch wenn sie ihr Alter nicht verrät – in Deutschland wäre sie vermutlich schon lange in Rente. Ihre Zukunft aber plant sie in Dubai. „Nächstes Jahr bekomme ich einen Stromanschluss“, sagt sie stolz. Dann braucht sie den Generator nicht mehr, der immer wieder ausfällt.
Wenn es nach Uschi geht, will sie auf ihrer Farm sterben, in Sichtweite ihrer geliebten Kamele. „Die Lippen eines Kamels sind weicher als die eines Mannes“, sagt sie. Und küsst noch einmal ihren Liebling Soran.