Erst Hochwasser, dann Badeverbote, jetzt Berichte über eine angebliche Mückenplage: Die Tourismus-Branche am Bodensee klagt über einen Gästemangel.
Susanne und Norman Holmes sitzen auf einer Bank direkt vor ihrem Hotel an der Meersburger Seepromenade und genießen den Blick aufs Appenzellerland und die Alpen auf der anderen Seeseite. Am Vorabend sind sie aus Uelzen in Niedersachsen angereist, und noch hat keiner von beiden einen Mückenstich abbekommen. Das ist, wenn man den Berichten glaubt, in diesem Sommer schon eine kleine Sensation. Selbst in der Google-Suche sei ihr beim Stichwort „Bodensee“ als erstes „Mückenplage“ angeboten worden, sagt die 47-Jährige. Das Paar ließ sich nicht abschrecken. „Wir nehmen den Kampf auf“, sagt ihr Mann. „Mücken gibt es im Sommer auch bei uns.“
Doch so tapfer wie die beiden Nordlichter sind nicht alle. Längst haben sich die Berichte als kräftiger Dämpfer für das Urlaubsgewerbe am Bodensee in einem ohnehin schwierigen Jahr erwiesen. Zuerst der Regen und das Hochwasser, dann das zeitweise Badeverbot, jetzt die Mückenplage. Hartmut Schappeler (56), der ein paar Schritte weiter Motorboote vermietet, winkt genervt ab. Die Leute seien total verunsichert. „Von zehn Gästen rufen neun vorher an“, weiß er von vielen Hoteliers. Dabei sei das Gerede über eine Mückenplage einfach lächerlich und reine Panikmache. „Wenn die Leute deshalb daheim bleiben, bestrafen sie sich selbst.“
„Katastrophenmeldungen helfen nicht“
Trotzdem: es ist merklich ruhiger in diesen Tagen am Urlaubshotspot. Sogar die Parkplatzsuche fällt in Meersburg leicht. Für viele Hoteliers und Gastronomen ist die Entwicklung längst bedenklich. Im Mai und Juni habe er einen Gästerückgang um zehn bis 15 Prozent verzeichnet, sagt Uwe Felix vom Hotel Traube in Friedrichshafen-Fischbach. Bei den Campingplätzen sei es noch schlimmer. So etwas hole man auch nicht mehr auf. Vieles sei dem Wetter geschuldet gewesen. „Aber neue Katastrophenmeldungen helfen nicht.“ Vor allem die kurzfristigen Buchungen blieben aus. Im Anbetracht hoher Fixkosten seien es ja genau diese „letzten zehn bis 15 Prozent bis zur Vollbelegung, mit denen wir Geld verdienen.“
Dass es in diesem Jahr mehr Schnaken – so heißt die Stechmücke am Bodensee – gibt als sonst, daran herrscht kein Zweifel. Durch das Hochwasser seien massenhaft Eiablageorte aus den Vorjahren überschwemmt und damit aktiviert worden, sagt Rainer Bretthauer. Der 88-Jährige ist ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter von Radolfzell und ein Mückenexperte, seit er in jungen Jahren im Südsudan geforscht hat. 3500 Stiche habe er sich da einmal geholt. Von solchen Verhältnissen sei man am Bodensee weit entfernt. Dennoch könne es „schon unangenehm werden, wenn man sich an bestimmten Orten aufhält“. Eine chemische Bekämpfung wie am Oberrhein sei nicht möglich. Denn darunter litten auch die Zuckmücken. Sie seien einerseits harmlos, andererseits dienten ihre Larven als Fischfutter.
Die Telefone stehen nicht still
Tatsächlich gibt es Urlauber, die nach zwei Tagen die Bodenseeregion verlassen haben und andere, die darüber nur den Kopf schütteln. Am Fischbacher Campingplatz ist der Strand wegen des Hochwassers etwas zusammengeschrumpft. Dennoch reicht es noch für eine Sandburg mit sieben Türmen. Kinder haben sie mit weißen Möwenfedern geschmückt. Die Leute machten sich völlig falsche Vorstellungen, sagt Franz Schlicht. Der 56-Jährige betreibt den Campingplatz seit 20 Jahren, doch so viele Anrufe wie in diesem Jahr habe er noch nie erhalten. „Die Leute fragen, ob der Platz noch geschossen ist, ob die Evakuierung noch läuft, ob man das Trinkwasser noch abkochen muss, ob das Badeverbot noch gilt.“ Alles kann er verneinen, doch jetzt fragen sie auch noch nach den Mücken. Gerade sei einer nach 26 Tagen abgereist, „der hatte keinen einzigen Stich.“
Im Dorfladen von Wallhausen bei Konstanz kann die Inhaberin von einer verstärkten Nachfrage nach Antibrumm berichten. Sobald die Sonne nicht mehr scheine, sei es am Ufer nicht mehr auszuhalten, sagt sie. Bei der Weißen Flotte hält man die Berichterstattung über die angebliche Mückenplage hingegen für „vollkommen überzogen“. Längst zeige sich die Zurückhaltung der Urlauber in der Bilanz, sagt der Sprecher Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB), Josef Siebler. Die Fahrgastzahlen lägen deutlich unter dem Vorjahr. Auch auf der Schweizer Seite herrscht Verwunderung über ausbleibende Gäste. Mücken seien doch ein normaler Bestandteil des Sommers. Man habe die Partnerbetriebe aber mit zusätzlichen Antimückenmitteln ausgestattet, sagt eine Sprecherin von Thurgau Touristik.
„Das wird dann nicht gezeigt“
Auch in Eriskirch, wo die Schussen viel Treibholz aus Richtung Meckenbeuren in den See befördert hat, ist das vorsorglich verhängte Badeverbot längst aufgehoben. Trotzdem wird Bürgermeister Arman Aigner (parteilos) das Thema nicht los. Gerade war ein Kamerateam von RTL im örtlichen Strandbad der Mückenplage auf der Spur. Doch an dem Tag der Dreharbeiten habe es ein wenig gewindet. Es gab keine Mücken und keine Stiche. „Aber so etwas“, sagt Aigner, „zeigen die dann natürlich nicht.“
Was der Mückenexperte rät
Mücke oder Schnake
Schnaken gehören zur Familie der nichtstechenden Zweiflügler. Deshalb ist die Bodenseeschnake eigentlich eine Mücke – wobei auch nur die Weibchen stechen. Sie brauchen das Eiweiß im Blut für die Eierbildung. Die als gefährlich geltende Tigermücke ist am Bodensee selten, die Übertragung gefährlicher Krankheiten ohnehin unwahrscheinlich.
Wein statt Bier
Zur Abwehr von Mücken empfiehlt der Mückenexperte Rainer Bretthauer neben Antimückensprays das Tragen von weiter Kleidung. Durch enge Jeans kann die Bodenseeschnake locker durchstechen. Kohlensäurehaltige Getränke wie Bier, Cola oder Sprudel zieht die Mücken an, besser ist Wasser oder Wein. Am wichtigsten ist aber: Nicht kratzen!