Anja Wessels-Czerwinski organisiert den Erfrierungsschutz. Quelle: Unbekannt

Reporter Johannes M. Fischer besucht ein Obdachlosenasyl. Hier werden die letzten Krümel der Menschenwürde mühsam zusammengekratzt.

EsslingenGlanz und Gloria über der Neuen Weststadt: klimaneutraler Stadtteil, neue Hochschule, Millionenförderungen durch den Bund. Neu, neu, neu! Ganz viel Zukunft!

Das ist die eine Seite der Fleischmannstraße. Auf der anderen Seite ist die andere, die alte Weststadt, gewachsen im 19. Jahrhundert während der großen Zeit, als die Maschinenfabrik Lokomotiven baute. Eines der alten Häuser kleidet sich zurzeit im Baugerüst – irgendetwas tut sich also. Ein enger Gang führt in einen kleinen Hinterhof. In einer Ecke eine Holzbank, angekettet. Damit niemand sie mitnimmt. In einer anderen Ecke ein mit Klebeband zusammengeflickter Wäscheständer. Eingedellte Briefkästen. Auf der hinteren Seite des Hinterhofs duckt sich ein kleines, zweistöckiges Gebäude zwischen den größeren Mehrstöckern, das ein wenig zwischen Vergehen und Werden hängt. An manchen Stellen gibt es keinen Putz mehr, an anderen hängen neue Fensterläden.

Hier also bringen Menschen, die an das elendste Ende der Gesellschaft herabgefallen sind, ihre Existenz über den Winter. Im Innern steht ein Spint. Dort können die Obdachlosen ihre Habseligkeiten einschließen, wenn sie ein Vorhängeschloss haben. Erfahrene Obdachlose haben so ein Vorhängeschloss. Es ist nicht viel, was sie einschließen können. „Aber es ist alles, was sie haben“, sagt Anja Wessels-Czerwinski von der Eva Esslingen. Eva steht für die Evangelische Gesellschaft, die hier Betten für ein, zwei oder drei Nächte zur Verfügung stellt für Menschen, die sonst vielleicht erfrieren müssten.

Erfrierungsschutz. Ein interessanter Name für einen Ort, der begrifflich an sein Gegenteil, den Gefrierschrank erinnert. Die Fenster im Erdgeschoss sind mit Holzläden dicht verschlossen, weil es vor drei Jahren einen Überfall auf die Wohnungslosen gegeben hat. Es wurde auch eine Kamera installiert – seitdem ist nichts derartiges mehr passiert. Wie perfide, ein Überfall an diesem Ort: Hier, wo die letzten Krümel eines menschenwürdigen Lebens zusammengekratzt werden, wo das allerletzte Stück Privatsphäre durch ein Vorhängeschloss am Spint symbolisiert wird. Viel ist nicht im Spint. Aber für die, die hier landen, ist es „alles, was sie haben.“

Der Erfrierungsschutz ist ein Obdachlosenasyl für den Winter. Betrieben von der Eva im Auftrag der Stadt, die dazu verpflichtet ist, wohnungslosen Menschen in der Kälte ein Obdach anzubieten. Unabhängig von der Temperatur öffnet er im November und bleibt bis Ende März offen. Um 17 Uhr gehen die Türen auf, morgens um 10 Uhr schließen sie wieder. Es gibt sieben Betten für Männer im Erdgeschoss und vier für Frauen im Obergeschoss. Wenn der Bedarf größer ist, wird aufgestockt. Zwei Notbetten stehen im Lager. In der Vergangenheit mussten sie auch schon mal aufgestellt werden. Zurzeit nicht. Zurzeit seien immer so um die vier Leute da, erklärt Wessels-Czerwinski. „Das ist gut“, sagt sie trocken. Es sind immer mehr Männer als Frauen da. Eine Erfahrung, die andere Städte auch machen.

Also ein Feld, wo Frauen ausnahmsweise besser dastehen? Scheinbar. Tatsächlich verbirgt sich dahinter allerdings eine andere Tragödie. Frauen würden privat eher von Männern aufgenommen als umgekehrt, deshalb landeten sie in der höchsten Not seltener in einer Einrichtung wie dem Eva-Erfrierungsschutz, überlegt Wessels-Czerwinski. Das klingt nett, aber der aufnehmende Mann ist nicht unbedingt immer nett. Oft träfen Gast und Gastgeber ein „Arrangement“. Wessels-Czerwinski benutzt das Wort in seiner negativen Bedeutung: Es geht bei solcher Gastfreundlichkeit nicht unbedingt um Partnerschaft. Es kann auch pure Ausbeutung sein. Und so passiert es immer wieder, dass Frauen mitten in der Nacht in der Fleischmannstraße auftauchen, weil sie an einen Punkt gelangen, wo das Arrangement aus Gewalt und sexuellem Missbrauch nicht mehr zu ertragen war. Das ist keine klassische Obdachlosigkeit, wo ein Mieter wegen seiner Mietschulden aus der Wohnung fliegt. Es ist eine Obdachlosigkeit, der ein Verbrechen vorausgegangen ist, das niemand mitbekommt.

Ein klare Statistik gibt es nicht über die Zahl der Obdachlosen in Esslingen, es dürften aber weit über 100 sein. Übergangsweise finden viele einen Unterschlupf in einer der Einrichtungen, die sich um Menschen am untersten Rand kümmern. Der Verein Heimstatt etwa bietet – wie auch die Eva – längerfristige Wohnungen an. Ein Verein wie Kultur am Rande versucht, Menschen in Wohnungsnot über die Kunst eine Brücke in die Gesellschaft zu bauen. Im Vinzenztreff, einer Einrichtung der katholischen Kirche in der Mittleren Beutau, treffen sich Menschen, die generell in eine soziale oder materielle Notlage gerutscht sind. Sie trinken Kaffee, waschen Wäsche, bekommen eine Mahlzeit für einen symbolischen Beitrag von einem Euro.

Beratungen bekommen die Menschen in allen Einrichtungen, so auch in der Eva. Am Ende geht es immer darum, den Gestrandeten zu helfen, den Alltag wieder in den Griff zu bekommen. Das wurde im Verlauf der vergangenen Jahre offenbar eher schwieriger als leichter. Jedenfalls klagen viele Sozialhelfer über eine zunehmendes Drogenproblem, das mit körperlichen, geistigen und sozialen Verfallserscheinungen einhergeht. Oft ist es das gefährliche Crystal Meth. Es wird massenhaft in Tschechien produziert und wandert über die bayerische Grenze nach Baden-Württemberg.

Für die Räume im Erfrierungsschutz gelten daher strenge Regeln. Schnaps und illegale Drogen sind verboten, ebenso das Rauchen im Gebäude. Verwiesen wird in der Hausordnung auf Sauberkeit und Hygiene. In den Räumen gibt es Waschgelegenheiten, auch eine Dusche. In einer kleinen Küchenzeile können die Wohnungslosen kochen und waschen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Schlachthofstraße, Richtung Neckar, wird weiter gewerkelt am Traum vom klimaneutralen Leben in der Neuen Weststadt. Weltbedeutung liegt in der Luft. Auf der anderen Seite, für viele unsichtbar, dreht sich die Welt im Kleinen und im Ärmlichen. Aber auch hier verändert sich etwas. Das Gerüst um das Haus der Eva zeugt davon. Auch innen „verbessern sich die Bedingungen ständig. Wir renovieren viel“, sagt Wessels-Czerwinski. In fünf Stunden ist Einlasszeit. Dann kommen wieder Gäste. Oft haben sie außer ihrem Rucksack und ihren Tüten noch ein Vorhängeschloss dabei.

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