Paul Murdoch Foto: Bulgrin - Bulgrin

Der liberale Esslinger Pfarrer Christoph Schweizer und der evangelikal-konservative Theologe Paul Murdoch vertreten in einem Streitgespräch kontroverse Positionen.

EsslingenHomosexuelle Partnerschaften – Segen oder Sünde? Die Frage treibt die evangelische Kirche seit langem um und benennt zugleich die kontroversen Positionen. In Württemberg hat sich die Landeskirche auf ihrer Synode im März zu einem Kompromiss durchgerungen, der in bestimmten Gemeinden zwar keine Trauung, aber eine Segnung von Homo-Paaren zulässt (siehe Info-Text unten). Die Wogen haben sich durch den Beschluss nicht geglättet sondern schlagen erst recht hoch. In einem Streitgespräch stellen sich der Esslinger Gemeindepfarrer Christoph Schweizer als Vertreter der liberalen Position und der Theologe Paul Murdoch, Mitglied der evangelikal-konservativen Arbeitsgemeinschaft Confessio, dem Thema.

Herr Murdoch, kommen praktizierende Homosexuelle in die Hölle?
Murdoch: Jeder Mensch, der nicht erlöst ist, kommt nach biblischem Zeugnis in die Hölle, das wird nicht sortiert nach Hetero oder Homo.

Die Arbeitsgemeinschaft Confessio, der Sie angehören, beruft sich in ihrer Stellungnahme zum Synodenbeschluss auf die Verdammung der Homosexualität im Römerbrief des Apostels Paulus. Dieser Position zufolge müsste man über Homo-Segnungen gar nicht erst diskutieren, denn Homosexualität selbst ist Sünde.  
Murdoch: Paulus stellt die Homosexualität als Verkehrung dar, und diese ist das Kennzeichen jeden menschlichen Fehlverhaltens: dass der Mensch verdreht, was Gott geschaffen hat. Das wird in der christlichen Theologie unter dem Begriff der Sünde dargestellt. Es geht also um eine Verurteilung der praktizierten Homosexualität als nicht schöpfungsgemäß.

Was würden Sie christlichen Homose­xuellen raten?
Murdoch: Ich würde Christen, die homosexuell empfinden, genauso wie anderen, die mit Versuchung zu kämpfen haben, Enthaltsamkeit raten – und sich Kraft vom Glauben und vom Herrn zu erbitten.

Herr Schweizer, das Wort sie sollen lassen stahn. Opfern Sie mit einer liberalen Position nicht das Schriftwort dem Zeitgeist?
Schweizer: Wir ringen um das Bibelverständnis. Das findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in der Verantwortung vor Gott, der Welt, der Gemeinde und der kulturellen Situation, in der wir stecken. Für mich war gerade die Passage vom Beginn des Römerbriefs ein Aha-Erlebnis: Paulus will gar nicht darauf hinaus, dass Homosexualität eine Verkehrung sei, salopp gesagt: Schweinkram. Das war für ihn als frommen Juden sowieso selbstverständlich. Wenn ich aber der Argumentationslinie folge, dann ist Paulus zunächst wichtig: Leute, ich habe euch zuerst mal die allerbeste Botschaft zu erzählen. Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht. Dann erst folgt seine Argumentation. Da sagt er: Wir Menschen schaffen es nicht, aus eigener Kraft Gott zu verstehen. Wir verdrehen seine Botschaft. Für diese Verdrehung ist die Homosexualität und der weitere Lasterkatalog, den Paulus aufführt und der bei seiner judenchristlichen Leserschaft wohl ein einvernehmliches Kopfnicken auslöste, nur ein kulturell bedingtes Beispiel. Er will auf etwas ganz anderes hinaus, das Thema Homosexualität ist für ihn Nebensache. Es geht ihm ums Evangelium, um die frohe Botschaft. Murdoch: In diesem Deutungsansatz unterscheiden wir uns. Die Aussagen des Paulus sind nicht von der damaligen Kultur geformt, sondern haben umgekehrt aus dem Wort Gottes heraus die Kultur geformt. Wir können deshalb diese Ansichten nicht einfach als kulturell bedingt abtun. Aber wir haben heute ein Problem damit, etwas zu verurteilen, was sich Menschen im Rahmen ihrer persönlichen Lebensgestaltung zu eigen machen. Die persönliche Befindlichkeit hat eine enorm wichtige Rolle bekommen. Man traut sich schier nicht mehr, zu sagen, dass Gott etwas nicht gut heißen könnte, was ein Mensch für sich okay findet. Schweizer: Ja, stimmt, die persönliche Befindlichkeit ist tatsächlich wichtig. Darüber kann ich in der Tat nicht so einfach hinweggehen. Ich sehe in der Geschichte der sexuellen Liberalisierung, wie befreiend es für Homosexuelle ist, dass sie nicht mehr in schmuddelige Hinterräume verbannt sind, sondern gesellschaftliche Akzeptanz finden. Ich erlebe das auch als Seelsorger, zum Beispiel wenn Eltern zu mir kommen und sagen: „Das wird Ihnen als Pfarrer nicht gefallen, aber unser Sohn ist schwul und lebt mit einem Mann zusammen.“ Ich sage dann: „Das freut mich für Ihren Sohn, dass er eine gute Beziehung gefunden hat.“ Die Leute sind dann richtig erleichtert, wenn ich ihnen mit meinem christlichen Verständnis diesen Zuspruch gebe. Murdoch: Die Frage ist gar nicht so sehr, ob homo- oder heterosexuell. Sondern: Gibt es ein Recht auf Sex, das der Mensch einfordern kann? Oder ist Sexualität von Gott geschenkt zur Zeugung und zur Entfaltung im geschützten Raum einer ehelichen Beziehung? Ich halte es für eine Verdrehung der Sachlage, dass wir eine kleine Zahl Homosexueller haben, die als Christen leben wollen, aber Enthaltsamkeit für sich ablehnen, während wir eine viel größere Zahl an heterosexuellen Christen haben, die als Ledige, Geschiedene oder Verwitwete auch gern sexuelle Erfüllung hätten. Aber wir als Kirche verlangen zumindest nach meinem Verständnis von diesen Menschen, dass sie sich an das Enthaltsamkeitsgebot der Schrift halten und das Problem nicht mit Affären oder Bordellbesuchen lösen. Und dann sollen wir für Menschen mit einer bestimmten sexuellen Orientierung eine Ausnahme machen, weil das der gesellschaftlichen Liberalisierung entspricht? Schweizer: Ich denke fast, ich werde jetzt nicht nur liberal, sondern libertinär im Vergleich zu Ihnen. Ich würde nicht rausgehen und den Leuten sagen, Sex vor der Ehe ist verboten. Eine gute Sexualität gehört zum erfüllten Leben wie Essen, Trinken, Atmen. Da fällt es mir schwer, zu fordern: Ihr müsst enthaltsam sein.

Ihre Positionen sind so unvereinbar wie die zum Synodenbeschluss. Gibt es die Chance der Vermittlung?
Schweizer: Der Beschluss ist die Vermittlung, eine Politik der kleinen Schritte nach dem Motto: Mehr war jetzt nicht drin. Ich habe großen Respekt vor allen, die bei diesem Kompromiss-Kompromiss über ihren Schatten gesprungen sind. Man hat hart gerungen, und da halte ich es für falsch, wenn der Beschluss jetzt ständig torpediert wird. Murdoch: Landesbischof July hat bestimmt wohlwollend gemeint, mit diesem Kompromiss die Einheit in der Kirche wahren zu können. Für mich ist die Trennung, die es im Hinblick auf die Schrift und ihre Auslegung gibt, nur umso deutlicher geworden. Da ist auch schon die Rede von zwei Kirchen unter einem Dach. Schweizer: Diese Rede finde ich fahrlässig. Das ist vom Schreibtisch aus gedacht und respektlos gegenüber dem hart errungenen Kompromiss. Murdoch: Ich weiß nicht, ob der Kompromiss hart errungen wurde. Ich habe von Mitgliedern der Synode gehört, sie hätten nur zugestimmt, weil sie es nicht mehr ertragen, dass die Arbeit in der Synode noch länger von diesem Thema blockiert wird, das nur eine kleine Minderheit betrifft. Doch letztlich geht es hier um Gewissensfragen, und da gibt es keine Kompromisse. Wir können nicht sagen „Schwamm drüber“, wenn grundlegend unterschiedliche Sichtweisen auf die Heilige Schrift aufeinanderstoßen. Dass wir gemeinsam unter einem Kreuz seien, wie es der Landesbischof geschrieben hat, ist, bei allem Respekt, eine Fehleinschätzung. In unserer Landeskirche gibt es Kollegen, die am Karfreitag sagen: „Weg mit dem Kreuz! Das können wir modernen Menschen nicht mehr zumuten.“ Schweizer: Das kann ich mir nicht vor­stellen.

Ist die Einheit der Kirche in Gefahr?
Murdoch: In Gefahr? Sie ist nicht existent. Schweizer: Herr Murdoch, ich finde es ärgerlich und fahrlässig, wenn man die Einheit der Kirche in dieser Buntheit leugnet. In meiner Gemeinde etwa halten wir eine enorme Spannung aus. Es ist in unserer ganzen Landeskirche ein manchmal schwer zu ertragender Reichtum, dass pietistische und charismatische und sehr liberale Christen das Wagnis eingehen, gemeinsam Kirche zu sein.

Was verbindet Sie überhaupt noch als Mitglieder derselben Landeskirche?
Murdoch: Das Entscheidende ist für mich die Gemeindeebene. Da kommt es darauf an, dass Menschen miteinander können, dass man gemeinsame Wege und eine Einheit findet. Das ist für mich ein hohes Gut. Und ich sehe die Gefahr, dass durch den Synodenbeschluss viele abwandern in die Freikirchen. Schweizer: Diese Abwanderung gibt es auch in anderer Richtung. Ich kenne viele Schwule und Lesben, und die sind in den Gemeinden hoch engagiert. Viele kennen in der Familie oder in ihrem Umfeld Homosexuelle, die darunter gelitten haben, dass sie ihre Sexualität nicht ausleben konnten – bis sie sich geoutet haben und in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft glücklich werden. Das geht auch konservativen Christen nahe. Und das verbindet. Das ist sicher besser, als sich gegenseitig zu verdammen. Ich finde es sowieso schwierig, über Schwule und Lesben zu reden, statt mit ihnen zu sprechen.

Wie schätzen Sie das Meinungsklima unter evangelischen Christen ein?
Schweizer: In meiner Gemeinde mit 5000 Mitgliedern gibt es die unterschiedlichsten sozialen Milieus und theologischen Prägungen – alle Farben der Landeskirche. Der neue Beschluss zur Segnung homosexueller Paare schreibt vor, dass drei Viertel des Kirchengemeinderats zustimmen. Ich schätze, das könnte bei uns knapp werden. Da gehen wir in einen offenen Prozess, bei dem wir hoffentlich voneinander lernen und aufeinander hören. Murdoch: Das Meinungsklima hängt von der Prägung der jeweiligen Gemeinde ab. In meinen Kreisen herrscht ein großes Unverständnis für den Synodenbeschluss.

Können Mehrheitsverhältnisse über biblische Grundlagen entscheiden?
Schweizer: Es geht nicht um biblische Grundlagen, es geht um das Verständnis der Bibel. Ich würde den Vorwurf nicht gelten lassen, wir würden die Bibel beiseite legen. Wir ringen im Kirchengemeinderat um das Verständnis.

Führt der evangelikale Rigorismus des biblischen Wortlauts in ein sektenhaftes Abseits?
Murdoch: Es gibt eine Schicht in der Gesellschaft, die den Glauben sowieso für suspekt hält und alles über den Menschen Hinausragende für Aberglauben oder Dummheit ansieht. Wenn man aber die aktuelle Entwicklung bei jungen Erwachsenen ansieht, dann ist eine neue Sehnsucht nach Verbindlichkeit da. Dieses „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ aus der Aufklärung befriedigt nicht mehr, weil es keine gemeinsame Perspektive bietet. Von daher sehe ich Chancen für eine christliche Kirche, die mehr Geradlinigkeit, mehr Kante zeigt und nicht versucht, alle und alles unter ein Dach zu bringen. Schweizer: In einem Punkt stimme ich zu: Es ist ein berechtigter Vorwurf an uns Evangelische, dass man nicht weiß, wo man dran ist. Aber ob die Geradlinigkeit darin bestehen muss, dass man Türen für Homosexuelle zuschlägt – da habe ich Zweifel. Wenn ich sehe, wie ein schwules Paar sich guttut und glücklich ist, denke ich: Gott segnet dieses Paar. Aus meiner Sicht müssen wir begreifen, dass Menschen auch als schwul, lesbisch oder divers von Gott geschaffen sind, denn von wem sonst? Die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen steht im Einklang mit der Bibel und der Ebenbildlichkeit Gottes. Murdoch: Das ist der Unterschied zwischen einer liberalen Theologie und dem Anspruch Jesu, die Welt zu verändern, statt uns von der Welt verändern zu lassen. Wir machen nicht unseren Glauben, sondern er ist uns gegeben, und mit ihm Gottes Schöpfungsordnung. Gott hat den Menschen als Frau und Mann geschaffen und als zwei Geschlechter in Beziehung zueinander gesetzt. Der Theologe Eberhard Jüngel hat das so ausgedrückt: „In der Liebe finde ich mich beim anderen.“ Hat die Kirche nicht wichtigere Aufgaben, als sich in der Falle der Sexualmoral zu verheddern?Schweizer: Stimmt, es gibt wichtigeres. Aber ein Wichtiges steckt in der Debatte um die Segnung von Schwulen und Lesben mit drin: Als Kirche ist es unser Job, die Botschaft der Bibel in unsere Zeit hinein zu übersetzen und sie ins Gespräch zu bringen. Murdoch: Es gibt viel wichtigere Themen als Homosexualität. Gerade deshalb bedauere ich den Beschluss der Synode, weil er uns noch lange beschäftigen wird.

Das Gespräch führte Martin Mezger.

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