Im Alter von fünf Jahren erleidet Adrian einen schweren epileptischen Anfall. Der Beginn einer Odyssee durch Kliniken. Die Mutter des Jungen fühlt sich schließlich in der Schulmedizin nicht mehr aufgehoben – und sucht Alternativen
Es ist halb drei in der Nacht, als Olga Moor wach wird. Aus dem Zimmer ihres kleinen Sohns hört sie seltsame Geräusche. Am Kinderbett ist sie entsetzt: „Mein Junge hatte Panik im Blick. Adrian konnte nicht schlucken, nicht sprechen, nicht mal ‚Mama‘ sagen“, beschreibt sie die Situation. Was tun? Ihre Gedanken rasen. Nach dem ersten Schreckmoment ist für die Medizinische Fachangestellte klar: Der Junge muss sofort in die Notaufnahme.
Im Krankenhaus wird das Kind allerlei Tests unterzogen und bekommt Medikamente. „Zu viele“, ist sich seine Mutter sicher. „Deswegen hat sich Adrian die ganze Nacht erbrochen.“ Plötzlich beginnt das Kind zu zucken und zu krampfen. Die Ärzte vermuten einen epileptischen Anfall, der auch nach 30 Stunden nicht aufhört. Schließlich wird der Junge ins Universitätsklinikum Tübingen verlegt, wo sich sein Zustand aber weiter verschlechtert. Die Ärzte versetzten ihn in ein künstliches Koma, da die Krämpfe auch für das Gehirn gefährlich wurden, erzählt Olga Moor. Die 38-Jährige sitzt in einem Praxiszimmer des Börner Lebenswerks, Adrian spielt auf dem Boden. In dem Tübinger Zentrum für integrative Medizin ist er nun seit gut eineinhalb Jahren in Behandlung.
„Adrian war wie Wackelpudding“
Der Junge ist zart für sein Alter, etwas schüchtern, aber munter und neugierig. Eigentlich wie ein gesunder Siebenjähriger. Er schubst seinen großen Spielzeug-Müllwagen von einer in die andere Ecke des Raums. Seine Mutter schaut ihm mit liebevollem Blick zu. Es gab Zeiten, da glaubte sie kaum noch daran, dass ihr Sohn jemals wieder fröhlich spielen würde.
„Adrian war wie Wackelpudding, als er zum ersten Mal zu uns kam“, sagt Benjamin Börner, Geschäftsführer und Gründer der Tübinger Praxis. Der Junge habe keine Koordination mehr gehabt, nicht mehr gehen und sitzen können. Auch das Sprechen sei ihm schwer gefallen. „Er hat fast ohne Unterlass gezuckt, wurde von Krämpfen geschüttelt“, sagt der Heilpraktiker und Osteopath. Der 41-jährige Börner ist selbst Vater von drei Kindern: „Da nimmt einen so ein Zustand, bei dem es Spitz auf Knopf steht, erst recht mit.“
Doch was war mit Adrian eigentlich los? Erklären kann das den Eltern während der langen Odyssee zunächst keiner so wirklich. Immerhin haben die Ärzte eine Diagnose: Mitochondriopathie, bedingt durch einen sehr seltenen Gendefekt.
„Mitochondriopathien sind Stoffwechselerkrankungen. Vereinfacht gesagt, wird der Energiebedarf der Zellen nicht gedeckt“, erklärt Jutta Gärtner, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. Da Mitochondrien für die Energieerzeugung in den Zellen verantwortlich sind, kann man sie auch als kleine Kraftwerke bezeichnen. Kommen sie ihrer Arbeit nicht nach, habe das Konsequenzen, so die Expertin: Störungen des Gehirns, der Leber, der Muskeln und weiterer Organsysteme. Die Folge können unter anderem Muskelschwäche und chronische Erschöpfung sein. Oder epileptische Anfälle, wie bei Adrian.
Damals folgen weitere Klinikaufenthalte, für Olga Moor und ihren Mann Vitali Monate voller Angst. In einer Reha-Klink stabilisiert sich der Junge. Endlich wieder Hoffnung. Endlich geht es wieder nach Hause. Doch die Sorgen sind schnell zurück: „Plötzlich verschlechterte sich seine Gesundheit wieder dramatisch“, sagt Olga Moor.
War eine Impfung die Ursache?
Nach zwei erneuten Notfallaufnahmen samt Hubschraubereinsatz, vielen Untersuchungen und Behandlungen, hätten die Ärzte weiter nach ihrer Diagnose therapiert, erzählt Olga Moor. Doch Adrian sei bettlägerig und apathisch geblieben: „Unser bis dahin gesundes Kind war plötzlich ein Pflegefall. Wir fragten uns, ob er je eigenständig leben kann, ob wir ihn sogar verlieren.“ Ein Arzt habe ihnen das dann „direkt ins Gesicht geknallt“, sagt sie: „Er meinte, es gebe keine Heilung, lediglich Linderung. Und Adrian werde früh sterben.“ Da sei alles in ihr zusammengebrochen.
Olga Moor, die die Kommunikation mit den Medizinern damals nur noch als ein Vertrösten empfindet, fühlt sich in der Schulmedizin nicht mehr aufgehoben: „Die Ärzte haben mir nicht zugehört“, kritisiert sie. Sie will die Diagnose so nicht stehen lassen – und ist stattdessen überzeugt, dass eine Impfung Ursache des Übels ist.
Eine der behandelnden Ärztinnen am Tübinger Uniklinikum erinnert sich gut an Adrian. Der Junge sei mit einem nicht unterbrechbaren epileptischen Anfall auf die Intensivstation eingeliefert worden, sagt sie. Nach ausgedehnten Untersuchungen habe man schließlich den Grund gefunden. Da es für Mitochondriopathie bisher keine heilende Therapie gibt, empfahlen die Mediziner eine Behandlung mit Vitaminen und mit Enzymen zur Linderung der Symptome sowie zur Stabilisierung.
Nach vielen Gesprächen habe man festgestellt, dass ein unterschiedliches Verständnis der Erkrankung vorlag: „Familie Moor hatte eigene Erklärungsmodelle für die Entstehung und Behandlung entwickelt. Sie entschied sich für Methoden abseits der Schulmedizin und suchte für ihr Kind woanders Hilfe“, fasst die Tübinger Ärztin zusammen. Ihre Göttinger Kollegin Jutta Gärtner fügt hinzu, dass Impfungen bei Mitochondriopathien in sehr seltenen Fällen einen Schub auslösen könnten. „Sie sind aber nicht die Ursache, stattdessen steckt ein angeborener Gendefekt dahinter.“
Olga Moor bleibt bei ihrer Version. Eigentlich sei sie keine Impfgegnerin gewesen, habe damit als Arzthelferin auch nie schlechte Erfahrungen gemacht: „Aber bei meinem Sohn ist es leider schief gegangen.“ Wenige Tage, nachdem Adrian gegen FSME geimpft worden war, sei es zu einer Autoimmunreaktion gekommen, ist sie sich sicher. „Die vielen Medikamente und Kontrastmittel in den Kliniken haben seinem kleinen Körper zudem schwer zugesetzt“, so ihre Einschätzung.
Woche um Woche zusehen, wie es dem eigenen Kind immer schlechter geht? Olga Moor nimmt ihre Kräfte zusammen. „Im Internet habe ich nach langer Recherche die Tübinger Heilpraktikerpraxis gefunden. Das sah viel versprechend aus.“ Bereits beim ersten Besuch fühlt sie sich ernst genommen, das Vertrauen vertieft sich bei jedem weiteren Mal: „Inzwischen ist das Börner Lebenswerk fast wie ein zweites Zuhause.“
„Der Biomüll muss nach und nach raus“
Adrians Körper sei „voller Giftstoffe“, diagnostiziert Benjamin Börner nach einer Reihe von Laboranalysen. Seine Praxis hat sich unter anderem auf alternative Therapieformen bei chronischen Erkrankungen spezialisiert. „Wir haben geschaut, was den Organismus, was die Mitochondrien stört – und ganz vereinfacht gesagt muss dieser Biomüll nun nach und nach raus.“ Das Vorgehen: Adrian bekommt zunächst täglich, inzwischen zweimal alle zwei Wochen Infusionen, dazu elektrische Impulse. Er liegt dabei in einem in warmen Farben gehaltenen Zimmer auf einer Liege – ruhig und geduldig. An die Schläuche und Nadeln hat er sich gewöhnt. Auf dem Tablet schaut er „Paw Patrol“, eine seiner Lieblingsserien. Das hilft gegen die Langeweile.
Begleitend wird seine Ernährung umgestellt, er bekommt Nahrungsergänzungsmittel, eine umfangreiche Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie. Bereits nach zwei Wochen habe Adrian wieder eigenständig Schritte gemacht: „Das war genial. Da wussten wir, dass wir den Kerle wieder hinkriegen“, erzählt Benjamin Börner. Er stellt klar: „Wir brauchen die klassische Schulmedizin nach wie vor.“ Seine Aufgabe sieht er darin, durch eine Fusion mit alternativen Methoden für nachhaltige Linderung von Beschwerden zu sorgen: „Wir machen keinen Hokuspokus.“
130 000 Euro für die Alternativ-Therapie
Seit Beginn von Adrians alternativer Behandlung sind gut eineinhalb Jahre vergangen. „Ein derart belasteter Körper braucht Zeit“, erklärt Börner. Wie lange, könne er jetzt noch nicht sagen: „Das wäre Spekulation.“ Rund 130 000 Euro sind für die Therapie bisher angefallen. Auch weil die „bioidentischen Rohstoffe und ihre Herstellung“ teuer seien: „In Deutschland gibt es nur zwei Apotheken, die das machen“, sagt Börner.
Die Kosten, auch für die vielen langen Aufenthalte in Tübingen, müssen Adrians Eltern, die in Oberschwaben zuhause sind, selbst tragen. Einige Krankenkassen übernehmen alternativmedizinische und homöopathische Behandlungen auf freiwilliger Basis. Ihre Kasse jedoch nicht.
Die Familie könnte versuchen, einen Impfschaden anerkennen zu lassen. Doch das ist aufwenig, langwierig und meist erfolglos. Es gab Spendenaktionen, etwa von dem Verein „Zusammen Berge versetzen“. Dabei kam einiges zusammen. „Wir mussten dennoch unser Haus beleihen“, sagt Olga Moor und fügt gleich hinzu, dass es jeden Cent wert sei: Ihrem Sohn gehe es deutlich besser. Allerdings habe Adrian durch die Klinikzeit bis heute Angstzustände. Auch seine große Schwester habe gelitten. „Das war ein Lebensabschnitt, den wir als Familie irgendwann in einer Therapie aufarbeiten müssen.“ Doch ohne die alternative Behandlung wäre Adrian heute behindert, davon sind seine Eltern und auch Benjamin Börner überzeugt.
Stattdessen spielt der Junge jetzt wieder Fußball und geht in die Schule. Der Gendefekt allerdings bleibt. „Hier ist Adrians späterer Lebenswandel entscheidend“, mahnt Börner. „Der Junge muss dauerhaft gesund leben.“