Der Schulanfang ist für Kinder schon immer etwas ganz Besonderes gewesen. Zeitzeugen aus Renningen erinnern sich an die Jahre vor und nach dem Krieg.
Landauf, landab freuen sich angehende Erstklässler auf den baldigen Schulanfang. Am Freitag, 15. September, ist es so weit. Da wird groß gefeiert mit Mama, Papa, Oma, Onkel, Bruder, Schwester, es gibt eine üppig gefüllte Schultüte, oft einen Gottesdienst und eine Schulaufführung, alles ist neu und aufregend. Aber war das schon immer so? Wie haben Menschen vor 70 oder gar 80 Jahren den Schulanfang erlebt? Eberhard Scheck, Gertrud Winkler und Gretel Güthler vom Heimatverein Rankbachtal in Renningen werfen gemeinsam einen Blick zurück.
Schulen im Wandel der Zeit
Vor 84 Jahren, im Frühjahr 1939, wird die heute 90-jährige Gertrud Winkler in ihrem Heimatort Malmsheim eingeschult – und mit ihr etwa 20 weitere Mädchen und Jungen. Es ist wenige Monate vor Kriegsbeginn. Die erste Zeit verbringt sie im Gemeindehaus, später wechselt ihre Klasse in das damalige Schulhaus an der Kirchstraße. „Unten waren die Klassenräume, oben haben die Lehrer gewohnt“, erinnert sie sich.
Ein Stockwerk reichte also für die gesamte Grundschule aus. Und wie sieht das heute aus? Allein in Malmsheim werden am 15. September 101 Mädchen und Jungen eingeschult, verteilt auf vier Klassen, berichtet Verena Weidmann-Reisser. Sie ist die Leiterin der Friedrich-Silcher-Grundschule in Malmsheim und zugleich die Vorsitzende des Heimatvereins. 1955 wurde die Silcher-Schule gebaut. Wegen des weiter steigenden Platzbedarfs wird sie nun sogar erweitert.
Die 82-jährige Gretel Güthler startete 1947 im Schulhaus Renningen, das heute Teil des Renninger Rathauses ist. Und Eberhard Scheck (76) begann 1954 in der Bismarckschule in Feuerbach. Es ist die einzige der drei Schulen, in der heute noch unterrichtet wird.
Schon immer etwas Besonderes
Mit teuren neuen Kleidern, einer riesigen Schultüte in der Hand und einer großen Entourage aus Verwandten beginnt am Freitag für viele Sechs- und Siebenjährige der erste Schultag. Oft geht es los mit einem gemeinsamen Gottesdienst. Für die Schüler der Friedrich-Silcher-Schule findet der in der katholischen Martinuskirche statt, erzählt Verena Weidmann-Reisser.
Genauso feierlich geht es weiter: Die Viertklässler führen in der Schulturnhalle ein Theaterstück auf. „Alle Erstklässler erhalten sechs Eintrittskarten für Begleitpersonen zum Theaterstück.“ Während die Kleinen danach ihre erste Unterrichtsstunde erleben, werden die Eltern und Gäste von den Eltern der Zweitklässler bewirtet. „Und hinterher gehen viele Familien noch zum Essen ins Restaurant.“ Schließlich ist das für die Kinder ein ganz außergewöhnlicher Tag.
„Ich konnte es nicht erwarten, in die Schule zu gehen“
Daran zumindest hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht viel geändert. „Da war man natürlich stolz, ich weiß noch, dass ich es gar nicht mehr erwarten konnte, in die Schule zu gehen“, erinnert sich Gertrud Winkler. „Ich auch“, bestätigt Gretel Güthler. „Denn das hieß, man war schon groß, und alles war so interessant.“ Der große Tag lief dann aber deutlich bescheidener ab, als man es von heute kennt. „Ein wachsweiches Ei“ ist das Erste, was Gertrud Winkler in den Sinn kommt und sie schmunzeln lässt. Zur Feier des Tages gab es vor ihrer Einschulung zum Frühstück ein gekochtes Ei. Für das fast sechsjährige Mädchen war das etwas ganz Besonderes.
An große Feiern, Schulaufführungen und selbst an die berühmte Schultüte, die heute wie selbstverständlich dazugehört, war noch nicht zu denken. „Ich kam zwei Jahre nach Kriegsende in die Schule, da gab es so etwas noch nicht“, erklärt Gretel Güthler. Selbst bei Eberhard Scheck, der 1954 eingeschult wurde, verlief dieser erste Tag noch „vergleichsweise unspektakulär“, wie er es formuliert. „Es gab keinen Gottesdienst und auch keine Familienfeier, und an Oma und Opa wurde auch nicht gedacht.“ Immerhin: Eine Schultüte mit einigen Süßigkeiten war in den Fünfzigern schon üblich. Von der Stadt Stuttgart bekamen er und seine Mitschüler außerdem eine Lesefibel geschenkt – anfangs sein einziges Schulbuch – und noch eine kleine Blechschachtel mit sechs Buntstiften. „Die werden noch heute von meinen Enkeln verwendet“, erzählt er lachend.
Die schönsten Erinnerungen hat Gertrud Winkler an ihren allerersten Klassenlehrer. „Wir hatten einen jungen, ganz tollen Lehrer, den Herrn Hinze“, erzählt sie und lächelt. „Er sagte: So, jetzt marschieren wir erst mal zur Merklinger Straße raus, damit ihr wach werdet.“ Danach gab es an jedem Morgen Frühgymnastik. „Leider hatten wir ihn nur ein paar Monate“, bedauert sie. „Als der Krieg begann, wurde er eingezogen. Wir haben nie erfahren, was aus ihm geworden ist.“
Keine Hefte, keine Stifte
Wer weiß noch, was eine Schiefertafel und ein Griffel sind? Eberhard Scheck, Gretel Güthler und Gertrud Winkler haben damit einst schreiben gelernt – Gertrud Winkler sogar noch in Sütterlinschrift. „Die Schiefertafeln gab es damals ganz normal im Laden zu kaufen“, erzählt Gretel Güthler. „Und an der Tafel war noch ein Schnürle, an dem ein Schwamm befestigt war, dass man die Tafel hinterher sauber machen konnte.“
So manche Kinder und Eltern von heute könnten da direkt ins Schwärmen geraten: Noch in den Sommerferien bekommen die Eltern eine lange Materialliste, was sie alles besorgen müssen. Das geht nicht nur ans Geld, sondern ist oft auch schwer. „In unseren Taschen war wirklich kaum was drin, die waren richtig schön leicht“, sagt Gretel Güthler lachend.
Vom ersten Tag an allein unterwegs
Zur Einschulung werden Gretel Güthler und Gertrud Winkler von ihren Müttern begleitet, Eberhard Scheck hat seinen Papa mit dabei. „Er hatte sich aus diesem Anlass, für ihn ungewöhnlich, sogar Anzug und Krawatte angezogen“, erzählt er. Doch schon am nächsten Tag, dem ersten Unterrichtstag, sind die Kleinen auf sich gestellt. Statt mit dem „Elterntaxi“ geht es alleine oder mit Freunden zu Fuß zur Schule.
Für manche sind das nur ein paar Hundert Meter. „Bei uns gab es aber auch ein Mädchen, das kam vom Bahnwärterhäusle Richtung Weil der Stadt, das waren bestimmt drei Kilometer“, erzählt Gertrud Winkler. „Das war schon ein einsamer und gefährlicher Weg“, bestätigt Gretel Güthler. Gleiches gilt für den Ihinger Hof, wo zum Teil auch Kinder wohnten.
„Dafür hatten wir aber auch kaum Verkehr“, sagt Gertrud Winkler und fasst den Wunschtraum von so manchem lärmgeplagten Renninger zusammen: „Der Metzger hatte ein Auto und der Arzt – das war’s.“