Endzwanziger wollen Sneakers kaufen, Nächte durchfeiern und am Strand auf Ibiza heiraten. Florian Maucher will für immer arm und einsam und Mönch sein.
Der Mann führt ein Leben wie im Film. Beten, essen, schlafen, von vorne. „Mit geringen Ausnahmen laufen 365 Tage im Jahr gleich ab“, sagt Florian Maucher. So ist es auch Hauptfigur Phil Connors in der Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ergangen, er geriet in eine Zeitschleife und erlebte wieder und wieder ein und denselben Tag. Florian Maucher ist nicht Phil Connors und sein Alltag keine Popkultur. Maucher ist Mönch, der jüngste weit und breit. Mit 29 hat er sich für permanente Gleichförmigkeit entschieden.
Die Benediktinerabtei Neresheim steht auf einer Anhöhe über dem 6000-Einwohner-Ort. Drum herum gibt es viele Äcker mit vielen Steinen und viele Wanderwege mit wenigen Menschen drauf. Härtsfeld heißt dieser östliche Zipfel der Schwäbischen Alb. „Cholera, Malaria, vom Härtsfeld ra“ identifiziert der Volksmund die schlimmsten Krankheiten, die einen Menschen heimsuchen können. Maucher, roter Bart, schwarzer Habit, wird hier nicht mehr wegziehen. Benediktinermönche geloben Ortsbeständigkeit, Klosterwechsel sind nicht vorgesehen. Wo man eintritt, stirbt man.
Im März hat Maucher seine sogenannte Ewige Profess gefeiert. Mit der Zeremonie hat er sich für immer an die Klostergemeinschaft gebunden. Sein Gelübde auf Lebenszeit war eine kleine Sensation: Vor ihm hatte das in Neresheim 28 Jahre keiner mehr abgelegt. Die lokalen Medien berichteten rauf und runter über den jungen Typen, der ins alte Kloster zog.
Kurvenreicher Weg zum Mönch
Florian Maucher ist in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren und in Ehningen aufgewachsen. Die Mutter Protestantin, der Vater Katholik aus dem Allgäu, mit ihm ging er sonntags in die Kirche. Florian Maucher begann zu ministrieren und Zeltlager für die katholische Jugend zu organisieren. Nach dem Realschulabschluss machte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann, fünf Jahre arbeitete er in dem Beruf. Als Traumjob erwies er sich nicht. Im Spätberufenenseminar im bayerischen Waldram versuchte Maucher, das Abitur nachzuholen. Das Seminar war damals eine katholische Einrichtung des zweiten Bildungswegs samt Wohnheim für Männer, die etwa Theologie studieren oder Priester werden wollten. Der Abiplan scheiterte an Mauchers, wie er sagt, „gottgegebener Faulheit“. Ohne Abschluss gab er auf.
Das Latein, das Altgriechisch, die Vokabeln, das Lernen, es war nichts für ihn. Aber die tägliche heilige Messe im Seminar und die Stundengebete morgens und abends mochte er. „Ich wollte das gerne weiter in meinem Leben integriert haben“, sagt Maucher. Er verbrachte einen dreiwöchigen Gastaufenthalt im Kloster Neresheim, werkelte im Klostergarten, aß mit den Mönchen. Danach fragte er sie, ob er eintreten könne.
Die Abtei Neresheim gibt es seit 1095. Ihre Kirche ist das touristische Einhorn auf dem kärglichen Härtsfeld. Deckengemälde, goldene Putten, Orgelpfeifen, barocker Pomp, lichtdurchflutet. Für Maucher ist es „ein Geschenk, hier sein zu dürfen“. Im Chorgestühl sitzt er öfter als andere im Homeoffice, durchs Kirchenschiff schlurft er in Korksandalen. Neulich ist ihm vor einer Rückkehr ins Kloster zum ersten Mal herausgerutscht, er gehe „nach Hause“.
Dieses Zuhause ist vor allem: leer. Außer Maucher leben fünf Mönche im Kloster Neresheim, der älteste ist 92, alle siezen sich. In so kleiner Runde lässt sich einander auch in endlosen Gängen und hallenartigen Räumen schwerlich ausweichen, wenn es zwischenmenschlich einmal knirscht.
Die Deutsche Ordensobernkonferenz zählte zuletzt noch 3377 Ordensmänner bundesweit, die Zahl sinkt, der Großteil ist im Seniorenalter. Natürlich gebe es Generationenkonflikte, sagt Maucher. „Es ist wie ein Leben mit lauter Schwiegervätern, die haben Sie sich alle nicht ausgesucht.“
Maucher hatte Zeit, sich daran zu gewöhnen. Viereinhalb Jahre dauert es vom Klostereintritt bis zur Ewigen Profess. Die Probezeit bedeutet auch Abschied: Aus Florian Maucher wurde Bruder Matthias. Drei potenzielle Ordensnamen durfte er sich aussuchen, auf einen Heiligen mussten sich alle beziehen. Die Entscheidung lag beim Kloster-Oberen. Maucher wollte Matthias, er bekam Matthias. Der gilt als dreizehnter Apostel der Bibel: Nach dem Ausscheiden des verräterischen Judas rückte er per Losverfahren in Jesu Jüngerkreis nach. Auch Bruder Matthias musste pauken. Wieder Unterricht, wieder Lateinstunden, dazu Kirchen- und Klostergeschichte. Er ackerte sich durch die Texte des Alten und Neuen Testaments, bekam Gesangsstunden und schaffte sich die Bedeutung der Psalmen drauf, um zu wissen, wovon er den Rest seines Lebens singen würde. Es gab Momente in diesen viereinhalb Jahren, da saß er auf gepackten Koffern. Aber dieses Mal zog er durch.
Der Tag ist streng getaktet
In seinem ersten Leben hat Maucher American Football gespielt, ein Sport, bei dem sich Spieler mit Schrankwandstaturen gegenseitig in den Boden rammen. Er musste aufhören, die ständigen blauen Flecken machten vor seinen Bankklienten nicht den seriösesten Eindruck. Inzwischen ist es schwierig geworden mit neuen Hobbys.
Der Tagesablauf eines Benediktinermönchs ist getaktet, Gottesdienst und fünf Horen – also Stundengebete zu den jeweiligen Tageszeiten – in der Gemeinschaft haben höchste Priorität, alles andere ist danach ausgerichtet. Um 4.30 Uhr springt die Gangklingel an, ein ekelhaftes Summen sei das, sagt Maucher. 5 Uhr Morgengebet, 9 Uhr Eucharistiefeier und Gebet, 12.05 Uhr Mittagsgebet, 18 Uhr Abendgebet, 19.30 Uhr Nachtgebet, jede Woche die gleichen Psalmen. Remote Work existiert nicht für Klosterbrüder, Vereinssitzungen oder Trainingstermine lassen sich kaum integrieren. Maucher braucht kein Mitleid. „Auf Menschen von außen wirkt das oft so: Oh, der arme Mann kann nicht einfach ins Freibad gehen. Aber das wollen Sie ja so.“ Alleine ausgesucht hat er sich die Klostersache indes nicht. Es sei auch Gottes Entscheidung gewesen, sagt er.
Um 20 Uhr beginnt das nächtliche Stillschweigen, dann ist jeder Mönch für sich. Das war anfangs hart. „Die Menschen sind nicht mehr gewohnt, ohne Ablenkung allein zu sein“, sagt Maucher. Im Sommer bleibt es lange hell, zu hell, um zu schlafen, andererseits geht um 4.30 Uhr wieder das ekelhafte Summen los. Einen Fernseher hat er nicht in seiner Zelle, man hat keinen Fernseher als Mönch. Einen Laptop schon, aber sich Youtube-Videos reinzuziehen sei nicht die Idee. Die Abende sollen eher für weitere private Gebete und Meditationen genutzt werden.
Das mit der Armut war auch so ein Kulturschock. Benediktinermönche haben keinen persönlichen Besitz, mit der Ewigen Profess spenden sie ihre Vermögenswerte, vermachen sie der Familie oder werden sie sonst wie los. Maucher ist kein geborener Minimalist. Wenn er früher Bock darauf hatte, gönnte er sich ein Radler, eine Schachtel Menthol-Kippen oder eine 200-Euro-Uhr. Heute hat er kein Geld mehr. Wenn er neue Schuhe oder Socken möchte, muss er den Verwalter darum bitten, sein Laptop und Handy sind Eigentum der Abtei Neresheim. Sich Spaßshopping schönreden? Ausgeschlossen. „Vor jeder Anschaffung muss ich überlegen: Brauche ich das, oder will ich es nur?“
Mit 520 Mitgliedern sind die Benediktiner die größte Ordensgemeinschaft in der katholischen Kirche. Aber, die Kirche – Maucher beschreibt sein Verhältnis zu ihr mit einem Beziehungsstatus aus den sozialen Medien: „Es ist kompliziert.“ Die Institution kreise um sich selbst wie keine andere, füttere Menschen mit Hoffnung auf Veränderung, ohne dass sich etwas bewege. Den Zölibat für Ordensmänner findet er „zielführend“: Benediktiner beriefen sich auf die frühchristlichen Wüstenväter, die freiwillig asketisch und zurückgezogen in der ägyptischen Einöde lebten. Das Mönchsleben fußt auf Einsamkeit, das schließe jede eheähnliche Verbindung aus. „Aber der Zölibat des Weltpriesters ist für mich schwer nachzuvollziehen“, sagt er. Maucher zitiert die Autorin Sophie Passmann und lästert über den Konservatismus sogenannter alter weißer Männer, er weiß, was an Wandtattoos unlässig ist und kann Ironie. Wie einer dieser jungen Geistlichen, die sich verzweifelt um weltzugewandte Coolness mühen, redet er nicht. Maucher klingt eher wie der Moderator eines Satiremagazins auf ZDF Neo.
Bete und arbeite und lies
Karriere wird er nicht machen. Zwar ist Arbeit immens wichtig für ihn und seine Mitbrüder, der heilige Benedikt von Nursia wurde 480 im heutigen Italien geboren, das Sprichwort „Ora et labora et lege“ („Bete und arbeite und lies“) geht auf seine Lebensweise zurück. Eine instagramtaugliche Selbstverwirklichungsbeschäftigung fällt nicht unter diese Regel. Benediktinermönche sollen Dinge mit ihren Händen schaffen. Das soll verhindern, dass sie herumfläzen und sich von Mitchristen aushalten lassen.
Maucher leitet die Klosterbuchhandlung. Die hat ein Vollsortiment und nicht nur Bibel und Gotteslob in den Regalen. Auch die Mönche selbst lesen häufig anderes. Politisches, Tageszeitungen sowieso. „Es ist wichtig, dass man den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs kennt“, sagt Maucher. Er mag asiatische Literatur. Wer Gott suche, müsse wach und offen bleiben. Viel aufsaugen. Sich weiterbilden. Nur nicht der entrückte alte Mann vom Berg werden.
Maucher hat niemanden überrascht. Familie, Freunde, kaum einem entfuhr ein geschocktes „Was, du?“, als er von seinem Eintritt in den Orden erzählte. Nur manche Buchhandlungskunden rufen „Sie sind ja noch so jung!“ und schauen ihn mit glänzenden Augen an, weil sie in ihm die Hoffnung des mitteleuropäischen Mönchstums sehen. Phil aus dem Murmeltier-Film entkommt der Zeitschleife, als er sich vom Egomanen zum netten Menschen wandelt. Bei Maucher ist kein Ausbruch vorgesehen. „Die Suche nach Gott werden Sie nicht beenden.“