Quelle: Unbekannt

Hanneke Paauwe zeigt die ökologischen Kosten des Wohlstands, kritisiert den Kapitalismus, setzt gezielt und plakativ auf den Gut-Böse-Kontrast.

StuttgartNie mehr Fleisch essen? Auf Plastik verzichten? Das wollen die Kinder dann doch nicht – und so bejubeln sie emsig den König Murat, der ihnen in der TV-Show „Reich, reicher, am reichsten“ vollmundig Wohlstand verspricht. Doch Hanneke Paauwe hat die Zuschauer im Jungen Ensemble Stuttgart (JES) aufs Glatteis geführt. Denn in ihrem neuen Theaterstück „Als der Baum mit den roten Haaren weinte“ mag der König zwar Wohlstand propagieren. Dass in seinem Land aber auch Armut existiert, mag er nicht sehen. Da haben sich die Zuschauer wohl etwas zu leichtfertig zum falschen Kandidaten hinreißen lassen, bevor sie darüber nachgedacht haben, welcher Preis für Wohlstand bezahlt sein will. Schimpfend humpelt eine Frau in Lumpen über die Bühne – die personifizierte Armut.

Es ist eine sehr deutliche Lehre, die ­Paauwe ihrem Publikum erteilt. Im JES hat die niederländische Theatermacherin die Uraufführung selbst inszeniert. Es ist ein eigenwilliges Theaterstück, das zwar für ein Publikum ab acht Jahren gedacht ist, aber wenig mit klassischem Kindertheater zu tun hat. Die Hauptfiguren sind Archibald Angst und Gerhard Gier, die die Weltherrschaft übernehmen wollen. Sie ziehen den König auf ihre Seite. Um sich beliebt zu machen, sperrt dieser die Armen und Obdachlosen fort in Miniwohnungen unter der Erde. Fenster gibt es nicht, dafür hat man schließlich Fernseher. In einem geheimnisvollen Wald spielt das Märchen, in dem es plakativ um Gut und Böse geht. Michaela Broschs herrlich schrille Kostüme aus alten Pullis und Daunenjacken lassen die Figuren wie Fabelwesen wirken. Dabei ist das Stück aber auch sehr heutig und formuliert klar Kritik am aktuellen Kapitalismus. Auch wenn Paauwe witzige Momente bietet, skizziert sie ein düsteres Szenario. Eine Seherin (Sabine Zeininger) verbreitet Pessimismus. Selbst die Benefizaktion, zu der der König sich schließlich durchringt, ist zynisch: Zwei obdachlose Kinder sollen gönnerhaft in den Genuss kommen von Wohltätigkeiten „auf unserer Seite des Zauns“.

Das ist durchaus starker Tobak, zumal die Texte mitunter anspruchsvoll sind und nicht alles ganz verständlich ist. Aber ­Paauwe findet Bilder, die so prägnant sind, dass die Kinder die Botschaft sehr wohl hören. „Wenn die Liebe nicht für sich selbst sorgen kann, müssen es andere tun“, heißt es einmal – und es ist die Königstochter (Milan Gather), der es gelingt, dass die Liebe letztlich in die Welt zurückkehrt und Angst (Anna-Lena Hitzfeld) samt Gier (Gerd Ritter) Paroli bietet. So wird in diesem düsteren Märchen von heute die Welt doch noch gut – und die kleinen Besucher stimmen jetzt willig ein und rufen „teilen, teilen, teilen“.

Weitere Vorstellungen am 12. November sowie vom 11. bis zum 13. Dezember.

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