Horst Teltschik im Gespräch mit Alexander Maier Foto: Markus Brändli - Markus Brändli

Mit Sorge betrachtet der ehemalige Kanzleramtschef Horst Teltschik die außenpolitische Lage. Der ehemalige Chef der Münchner Sicherheitskonferenz bemängelte beim Talk im Econvent mit Alexander Maier fehlende Strategien in der Politik.

EsslingenSorgenvoll blickt Horst Teltschik auf die weltpolitische Lage. Dass der US-amerikanische Präsident „jeden Morgen über seine Blähungen twittert“, das macht den ehemaligen Berater Helmut Kohls und langjährigen Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz fassungslos. Doch der weit gereiste Politiker und Manager weiß, dass der in Europa höchst umstrittene Präsident in den USA eine solide Basis von Anhängern hat. „Die Wirtschaft steht hinter ihm“, denn die Unternehmen profitierten von Steuersenkungen, sagte der 79-Jährige beim Talk im Econvent im Gespräch mit EZ-Redakteur Alexander Maier.

In dem zweistündigen Gespräch blickte Teltschik, der als einer der Architekten der deutschen Einheit gilt, nicht nur auf seine politischen Errungenschaften zurück. Die weltpolitische Lage betrachtet der ehemalige Stratege Helmut Kohls mit großer Besorgnis. „Europa zerbröselt“, brachte Teltschik die Situation klar und griffig auf den Punkt. Das zeige nicht nur der Brexit. Aber der Honorarprofessor, der an der Technischen Universität München Wirtschaftswissenschaften lehrt, sieht da keinen Ausweg: „Es fehlen Strategien.“ Dennoch hofft er auf die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die schon in ihren anderen Ämtern Durchsetzungsstärke bewiesen habe. Dass sie keine Erfahrung in der Europapolitik habe, sieht Teltschik nicht als Nachteil. Ein „frischer Blick von außen“ tue manchmal ganz gut.

Vertrauen schaffen

In seinen Jahren im Bundeskanzleramt war Teltschik Leiter der Abteilung für „Auswärtige und Innerdeutsche Beziehungen, Entwicklungspolitik und Äußere Sicherheit“. Da begegnete er Staatschefs und Außenministern aus aller Welt, setzte sein Verhandlungsgeschick im persönlichen Gespräch ein. Was es denn bedeute, mit den Großen der Weltpolitik zu verhandeln, wollte Alexander Maier von dem ehemaligen Kohl-Berater wissen? „Wichtig ist vor allem, dass man Vertrauen schafft“, ist Teltschik überzeugt. Allen Verhandlungspartnern auf Augenhöhe zu begegnen, sieht er als wichtige Basis einer funktionierenden Außenpolitik an. Doch daran kranke etwa die derzeitige Außenpolitik der USA. Seit der damalige Präsident George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA den „weltweiten Krieg gegen den Terrorismus“ ausgerufen habe, betrachteten die Politiker die Russen nur noch als Regionalmacht. Auch Präsident Barack Obama habe sich kaum um die Russen gekümmert. „Im Prinzip haben sie ja recht, aber das sollte man nicht so offen zeigen.“ Gerade die lange gewachsene Macht der Russen in arabischen Ländern wie Afghanistan hätte den NATO-Staaten sehr nützlich sein können, ist der außenpolitische Berater überzeugt.

Interkulturelle Kommunikation

Dass Teltschiks großes Talent die Kommunikation ist, war im Gespräch deutlich zu spüren. Mit seinen klaren, ehrlichen Antworten nahm er die Zuhörer auf eine Reise durch die Zeitgeschichte mit. Als Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz hat Teltschik immer wieder Politiker aus unterschiedlichen Kulturen zusammengebracht. „Wir hatten erreicht, dass die Großmächte abrüsten“, blickt er auf die Ära des Alt-Bundeskanzlers Kohl zurück. Dagegen befänden sich die Staaten jetzt wieder in einer Phase der massiven Aufrüstung.

Innenpolitisch sieht Teltschik viele Problemfelder. Der ehemalige Kanzleramtschef, der später als Geschäftsführer der Bertelsmann-Stftung und als Präsident von Boeing Deutschland in der freien Wirtschaft tätig war, blickt mit Sorge auf die massiven Verluste der SPD. „Wir brauchen die Sozialdemokraten, damit das Volksparteiensystem weiter funktioniert.“ Dass die Rechtspopulisten der AfD weiter erstarkten, liegt nach Teltschiks Worten auch an der Entwicklung innerhalb der CDU. „Die Flügel von einst, in denen sich die Wählerinnen und Wähler sammeln konnten, gibt es nicht mehr.“

Wie heftig innerhalb der Christdemokraten gestritten wurde, hat Wahl-Bayer Teltschik, der in Rottach-Egern lebt, in Streitgesprächen mit dem damaligen CSU-Chef Franz-Josef Strauß erlebt: „Er hat über meinen Chef Helmut Kohl hergezogen, da wusste ich gar nicht, wie ich mich verhalten sollte.“ Für Teltschik war Kohl ein kenntnisreicher Historiker, der die politische Lage auf dem Hintergrund der Geschichte einzuschätzen wusste. Zu oft fehle ihm dieser Horizont heute.

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