Soll ich, soll ich nicht? Klaus Olbrich (Mitte vorne) hat sich 1968 als junger Erstklässler wohlüberlegt, ob er sich melden soll. Foto: privat

Die Schule im Waldenbucher Ortsteil Glashütte ist schon lange Geschichte, die Geschichten an die Schulzeit darin sind aber noch lebendig. Ein Treffen vor Ort mit ehemaligen Schülern.

Ausschlafen, sich gleich nach dem Frühstück zum Spielen verabreden, in den Tag hineinleben – jetzt ist das süße Lotterleben der Sommerferien vorbei. Auf geht’s ins neue Schuljahr und zurück in den Schulalltag, der bei den Schülerinnen und Schülern von heute ebenso wie früher viele Erinnerungen schreibt.

Klaus Olbrich ist in dem Waldenbucher Stadtteil Glashütte aufgewachsen und hat vergangenes Jahr einen Bericht unserer Zeitung über das 125-Jahr-Jubiläum des alten Schulhauses in Glashütte gelesen. Er meldete sich in unserer Redaktion, weil er sich auf einem abgedruckten schwarz-weiß Foto aus dem Jahr 1968 wiedererkannte. Zu sehen sind darauf Grundschulkinder, die brav in ihren Schulbänken sitzen, fast alle strecken eifrig ihre Hände nach oben, um sich zu melden. In der vordersten Bank sitzt ein Junge und hält sich die Finger an den Mund, als würde er noch zögern, ob er die richtige Antwort parat hat. „In Mitarbeit hatte ich immer ein ,befriedigend‘, das war nicht so berauschend“, sagt der 62-Jährige und kann aus der Distanz eines halben Jahrzehnts herzlich darüber lachen.

Um in alten Schulgeschichten zu schwelgen, haben wir Klaus Olbrich zusammen mit zwei weiteren ehemaligen Schülern in die alte Dorfschule nach Glashütte eingeladen. Walter Keck, bekannt als langjähriges Mitglied des Waldenbucher Gemeinderats, ist 1954 in Glashütte eingeschult worden und hat dort acht Jahre lang die Schulbank gedrückt; Beate Robotka kam 1965 dort in die Schule und engagiert sich seit einigen Jahren im Förderverein Schulhaus Glashütte.

Walter Keck, Beate Robotka und Klaus Olbrich (von links) erinnern sich zusammen an alte Zeiten. Foto: Eibner/Roger Buerke

Zusammen gehen die drei Altschüler in den Raum im Erdgeschoss, der früher das Klassenzimmer war und heute für Veranstaltungen oder Proben des Liederkranzes genutzt wird. „Der Boden ist noch der gleiche“, sagt Robotka und zeigt auf die alten Dielen. Dort, wo früher die Tafel stand, ist heute ein moderner Flachbildfernseher angebracht. Olbrich klopft auf die Säule, die mitten im Raum steht, und sagt: „Die war manchmal geschickt, weil man sich gut verstecken konnte, wenn man was nicht wusste.“

Etwa 40 Schülerinnen und Schüler aus acht verschiedenen Klassenstufen wurden in diesem Klassenzimmer unterrichtet – gleichzeitig und von einem Lehrer. Ab Mitte der 1960er Jahre wurden die Kinder ab der fünften Klasse zur Oskar-Schenk-Schule nach Waldenbuch geschickt, die Grundschüler blieben noch bis 1971 in der Glashütter Schule. Der jahrgangsübergreifende Unterricht war in der Umgebung nicht hoch angesehen. „Es hieß, das kann nicht gut sein. Aber als wir nach der vierten Klasse an die Oskar-Schwenk-Schule gewechselt sind, waren wir so gut wie die Waldenbucher“, sagt Robotka.

1898 feierten die Glashütter Dorfbewohner die Einweihung ihrer Schule, die sie mit eigenen Händen errichtet hatten. Foto: sts/Stefanie Schlecht

Ging es chaotisch zu? Alle drei schütteln den Kopf. Robotka weiß noch, dass die älteren Schüler zum Rechnen manchmal ins Nebenzimmer geschickt wurden. Die Begabteren hätten die Aufsicht übernommen und den Schwächeren geholfen. Ihr Lehrer Walter Meyer sei streng gewesen, „aber wir hatten auch viele Freiheiten“, sagt sie und erzählt, dass die Pause auch mal eine Viertelstunde verlängert wurde, wenn gut mitgemacht worden war.

Ein Jahrzehnt früher hatte Disziplin noch mehr im Vordergrund gestanden. Walter Keck erinnert sich, wie der frühere Lehrer Kurt Zippel die Pause mit einem lauten Pfiff in die Trillerpfeife für beendet erklärte. „Dann haben wir antreten müssen. Links die Mädchen, rechts die Buben. Als erste durften die Buben rein, dann die Mädchen.“

Lernen fürs Leben: Kohlen holen und Dachplatten schleppen

Auch in anderen Dingen unterschied sich die Schulzeit von Walter Keck noch. Er erzählt, dass die Schüler im Winter in den Keller hinunter gehen mussten, um Kohlen für den Kachelofen zu holen. „Und als das Schuldach in den sechziger Jahren neu gedeckt wurde, da mussten wir die Dachplatten hochtragen.“ Lernen war ein weiter gefasster Begriff. Genauso wurde vom Lehrer hingenommen, wenn ein Schüler wegen der Kartoffel- oder Heuernte nicht erschien. „Da bist du halt mal einen Tag nicht in die Schule gegangen“, sagt Keck. „Das war in Ordnung.“

Um 1968 herum entstand dieses Foto. Klaus Olbrich steht in der ersten Reihe (zweiter von links), Beate Robotke ist hinten neben dem Lehrer mit Kopftuch. Foto: privat

An den Musikunterricht denken alle drei Schulabgänger ungern zurück. Da mussten sie sich vorne hinstellen und vor der ganzen Klasse vorsingen. Die Töne, die mehr oder weniger schön herauskamen, ergaben die Musiknote im Zeugnis. Keck erinnert sich, dass manchmal auch gemeinsam ein Kirchenlied gesungen wurde. Der Taktstock, den der Lehrer zum Dirigieren nahm, sei ab und zu auch zweckentfremdet worden. „Es kam nicht oft vor, aber wenn es gar nicht anders ging, dann hat der Lehrer damit auch mal geschlagen.“ Hatten die Schüler Angst? „Angst nicht, aber Respekt“, sagt Keck. Zu ihrer Zeit sei das Schlagen kaum noch vorgekommen, fügt Robotka hinzu.

Und nach der Schule? Da ging’s ab nach draußen. Keck erzählt, dass er sich möglichst unauffällig vom Hof daheim davonschlich, „sonst gab’s was zu schaffen“. Gerne trafen sich alle Dorfkinder beim Hetzewäldle „zum Indianer spielen“ oder im Winter am Buckel hinter der Schule zum Schlittenfahren. „Ich denke gerne an die Zeit zurück“, sagt Olbrich, und die beiden anderen nicken.

Die alte Dorfschule

Geschichte
Um ein eigenes Schulhaus im Ort zu bekommen, hatten die Glashütter Dorfbewohner lange gekämpft. Noch um 1850 herum war ihnen der Bau einer eigenen Dorfschule verwehrt worden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts setzten sie sich mit dem Wunsch durch, dass ihre Kinder vor Ort unterrichtet werden können. Ihr Einsatz war groß: Die Glashütter bauten das Schulhaus mit eigenen Händen. 1898 feierten die 202 Einwohner, die damals im Dorf lebten, die Einweihung. Im ersten Jahrgang waren es 33 Schüler, die in den Klassenstufen eins bis acht unterrichtet wurden. Sie lernten alle gemeinsam in einem großen Schulraum im Erdgeschoss. Das kleinere Zimmer daneben wurde Rathäusle genannt, weil dort der Dorfanwalt, der Vertreter des damals noch eigenständigen Ortes, seinen Dienst versah. Im ersten Stock war die Wohnung für den Lehrer, der auch den Garten zum Gemüseanbau nutzen durfte. 1971 wurde die Schule aufgelöst und die Dorfkinder mussten fortan zum Unterricht nach Waldenbuch gehen.

Besitzerwechsel
1972 verkaufte Waldenbuch das Gebäude an die Kirche. Fortan fanden dort sonntags Gottesdienste statt. 2006 wurde das alte Schulhaus zurück an die Stadt verkauft. 2009 gründete sich eine Initiative und es wurden Unterschriften gesammelt mit dem Ziel, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude für die Öffentlichkeit zu erhalten. 2011 gründete sich der Förderverein Schulhaus Glashütte, der das Haus 2013 für einen symbolischen Euro kaufte. Anschließend wurde es umfassend renoviert.