Der Schauspieler Samuel Finzi als Dov Grinstein . Foto: dpa - dpa

David Grossmanns 250 Seiten starken Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ hat Dusan Davis Parizek bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne gebracht. Mit den Schauspielstars Samuel Finzi und Mavie Hörbiger gelingt ihm ein verstörendes Tribunal gegen die Selbstgerechtigkeit.

Salzburg Einsam steht der Comedian Dov Grienstein am Ende seiner Show auf der Bühne. Seine politisch wenig korrekten Witze, die stets unter die Gürtellinie zielten, sind verstummt. Den szenischen Reiz von David Grossmanns Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ kostet der Schauspieler Samuel Finzi leidenschaftlich aus. Die aufgewühlte Sprache des israelischen Erzählers, der 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat viel dramatisches Potenzial. Das beweist der tschechische Regisseur Dusan David Parizek bei den Salzburger Festspielen mit einem verstörenden Tribunal gegen die Selbstgerechtigkeit. Dass die deutschsprachige Erstaufführung im ehemaligen Stadtkino Republic auch nach zwei Stunden und 40 Minuten noch Biss hat, liegt nicht zuletzt an Samuel Finzis und Mavie Hörbigers starken Bühnenporträts der Romanfiguren.

2014 hat Grossmann den Roman geschrieben, dessen unterschiedliche Ebenen schwer zu trennen sind. In dem Prosatext geht es um den Holocaust, um die Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern. Der Autor nimmt seine Leser auf eine Zeitreise mit, der nicht immer ganz leicht zu folgen ist. Jahrzehntelang lebte Dov Grienstein davon, sich über andere lustig zu machen. An dieser Boshaftigkeit zerbricht er schließlich selbst. Mit 57 Jahren ist er auf dem Tiefpunkt seiner Karriere angekommen. Er spielt in dem heruntergekommenen Vorort Netanju, in tiefster Provinz. All dem zum Trotz liefert der Schauspieler Samuel Finzi dem Publikum die Show seines Lebens. In der Koproduktion der Festspiele mit dem Deutschen Theater Berlin und dem Wiener Burgtheater spiegelt Kamila Povlikova mit ihren Kostümen Stimmungen. Anfangs wirkt Dov mit dickem Mantel und schriller Brille wie ein You-Tube-Star. Im blutigen Unterhemd oder mit zerrissenem Anzug erscheint er als Opfer der Kriege, die ihn in seinen Träumen heimsuchen. Seine schwere Krankheit hat ihn gezeichnet, dies wird sein letzter Auftritt sein. Blut rinnt über sein Gesicht.

Der Schmerz des Heranwachsenden

Großartig jongliert Finzi mit den Lebenslügen, an die sich sein Protagonist klammert. Mit ihrer harten, und doch verletzlich klingenden Stimme ist Mavie Hörbiger als Pitz ein faszinierender Gegenpart. Dov kennt die zierliche Frau seit seiner Kindheit. Ob da auch Liebe war? Pitz konfrontiert den gebrochenen Mann mit seiner Vergangenheit. Das tut sie garstig, zynisch – und doch liebevoll. Klug reisst die zarte Schauspielerin dem Comedian die Maske vom Gesicht. Seine bösartigen Witze sind nichts als Fassade. Um nicht von den anderen verprügelt zu werden, lief Dov, das schwächliche Kind, früher auf Händen. Eines Tages wurde der Junge zu einer Beerdigung abgeholt. Auf der ganzen Fahrt wusste er nicht, ob sein Vater oder die Mutter gestorben ist. Den Schmerz des Heranwachsenden übersetzt Finzi in feinste Modulationen seiner Stimme. Er stottert, zischt und verstummt. Das Wort „Beerdigung“ löst in ihm körperlichen Schmerz aus. Wenn der Schauspieler die Worte zerreißt, erstickt das Lachen im Zuschauerraum.

Parizeks Dramatisierung reduziert den 250 Seiten starken Text auf die Substanz, so gut es eben geht. Doch Grossmans emotionale, überbordende Prosa lässt sich nur bedingt bändigen. Manche Stellen im Roman münden gar in belangloses Geplänkel. Wenn die Worte nicht mehr greifen, erkunden die Spieler die Psyche ihrer Figuren mit ihrer kraftvollen Körpersprache. Einfach schön ist, wenn Mavie Hörbiger das Feuer ihrer verlorenen Liebe über ihr Gesicht huschen lässt. Sinnliche Momente wie dieser gelingen den Schauspielern wieder und wieder. Das macht den Reiz des Abends aus. Auf die Holzwand, die Parisek ins Zentrum des von ihm selbst geschaffenen Bühnenbilds stellt, werden Gesichter und Körper in Nahaufnahme projiziert. Jedes Zucken von Dovs Mundwinkeln verfolgen die Zuschauer in voyeuristischer Manier. Krisha Pimplits Lichtdesign hebt verräterische Details hervor. Hilflos kämpft Dov um die Lacher, die jahrzehntelang sein Leben waren. Doch er blickt in leere Gesichter. „Ein teilnahmsloser Gesichtsausdruck ist die schärfste Waffe des Publikums“, lässt Grossmann den Comedian erkennen.

Zermürbt von der eigenen Schuld

Weil Parisek und seine Spieler sich auf die Figuren und ihr persönliches Scheitern in einer von Kriegen verwundeten Welt konzentrieren, gerät Grossmanns politische Botschaft ins Hintertreffen. Doch das wertet den Text auf. Zwischen flauen Witzen und böser Publikumsbeschimpfung verarbeitet Dov den Schmerz über den Holocaust ebenso wie die Fassungslosigkeit über die Kriege zwischen jüdischen Siedlern und Arabern. Letzteres wird im Roman in böse, menschenverachtende Witze verpackt – etwa den über einen Bestatter, der zwei Toten die Köpfe abschlägt, damit er ihre Anzüge nicht tauschen muss. In der Bühnenfassung liegt der Schwerpunkt sehr viel stärker auf den Menschen. Dennoch lässt sie die Erinnerung an den Holocaust nicht los. Wie sehr das schmerzt, zeigt Finzi in der Geschichte vom jüdischen Mädchen, das drei polnische Lokführer vor den Nationalsozialisten versteckten und vergewaltigten. Nach einem halben Jahr brutaler sexueller Übergriffe wurde ihnen das Mädchen lästig. Sie schickten es eiskalt ins Konzentrationslager. Parizeks stringente Regie lenkt den Blick auf die Menschen und auf ihre verwundeten Seelen. Dafür hat der sebsible Regisseur ein echtes Händchen. Sein Protagonist Samuel Finzi zeigt den jüdischen Comedian als einen, den die eigene, gefühlte Schuld zermürbt. Die zarten Blüten des blutroten Mohns, die Dov nach solcher Erkenntnis in Händen hält, sind ein griffiges Bild gegen das Vergessen.

Weitere Termine: 15., 18., 21. und 23. August.

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