Der Schlossplatz am Abend – ein schlechter Ort für unauffällige Drogengeschäfte. Foto: 7aktuell.de/Simon Adomat

Der Drogenhandel in der Straßenszene geht auch in der Pandemie weiter. Dabei entdeckt die Polizei zunehmend eine ganz spezielle Gruppe von Tatverdächtigen.

Stuttgart - Noch eine halbe Stunde bis zum Lockdown, Zeit nach Hause zu gehen, die Innenstadt leert sich – in dieser Situation fallen illegale Geschäfte durchaus besser auf als sonst. Beamte der Sondertruppe Sicherheitskonzeption Stuttgart (SKS) haben so am Donnerstagabend auf dem Schlossplatz einen illegalen Winterschlussverkauf beendet – und einen mutmaßlichen Drogendealer festgenommen. Dass es sich bei dem Verdächtigen um Wohnsitzlosen westafrikanischer Herkunft handelt, gehört zu einem augenfälligen Trend der letzten Wochen.

Die Beamten überraschen am Donnerstag gegen 19.30 Uhr zwei Männer am Abgang zur unterirdischen Stadtbahn-Haltestelle in der Königstraße. Offenbar sollen Drogen den Besitzer wechseln. Als die beiden ungleichen Männer die Polizisten bemerken, lässt der Ältere etwas fallen: mehrere Tütchen mit insgesamt zehn Gramm Marihuana.

Der 24-jährige Kunde wird angezeigt und wieder auf freien Fuß gesetzt. Der 35-jährige mutmaßliche Dealer aber bleibt hinter Gittern. Bei ihm handelt es sich um einen wohnsitzlosen Mann aus Gambia, „eine derzeit auffällige Nationalität“, wie aus den Reihen der Drogenfahnder zu hören ist.

Der Blick geht nach Westafrika

Schon vor Jahren war der kleine westafrikanische Staatmit etwa zwei Millionen Einwohnern aufgefallen, als zunehmend junge Männer gambischer Herkunft beim illegalen Straßenhandel mit Cannabisprodukten festgenommen wurden. Mit dem Einsatz der Sondertruppe SKS in der Innenstadt schien sich die Lage wieder zu ändern. 2018 stellte der Leiter des Drogendezernats fest, dass die westafrikanischen Kleindealer „kaum mehr eine große Rolle“ spielten.

Doch in diesem Jahr, besonders im Herbst, wandelt sich das Bild wieder. Zunehmend gehen westafrikanische Verdächtige ins Netz – zuletzt auf der Achse Hauptbahnhof, Theaterpassage, Schlossgarten, Eckensee, Marienplatz. Das Alter der Verdächtigen reicht von 22 bis 46 Jahren. „Wie sich das statistisch niederschlägt, kann man noch nicht sagen“, sagt Polizeisprecher Johannes Freiherr von Gillhaußen. Im vergangenen Jahr sind in Stuttgart 255 Tatverdächtige aus Gambia festgenommen worden. Ein ähnliches Niveau wird für dieses Jahr befürchtet – trotz rückläufiger Kriminalitätszahlen durch Coronaeinschränkungen.

Derweil schlägt die Polizei auch im Rems-Murr-Kreis zu

Der 35-Jährige ist nicht der einzige, der am Donnerstag wegen des Vorwurfs des Drogenhandels gefasst wurde. Sechs Landsleute im Alter von 20 bis 30 Jahren sind Stunden vorher bei einer Razzia in Unterkünften im Rems-Murr-Kreis festgenommen worden. „Die 118 Beamten waren im Raum Waiblingen, Fellbach und Schorndorf im Einsatz“, sagt Polizeisprecher Jonas Ilg.

Von den Unterkünften heraus soll wiederholt mit Betäubungsmitteln gehandelt worden sein. Ob die Verdächtigen dabei auch die S-Bahn-Verbindungen nach Stuttgart genutzt haben, könne zum jetzigen Stand der Ermittlungen nicht gesagt werden, so Ilg. Gegen die sechs Beschuldigten wurden bereits bestehende Haftbefehle vollstreckt. Bei den Razzien gab es aber keinen großen Drogenfund – sondern geringe Mengen Rauschgift, dazu Bargeld und gestohlene Fahrräder.