„Am Kronenhof“ in Esslingen gehört zu den Straßen, die schon einmal bessere Zeiten gesehen haben. Foto: Ines Rudel

„Am Kronenhof“ – das stand einmal für eine Straße in Esslingen mit besonderen Geschäften in bester Lage. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Viele Esslinger meiden sie.

Seit 60 Jahren handelt die Familie Rapp mit Obst und Gemüse, davon viele Jahre in einem Laden in der Esslinger Altstadt. Heute noch zeugt die verblasste Aufschrift auf einer Markise in der Straße „Am Kronenhof“ davon, wer hier einst sein frisches Gemüse verkaufte. „Früchte- und Gemüsemarkt“ ist dort zu lesen. Aber frisches Gemüse gibt es an diesem Ort schon lange nicht mehr.

„Am Kronenhof“ war einmal eine beliebte Straße. Doch das war vor der Jahrtausendwende. Heute ist von der Pracht nicht mehr viel zu sehen. Birgit Rapp, die unter anderem in Wäldenbronn auf der Esslinger Höhe ihr Gemüse vertreibt, sagt: „Hier oben ist die Welt noch in Ordnung.“ Und drückt damit indirekt aus, dass da unten einiges nicht mehr im Lot ist.

Am Kronenhof war meine gute Adresse in Esslingen

Zumindest für die Straße „Am Kronenhof“, die vom Bahnhof zur Pliensaustraße führt, trifft das zu. Der Name klingt prächtig, und tatsächlich war „Am Kronenhof“ eine gute Adresse: Frisches Obst, ein guter Bäcker, ein Juwelier, ein Samenladen. Gerade Letzterer hat Seltenheitswert. Hatte. Denn das Samengeschäft gibt es nicht mehr. Den Bäcker auch nicht. Und der Juwelier meldete unlängst Insolvenz an.

Am Kronenhof gibt es auch einen Juwelier mit hochwertiger Ware. Wie lange noch? Foto: Ines Rudel

Eine Insolvenz kann viele Gründe haben, aber für einen Juwelier, der unter anderem mit hochwertigen Schmuck handelt, spielt die Lage schon eine Rolle. Florian Hermanns, der als Mitinhaber und Geschäftsführer um das Überleben des alteingesessenen Schmuckgeschäfts Brogle kämpft, deutet unmissverständlich an, was er von der Umgebung hält: „Am Kronenhof war mal eine sehr beliebte Straße.“

Kriminalität und Schattenhandel: Am Kronenhof im Verfall

Die Betonung liegt auf „war“. Geübte Beobachter bemerken, dass gar nicht weit von Brogle am helllichten Tag eine nicht eindeutig definierbare Form von Handel stattfindet. Eine, die nicht den Eindruck macht, dass sie von einer ordentlichen Buchhaltung unterfüttert wird. Ein Mann schiebt einem anderen ein dickes Bündel voller Dollar in die Hand. Wenige Meter weiter wartet ein anderer Mann mit ausgemergeltem Gesicht sehnsüchtig auf einen Ansprechpartner: Es sieht nicht aus wie ein Kunde, der sein Geld in Gold anlegen möchte.

Es sind Männer im Alter von 20 bis 40 Jahre, die zu manchen Stunden den Bürgersteig so stark belegen, dass kaum noch ein Durchkommen ist. Sie unterhalten sich, gestikulieren, kaufen und verkaufen, lassen die Zeit vergehen. Für Passanten ist wenig Platz. Eine Frau, deren Name der Redaktion bekannt ist, die aber ihren Namen nicht in die Öffentlichkeit tragen möchte, sagt: „Viele weichen aus, wechseln die Straßenseite. Ich auch. Wenn ich überhaupt noch da lang gehe.“ Die Folge: An der Auslage des Juweliers kommt sie – und vermutlich viele andere – gar nicht erst vorbei.

Kriminalität am Kronenhof: Polizei verstärkt Maßnahmen gegen Drogen

Auch der Polizei ist der Ort bekannt. Eine Statistik nur zur Straße „Am Kronenhof“ gibt es indes nicht, aber fest steht, dass laut Martin Raff vom Polizeipräsidium Reutlingen die Polizei „im Zuge von kriminalpolizeilichen Ermittlungen in den vergangenen Monaten in der Umgebung des Esslinger Bahnhofs, inklusive der Straße Am Kronenhof, mehrere Straftaten nach dem Betäubungsmittelgesetz beziehungsweise dem Konsumcannabisgesetz aufdecken konnte“. So wurde Anfang Mai ein 20-Jähriger verhaftet, der seitdem in Untersuchungshaft sitzt. Das ist aber noch nicht das Ende einer wohl länger angelegten Aufräumaktion. „Dort werden wir auch weiterhin Maßnahmen zur Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität treffen“, so Raff. Für Aufsehen sorgte auch ein Einbruch im Februar, bei dem der oder die Täter Gegenstände im Wert von mehreren tausend Euro mitgehen ließen.

Wenige Meter vom Juwelier zeugt ein anderes Geschäft vom Verfall der Straße. Im November 2024 schloss Samen Schneider seine Tore – ein Jahr vor dem 175. Jubiläum. Es war eines der ältesten und traditionsreichsten Geschäfte in der Esslinger Innenstadt. Das Aus der Firma hatte allerdings nichts mit wirtschaftlichen Gründen zu tun, wie die Inhaberin Barbara Schneider wissen ließ. Das Haus wurde von der Erbengemeinschaft verkauft. Und der Käufer „will etwas anderes reinmachen“, sagte Barbara Schneiders Schwester Anette Steinemann.

Schockierendes Verbrechen: Am Kronenhof in Esslingen im Fokus

Als wäre alles das nicht genug, ereignete sich „Am Kronenhof“ im November 2024 auch eines der schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Stadt. Der Mieter eines Hauses, seit vielen Jahren polizeibekannt, tötete den Sohn seines Vermieters und steckte das Haus in Brand, bevor er sich selbst das Leben nahm. Seitdem gibt es auch die Bäckerei nicht mehr, die in dem Haus von dem Feuer in Mitleidenschaft gezogen wurde.


Überhaupt gibt es nicht mehr viel in der Straße: eine Sackgasse zur Tiefgarage der Kreissparkasse, weitgehend unbelebt und daher durchaus geeignet für zwielichtige Straßen-Transaktionen. Ein Wettbüro, ein Nagelstudio, ein Imbiss, ein Geschäft, das mit Actionfiguren aus Comics handelt. Was noch? Eine Kneipe, in die sich Touristen mit Sicherheit nicht verirren. Ein absurdes Ladengeschäft, in dem drei Jahrmarktautomaten stehen, an denen man gegen einen Boxautomaten hauen darf.

Wie es weitergeht mit der Straße? Ungewiss. Sie liegt nah am Bahnhof, daran wird sich nichts ändern lassen. Bahnhöfe in Deutschland sind beinahe durchweg sozial problematische Orte, auch in Esslingen. Eine Parallelstraße weiter hat sich ein Investor entschlossen, eine seit Jahren brach liegende Fläche zu bebauen. Ein Großprojekt, das zwangsweise die soziale Struktur des Quartiers verändern wird. Aber auf welche Weise, das kann heute noch niemand sagen.

Die Umgebung der Straße „Am Kronenhof“

Bahnhof
 Der Bahnhof in Esslingen gilt als einer der problematischsten Orten in Esslingen und liegt nur wenige Meter von der Straße „Am Kronenhof“ entfernt. Auf dem Bahnhofsvorplatz wird ungefähr alle drei Tage von der Polizei ein Straftat erfasst. 2024 waren es mit 137 Straftaten etwa zehn Prozent mehr als 2023.

Karstadt-Areal
 Im Februar übernahm das Unternehmen Strabag Real Estate das ehemalige Karstadt Areal in der Esslinger Martinstraße, die parallel zu „Am Kronenhof“ verläuft. Das Gelände hat sich über die Jahre den Ruf als hässlichste Brache in der Stadt erworben.