Boris Palmer sagt beim Gespräch im Rathaus: „Ich habe mir vorgenommen, länger zu überlegen.“ Foto: Horst Haas

Im Juni hatte der Tübinger OB nach dem letzten Eklat eine Auszeit genommen. Seitdem ist er vorsichtiger geworden – doch manch einer in Tübingen sieht schon einen Rückfall in alte Muster.

Boris Palmer kommt zu spät, die Bürokratie hat den Tübinger Oberbürgermeister wertvolle Zeit gekostet. Er bruddelt vor sich hin, während er seine graue Haarpracht vor dem Spiegel richtet, selbst dafür war keine Zeit mehr, ein Telefonat mit dem Regierungspräsidium habe ihn aufgehalten. Aber bevor Palmer in seinem Büro im Tübinger Rathaus richtig in Fahrt kommt, hält er lieber den Mund. Schließlich sitzt die Presse vor ihm. Früher hätte er an diesem Punkt seinem Frust vermutlich freien Lauf gelassen, ein falsches Wort benutzt – und die nächste negative Schlagzeile geliefert. Heute macht er das nicht mehr.

Boris Palmer ist vorsichtiger geworden

„Ich habe mir vorgenommen, länger zu überlegen“, sagt er. Das ist eine der Lehren aus seiner vierwöchigen Auszeit im Juni, die jetzt bereits mehr als ein Vierteljahr zurückliegt. Auslöser für den Entschluss zu einer Auszeit war der Eklat Ende April am Rande einer Migrationskonferenz in Frankfurt: Palmer hatte auf an ihn gerichtete „Nazis raus“-Rufe mit einem Judensternvergleich reagiert. Heute würde er in einer ähnlichen Situation einfach weitergehen, sagt der 51-Jährige. Die protestierende Menge hatte sich an Palmers Benutzung des N-Worts gestört, einer früher in Deutschland gebräuchlichen rassistischen Bezeichnung für schwarze Menschen. „Ich möchte mir meine Diskussionen besser aussuchen und nicht von anderen etwas aufdrängen lassen, wo gar nichts zu gewinnen ist“, sagt Palmer.

Das bedeute jedoch nicht, sich von nun an bei allen strittigen Themen zurückzuhalten, betont er. Der polarisierende OB möchte etwas an der Art und Weise seiner Äußerungen ändern: „Dass ich meine Anliegen besser transportiere und mich weniger in sinnlose Streitigkeiten über Wortwahl und Nebensächlichkeiten verwickeln lasse“, sagt er und zeigt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er bei seinen Antworten ganz genau abwägt, wie er bestimmte Aussagen formuliert. Der früher chronische Provokateur ist vorsichtiger geworden, das merkt man.

Tübinger SPD-Fraktionschef sieht einen Brief Palmers kritisch

Denn die Zeit nach dem Eklat in Frankfurt ist auch an Deutschlands bekanntestem Oberbürgermeister nicht spurlos vorbeigegangen. „Wenn man fünf Tage am Stück so durch den Kakao gezogen wird, dann geht es einem ehrlicherweise ziemlich schlecht“, sagt Palmer. Zum ersten Mal habe er überlegt, ob der Rücktritt als Rathauschef eine Option sei. Am Ende blieben als Konsequenzen der Parteiaustritt bei den Grünen, die Suche nach professioneller Hilfe und die einmonatige Auszeit. Es musste sich etwas ändern, er musste sich ändern.

Doch hat der Tübinger Rebell die Kurve gekriegt und sich heute besser im Griff? Im Gemeinderat der Unistadt sind da nicht alle überzeugt. Einen „Rückfall in alte Muster“ beobachtet etwa der SPD-Fraktionschef Martin Sökler. Als Indiz führt er Palmers offenen Brief an Landesjustizministerin Marion Gentges und Innenminister Thomas Strobl (beide CDU) an, in dem der Tübinger OB kürzlich seinen Unmut über einen Vorfall in Tübingen äußerte: Ein Asylbewerber aus Gambia soll zwei Polizisten verletzt haben, einen davon schwer. Der Tübinger OB beschwerte sich, dass der Beschuldigte nicht in Untersuchungshaft kam. „Ich bin mir sehr sicher, dass die große Mehrheit der Menschen den eigenen Staat nicht versteht, wenn man Polizisten krankenhausreif schlagen darf und am nächsten Tag einfach wieder frei herumspringt“, begründet Palmer das Schreiben an die Minister.

„Da irren Sie sich. Aufmerksamkeit an sich ist überhaupt kein Wert“

Stadtrat Sökler findet: „Das sind Dinge, für die ganz klar die Staatsanwaltschaft zuständig ist und nicht er als Oberbürgermeister.“ Sökler beobachtet bei Palmer immer noch „dieses unbedingte Ringen um öffentliche Wirksamkeit“. Für einen Großteil der Tübinger sei das in Ordnung: „Sie haben ihn ja in der Kenntnis seiner Macken gewählt. Ganz viele sagen: ‚So isch er halt‘.“

Offene Briefe, ein Talkshowauftritt bei Markus Lanz, Gastkommentare bei überregionalen Medien, Facebook-Diskussionen – auch in der Zeit nach der Auszeit ist Palmer immer wieder in der Öffentlichkeit über die Grenzen Tübingens hinaus präsent. Wenn er nicht entschieden widersprechen würde, könnte man meinen, der Ex-Grüne genieße hin und wieder den Rummel um seine Person. „Da irren Sie sich. Aufmerksamkeit an sich ist überhaupt kein Wert“, sagt Palmer.

Keine Extrapunkte mehr für ein Bild mit dem OB

In der Tübinger Altstadt mischen sich beim Stichwort „Palmer“ skeptische und wohlwollende Stimmen. Eine Studentengruppe etwa äußert Unverständnis über den fünf Seiten langen Brief, in dem sich der Tübinger OB kurz nach seiner Auszeit an einer Rede von Klimaaktivistin Luisa Neubauer abgearbeitet hatte. Seit diesem Jahr gibt es bei der traditionellen Stadtrallye für Erstsemester keine Extrapunkte mehr für ein Bild mit dem OB vor dem Rathaus: „Das haben wir rausgestrichen, weil die Aktion mit dem N-Wort eine Nummer zu krass war“, erklärt einer aus der Gruppe.

Aber nicht alle in Tübingen sind so kritisch mit Palmer: „Ich verzeih ihm, er nimmt sich inzwischen zurück“, sagt eine ältere Frau. Und ihr Mann ergänzt: „Ich bin im Asylkreis tätig und kann teilweise nicht nachvollziehen, warum er rassistisch sein soll. Ich finde es okay, dass er Dinge anspricht.“ Auch im Gemeinderat erhält Palmer Unterstützung: „Er hat die zweite Chance – und die nutzt er auch. Er ist ruhiger geworden“, sagt Thomas Unger, der Fraktionsvorsitzende der Tübinger Liste.

Palmer wäre froh, wenn er Migrationsdebatte hinter sich lassen könnte

Diese Entwicklung ändert nichts daran, dass eine Rückkehr Palmers zu den Grünen ausgeschlossen ist, er bleibt parteilos. „Wir haben uns auseinander entwickelt“, sagt der Tübinger OB. Ursache seien besonders „die jüngeren Ergänzungen der Identitätspolitik und der migrationspolitischen Glaubenssätze“ gewesen, so Palmer. Er habe sich der Migrations-und Identitätsdebatte stellen müssen, sei aber „Gott froh, wenn ich das hinter mir lassen könnte“. Schließlich hätten die demokratischen Parteien inzwischen erkannt, dass Deutschland eine bessere Steuerung der Migration brauche.

Ein neues Thema müsse er nicht suchen, beim Klimaschutz gebe es genug zu tun – die Aufgabe, die Palmer am meisten mit seiner ehemaligen Partei verbindet. Wenn er über die Grünen spricht, empfindet der Tübinger OB vor allem eines: Dankbarkeit. Ohne die Partei wäre er nicht Landtagsabgeordneter (2001 bis 2007) und Oberbürgermeister (seit 2007) geworden, sagt er.

„In Stuttgart, Berlin und Brüssel wird zu wenig auf die Kommunen gehört“

Und es gibt nicht wenige, die ihm noch höhere politische Aufgaben zugetraut hätten. Den Weg dorthin hat sich Palmer aber auch ein Stück weit selbst verbaut. „Ich ärgere mich darüber nicht, das ist verschüttete Milch“, sagt er. Mit seinen Fähigkeiten sei er genau am richtigen Ort: in einem schwäbischen Rathaus. „Mit meiner Eigenwilligkeit und Leidenschaft ist man nicht ausreichend temperiert für wohlformulierte Koalitionsverträge“, sagt Palmer.

Der 51-Jährige will weiter an sich arbeiten und, solange es nötig ist, die professionelle Hilfe in Form des Coachings in Anspruch nehmen. Aber auch weiter seine Popularität nutzen, um auf die Bedürfnisse in den Städten und Gemeinden aufmerksam zu machen, „nicht zu schweigen, wo es notwendig ist, Dinge auszusprechen“, sagt Palmer: „In Stuttgart, Berlin und Brüssel wird zu wenig auf die Kommunen gehört, aber wir vor Ort müssen die Probleme lösen, die dort manchmal erst gemacht werden.“ Bürokratie sei ein Beispiel. Den Brandbrief dazu hat der Tübinger OB kürzlich mit zwei weiteren Rathauschefs an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verschickt. Er hofft, dass künftig noch mehr Zeit für sein Herzensprojekt bleibt: Tübingen bis 2030 klimaneutral zu machen.

Von der Stadt am Neckar hat er noch nicht genug. „Dort unten habe ich als Fünfjähriger Salat und Erdbeeren verkauft“, sagt Palmer und zeigt auf den Tübinger Marktplatz. „Mein Herz geht immer noch auf, wenn ich morgens zu Fuß zum Rathaus gehe“, sagt er: „Für mich gibt’s nichts Schöneres.“