Wenn nach den Osterferien die Schule wieder startet, beginnt für viele Schüler in Bayern und Baden-Württemberg die entscheidende Phase des Schuljahres. Foto: dpa

Von sehr begabt bis stinkfaul - die Schülerschaft wird immer heterogener. Gemeinschaftsschulen stellen sich darauf ein, Realschulen wollen lieber homogene Klassen.

Stuttgart (dpa/lsw)Die Gemeinschaftsschulen werfen den Realschulen Rosinenpickerei vor. «Die Realschulen nehmen die gesellschaftliche und pädagogische Aufgabe nicht an, jedem Kind gerecht zu werden», sagte Matthias Wagner-Uhl, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Gemeinschaftsschulen, der Deutschen Presse-Agentur. Die Begründung der Realschulvertreter, der großen Vielfalt der Schüler und ihrer Begabungen nicht entsprechen zu können, sei nicht nachvollziehbar. «Diversität sollte an einer Schule als Bereicherung und nicht als Hemmschuh betrachtet werden.»

Damit reagierte er auf die Forderung der Realschuldirektoren, die verbindliche Grundschulempfehlung wieder einzuführen und den Hauptschulabschluss an dieser Schulart abzuschaffen. Grund: Viele Kinder seien in den Eingangsklassen heillos überfordert und in den höheren Klassen landeten frustrierte Schüler vom Gymnasium auf der Realschule, die die Heterogenität verstärkten. Ähnliche Effekte gibt es auch an den Gemeinschaftsschulen.

Der Verband Bildung und Erziehung warnte davor, die beiden Schularten gegeneinander auszuspielen. «Beide brauchen die Ausstattung, damit sie ordentlich arbeiten können», sagte Verbandschef Gerhard Brand. Wichtig seien mehr Zeit für individuelle Förderung und multiprofessionelle Teams, etwa mit Sozialarbeitern. Die Abschaffung des Hauptschulabschlusses an der Realschule sei schon allein deshalb nicht praktikabel, weil nach Schließung Hunderter Hauptschulen ansonsten dieser Abschluss nicht mehr flächendeckend angeboten werden könne.

Stärkere Schüler sollen schwächere mitziehen

Ein Merkmal der «Schule für alle» ist laut Wagner-Uhl, dass bessere Schüler schwächere mitziehen. «Das funktioniert glänzend, die Leistungsstärkeren profitieren ebenfalls und wachsen an der Verantwortung.» Die Gründung einer Gemeinschaftsschule sei in der Anlaufphase mit Mehraufwand verbunden. Danach gebe es für die Lehrer keine längere Vorbereitung für den Unterricht auf drei verschiedenen Niveaus, weil Aufgaben und Material im Team weitergegeben werden. «Lehrer müssen vom Einzelkämpfertum Abschied nehmen - denn im Team steigt die Qualität der Lehre.»

Die Ergebnisse der Absolventen der Starterschulen zeigten, wie individuelle Förderung die Leistungsfähigkeit der Schüler erhöhe. Von den 47 Prozent Schülern mit ursprünglicher Prognose Hauptschule machten nur 19 Prozent den entsprechenden Abschluss, der Rest strebte höhere Abschlüsse an. Die Kollegen in den Realschulen erhielten - wie die Gemeinschaftschulen auch - Stunden für differenzierten Unterricht. «Es braucht ein stückweit Energie, Intelligenz und Leidenschaft, mit Vielfalt adäquat umzugehen.» Gelinge das nicht, werde Deutschland bald nicht mehr international wettbewerbsfähig sein, sagte Wagner-Uhl.

In der Arbeitsgemeinschaft sind zwei Drittel der rund 300 Gemeinschaftsschulen im Südwesten organisiert.

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