Um mit der Ärztin über Beschwerden sprechen zu können, ist nicht mehr immer und überall ein Besuch der Praxis notwendig. Foto: imago images

Noch gehen Patienten in der Regel zum Arzt in die Sprechstunde. Doch Videochat und Digitaltechnik sorgen dafür, dass man sich nun auch über das Internet beraten lassen kann. Wie funktioniert das und was gibt es zu beachten?

Stuttgart - Ein Taxi bestellen, ein Kinoticket buchen oder Kleidung einkaufen – mittlerweile funktioniert fast alles online. Auch der Besuch beim Arzt? Im Prinzip ja. In Baden-Württemberg haben inzwischen Tausende die App von Docdirect auf ihre Mobiltelefone heruntergeladen. Mit ihrer Hilfe kann dann einer der 40 landesweit teilnehmenden Haus- oder Kinderärzte kontaktiert werden.

Und das funktioniert ganz einfach: Zunächst werden Personalien und Krankheitssymptome aufgenommen und die Dringlichkeit geklärt. Bei lebensbedrohlichen Notfällen wird der Anruf an die Rettungsleitstelle weitergeleitet.

Ansonsten wird ein „Ticket“ erstellt, das ein Tele-Arzt online aufrufen kann. Er ruft am Telefon zurück, spricht mit dem Patienten, der zumeist zuhause im Wohnzimmer sitzt, über dessen Beschwerden und empfiehlt eine Behandlung.

Lesen Sie hier: Boom bei der Telemedizin in Baden-Württemberg

Ferndiagnose am Computer-Bildschirm

Zunächst als Modellversuch im April 2018 in Stuttgart und Tuttlingen gestartet, gibt es das Angebot nun landesweit. Die Hausärztin Martina Hartmann in Mannheim ist von Anfang an mit von der Partie. Anfangs sei das Angebot eher spärlich genutzt worden, sagt die Allgemeinärztin. Inzwischen berät sie am Tag zwischen fünf bis zehn Patienten. In ihrer Praxis setzt sie sich immer in ein extra Sprechzimmer, wenn sie die Online-Sprechstunde abhält. „Auch bei der Telemedizin muss die Diskretion gewährleistet werden.“

Dass sie den Patienten sehe, sei ein großer Vorteil, sagt Martina Hartmann. Dadurch könne er auch bedingt untersucht werden. Als Beispiel nennt sie, dass sie ihn beispielsweise bestimmte Bewegungen machen lassen kann, um zu klären, ob beispielsweise bei starken Rückenschmerzen ein Bandscheibenvorfall vorliegen könnte.

Die Patienten nutzen das Angebot mit den unterschiedlichsten Anliegen: Das reicht von einer Nachfrage wegen eines falsch eingenommenen Blutdruckmedikaments und geht über die klassische Erkältung bis hin zur akuten Blasenentzündung, wie Hartmann erläutert. Die Allgemeinärztin aus Mannheim hat die Telemedizin in ihren alltäglichen Praxisablauf integriert. In Corona-Zeiten ein handfester Vorteil: „So konnten viele Patienten aus meiner Praxis zu Hause ohne Probleme betreut werden.“

Vorteile für Arzt und Patient

Die Telemedizin hat für beide Seiten Vorteile: Für den Patienten bringe es auf jeden Fall weniger Wege, eine schnellere Behandlung und er könne zu Hause warten, was wesentlich angenehmer sei als in der Praxis oder Notaufnahme, sagt eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW).

Für den Arzt bringe es natürlich erst einmal keine Zeitersparnis bei der Behandlung der Patienten. Er wende am Telefon genauso viel Zeit auf wie im persönlichen Gespräch. „Aber unsere Teleärzte berichten trotzdem, dass es die Lage in den Praxen entspannt; es sitzen einfach nicht mehr so viele Patienten im Wartezimmer.“

Aufschwung der Telemedizin durch Corona

Das Interesse der Ärzte an der Telemedizin hat infolge der Corona-Pandemie zugenommen. Inzwischen haben sich mehr als 6000 Mediziner bei der KVBW angemeldet und können das nun auch anbieten, wenn sie wollen. Generell sieht Baden-Württembergs größte Krankenkasse – die AOK – große Chancen im Bereich der Telemedizin. Insbesondere in der Etablierung von Telekonsilen, also dem Austausch zwischen Haus- und Facharzt, bestehe da ein großes Potenzial.

Wichtig ist dabei nach Auffassung der Krankenkasse ein einheitlicher technischer Standard. „Wenn jede telemedizinische Lösung ihre eigene Software- und Hardwarekomponenten benötigt, können diese neuen Methoden nur schwerlich Eingang in die Versorgung finden“, betont ein AOK-Sprecher in Stuttgart.

Derzeit nehmen bereits 1200 Ärzte in Baden-Württemberg an der elektronischen Arztvernetzung im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung und dem darauf aufbauenden Facharztprogramm der Krankenkasse teil; Tendenz steigend. Anfang kommenden Jahres wird darauf aufbauend das bisherige Pilotprojekt namens TeleDerm flächendeckend in ganz Baden-Württemberg ausgerollt.

Schnelle Hilfe bei Problemen mit der Haut

Hierbei kann der Hausarzt bei auffälligen Hautveränderungen ein teledermatologisches Konsil an den Dermatologen übermitteln, wie der AOK-Sprecher erläutert. Der Befund erfolgt innerhalb von 48 Stunden. In vielen Fällen kann der Patient auf einen Facharzttermin beim Dermatologen verzichten und vom Hausarzt weiterbehandelt werden.

TeleDerm wurde vom Innovationsfonds gefördert und wird bisher in den Landkreisen Böblingen, Calw, Rottweil und Zollernalb umgesetzt. Die eingehende körperliche Untersuchung kann die Telemedizin allerdings nicht ersetzen. In diesem Fall muss weiterhin der Arzt persönlich aufgesucht werden. Bislang ist gleichfalls der Gang in die Praxis notwendig, wenn es um ein Rezept geht. Denn das elektronische Rezept ist noch im Versuchsstadium. Aber Patienten aus dem Raum Stuttgart und Tuttlingen haben als erste in Deutschland auf ihrem Smartphone digitale Rezepte empfangen und an Apotheken senden können.

Elektronisches Rezept

Hier startete das zeitlich begrenzte Pilotprojekt namens Gerda: der geschützte E-Rezept-Dienst der Apotheken. Deutschlandweit soll das elektronische Rezept noch in diesem Jahr eingeführt werden. Die E-Rezepte richteten sich in dem Modellversuch an Patienten, die sich telemedizinisch – also per Telefon oder Videochat – behandeln lassen. Das E-Rezept ist an das Telemedizinangebot Docdirect der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg gebunden.

Verschrieben Ärzte in der Video-Sprechstunde ein Medikament, mussten die Patienten bisher für das Rezept persönlich in eine Arztpraxis kommen. Nun geht das Rezept auf einen Server, der Patient kann es in seiner App ansehen und an eine Apotheke seiner Wahl senden. Per Chat kann der Patient Kontakt aufnehmen und erfahren, wann die Medikamente verfügbar sind oder sie sich mittels Botendienst schicken lassen. Wegen eines Wechsels des Providers, so eine Sprecherin der KVBW, lassen sich dieser Tage allerdings keine E-Rezepte abrufen: „Wir müsse da erst eine Lücke schließen.“