Daimler – im Bild ein Vier-Zylinder-Diesel – bietet Dieselfahrern einen Zuschuss, wenn sie ihre Fahrzeuge mit Hardware zur Abgassäuberung nachrüsten lassen. Foto: Daimler AG

Seit Sommer 2019 sind Hardware-Nachrüstlösungen zugelassen und werden von zwei Massenherstellern kräftig bezuschusst. Doch bei den Diesel-Fahrern in den von Fahrverboten betroffenen Ballungsgebieten stößt das Angebot auf so gut wie keine Nachfrage.

Stuttgart - An mangelnden Informationen kann es nicht liegen: Für Dieselbesitzer, die von Fahrverboten betroffen sein könnten, listet das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) im Netz sieben Hardwarenachrüstsets auf. Das KBA hat die Sets für SCR-Katalysatoren geprüft und von Sommer 2019 bis zum Januar sieben Freigaben erteilt. Daimler und Volkswagen, zwei deutsche Hersteller, die zusammen mehrere Millionen Diesel-Pkw der Schadstoffklassen Euro-4 und Euro-5 allein in Deutschland ausgeliefert haben, informieren zudem auf ihren Homepages ausführlich, welche Fahrzeuge infrage kommen.

3000 Euro Prämie für Nachrüstung

Auch an den Finanzen dürfte es nicht scheitern: VW und Daimler versprechen jedem Kunden, der in einer von Fahrverboten betroffenen Region wohnt oder arbeitet und sein Fahrzeug mit dem Nachrüstset zur Reduzierung des Stickoxidausstoßes ausrüstet, Förderprämien von 3000 Euro. Der Zuschuss dürfte in den meisten Fällen weitgehend kostendeckend sein.

Selbst über fehlende politische Unterstützung kann niemand klagen: Über Monate hatten Politiker und Umweltlobbyisten vehement für Hardwarenachrüstungen für Euro-5-Diesel geworben und die Autohersteller, die ihrerseits Bedenken hatten, heftig kritisiert.

Und dennoch fällt die Hardwarenachrüstung am Markt durch – bisher zumindest. Ein VW-Sprecher sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Es liegen uns keine Anträge von Kunden für die Bezuschussung einer Hardwarenachrüstung vor.“ Bei Daimler sieht es nur etwas besser aus. Ein Daimler-Sprecher erklärt: „Bisher haben rund 170 Kunden den Zuschuss über die Seite beantragt.“ Drei Anträge seien abgelehnt worden, weil sie offenkundig nicht den Anforderungen entsprachen; die anderen Antragsteller hätten das Geld bekommen.

Anfang 2019 waren nach Informationen des Branchenverbandes VDA 5,34 Millionen Euro-5-Diesel in Deutschland zugelassen. Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Besitzer genau für die Förderung durch die beiden Hersteller infrage kommen. Wahrscheinlich sind es Hunderttausende. Anspruch haben nicht nur die Halter von Fahrzeugen, die in Stuttgart, Köln, München und den anderen Städten mit schlechter Luft und drohenden Fahrverboten oder einem angrenzenden Kreis wohnen.

Wer seinen Job dort hat, wessen nahe Verwandte dort wohnen oder zur Schule gehen, hat auch Anspruch. Auch die Hersteller wurden überrascht. Daimler beispielsweise hatte intern mit 20 000 bis 40 000 Kunden gerechnet, die die Hardwarenachrüstung wollen.

Erst 650 Sets ausgeliefert

Womöglich droht den Herstellern der Nachrüstsets nun eine wirtschaftliche Pleite. Drei der sieben Systeme hat das kleine Bamberger Unternehmen Dr. Pley entwickelt. Martin Pley spricht von Entwicklungskosten von rund fünf Millionen Euro. Der Chef gibt sich aber immer noch optimistisch: „Insgesamt haben wir zusammen mit einem Partner 3500 Systeme produziert. Dr. Pley hat definitiv 650 Sets an die Werkstätten ausgeliefert.“

Er gehe davon aus, dass die Nachfrage noch anziehe: „Die Menschen sehen doch, dass trotz geringeren Verkehrs die Schadstoffwerte in den Ballungsgebieten problematisch bleiben und damit weiter Fahrverbote drohen.“

Erst im Februar hat das Bundesverkehrsministerium ein millionenschweres Förderprogramm aufgesetzt. Profitieren sollen Unternehmen, die weitere Nachrüstsets zur Stickoxidreduzierung entwickeln. Die enttäuschende Nachfrage nach bestehenden Systemen könnte für das Ministerium ein Grund sein, das Programm zu überdenken.

Bleibt die Frage: Warum fällt die Hardwarenachrüstung bei den Dieselfahrern bislang durch? VW und Daimler hatten frühzeitig abgelehnt, selbst Nachrüstsysteme zu entwickeln. Dann hatte es auch bei Zulieferern von technischer und wirtschaftlicher Seite Bedenken gegeben. So hatte das Unternehmen HJS, das in der Vergangenheit bereits Lösungen bei der Nachrüstung von Abgassystemen angeboten hatte und als Marktführer gilt, schon Anfang 2019 abgewunken.

Technische Bedenken

HJS-Chef Christoph Menne hatte im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt: „Damit sich der Entwicklungsaufwand lohnt, muss es auch einen Markt geben. Da haben wir im Bereich von Pkw erhebliche Fragezeichen und haben von daher Abstand genommen, uns hier weiter zu engagieren.“

Die Bundesregierung hatte zuvor mehrere Gutachter um ihre Einschätzung gebeten. Die Ergebnisse waren kontrovers. Kritiker bemängelten seinerzeit, dass technisch vernünftige Lösungen bis zu 5000 Euro kosteten und sich damit bei vielen der inzwischen nicht mehr neuen Fahrzeuge nicht mehr lohnten. Auch wurde vor höherem Spritverbrauch sowie Totalausfällen bei seltenen, aber vorkommenden hohen Temperaturen im Katalysator gewarnt.

Immerhin: Daimler und VW boten externen Entwicklern Unterstützung an. Sie holten alle Interessierten an einen Tisch und ermöglichten ihnen Zugang zu technisch relevanten Daten. Nach einigem Zögern und politischem Druck erklärten sich die beiden Hersteller dann auch bereit, die Nachrüstung finanziell zu bezuschussen. Während die Hersteller im Fall der von ihnen selbst koordinierten Anpassung der Software Verantwortung übernahmen, lehnen sie dies ausdrücklich für Nachrüstungen mit Hardware durch Dritte ab.