Von Martin Mezger

Tübingen - Dialekt kann tödlich sein, wenn man der Bibel Glauben schenkt. Das „Buch der Richter“ erzählt von 42 000 Ephraimiten, die ihr Leben lassen mussten, weil die mundartliche Aussprache des Wortes „Schibboleth“ sie als Angehörige des feindlichen Stammes entlarvte. Heute ist der Dialekt, so ihn die Zunge nicht im Zaum zu halten weiß, allenfalls für eine Karriere als Rundfunksprecher oder Schauspieler tödlich. Eher wird umgekehrt ein Sprachbefund daraus: In Zeiten gesteigerter Mobilität und massenmedialer Aussprachenormierung stirbt der Dialekt selbst aus. So zumindest eine weit verbreitete Meinung. Welcher der ­Dialektforscher Hubert Klausmann entschieden widerspricht.

Hinter dem Professor am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen stapeln sich in eindrucksvoller Fülle über 2000 Tonbandaufnahmen von Dialektsprechern aus den 50er-Jahren. Vor ihm liegt beim Blick aus dem Fenster der Tübinger Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“ die Schwäbische Alb; und beim Blick auf Schreibtisch und Bildschirm eine große Aufgabe: ein umfassender wissenschaftlicher Sprachatlas für den Norden Baden-Württembergs, der bis Anfang 2018 eine Lücke in der Dialektforschung schließen soll.

Klausmann, sein Mitarbeiter Rudolf Bühler und ihr Team arbeiten das historische Forschungsmaterial auf, haben aber in den vergangenen beiden Jahren in 51 Orten auch neue Dialektaufnahmen gemacht. Eine im Internet abrufbare Vorab-Version ist als „Sprechender Sprachatlas“ für die Schwaben-Landesausstellung im Stuttgarter Alten Schloss entstanden, konzentriert sich daher auf das Schwäbische. Die beiden anderen im Land vertretenen Dialekte - das Fränkische und das Alemannische - werden für die Endversion noch ergänzt. Auf den Karten kann man erkennen, wo beispielsweise Marmelade „Gsälz“ oder der Bürgermeister „Schultes“ heißt, per Mausklick lassen sich diese und andere Dialektworte im lokalen Originalklang anhören.

Und was hat es nun auf sich mit dem vermeintlich aussterbenden Dialekt? Klausmann: „Der Dialekt stirbt nicht, aber er verändert sich - wie Sprache überhaupt.“ Selbst in den großen Städten gebe es nach wie vor astreine Dialektsprecher, wobei die starke Bevölkerungszu- und -abwanderung in Ballungsgebieten natürlich die traditionelle Mundart schwäche. „Die stabilsten Dialektgegenden“, hat Klausmann herausgefunden, „sind Weinbaugebiete außerhalb der Ballungsräume.“ Dank des lukrativen Reben-Anbaus werde dort kaum Bauland ausgewiesen, folglich gebe es nur wenig Zuzug.

Dennoch hängt der Dialekt nicht am Bäuerlichen: „Viele glauben, er sei unweigerlich mit der Landwirtschaft verbunden und deshalb wie die Landwirtschaft selbst auf dem Rückzug. Aber das stimmt nicht“, sagt Klausmann. Als Alltagssprache beziehe sich der Dialekt auf jede Lebens- und Erwerbswelt. Auch ohne Landwirt zu sein hat man schließlich ein Knie (oder eben „Knui“), greift nach der Türklinke (oder „Schnäpper“) und wird manchmal vom Schluckauf (oder „Häcker“) geplagt.

Dass sich der Dialekt verändert und trotzdem ­Dialekt bleibt, ist für Klausmann und seine Mitstreiter ein Zeichen der Lebendigkeit: „Ältere Formen, Ausdrücke und Lautungen, die zu weit entfernt sind von der jeweiligen Umgangssprache, werden durch gängigere dialektale Wendungen ersetzt.“ Sagte man beispielsweise früher im Stuttgarter Umland „i hau“ (für „ich habe“), wurde dieses herbe Idiom durch das stadtschwäbisch gemäßigte „i han“ verdrängt. Ebenso das lokal verbreitete „broat“ (für breit) durch „broit“. Solche Milderungen und Angleichungen, so Klausmann, führten zu einer allgemein akzeptierten „regionalen Verkehrssprache“. Und diese, ergänzt Bühler, ist auch zur phonetischen Eingemeindung von Fremdworten bis hin zu jüngsten Anglizismen in der Lage: „Wir sprechen vom ,Memory Schdigg‘ und nicht vom Stick.“ Auch vom „Eventle“ hat man schon gehört - nicht anders als im älteren, französisch inspirierten Schwäbisch etwa vom „Schesslo“ (Chaiselongue).

Doch bei aller Offenheit ist ein Dialekt ein geschlossenes lautgesetzliches System, und das ist Bühler zufolge „im Unterschied zum künstlich normierten und dann wieder regional eingefärbten Standarddeutsch organisch gewachsen“. Nämlich aus dem Mittelhochdeutschen - was „rei’gschmeckte“ Dialektsprecher manchmal in Verlegenheit bringt: Wer aus Worten wie „hoiß“ (für heiß) folgert, im Schwäbischen müsse es auch „Zoit“ (für Zeit) heißen, liegt falsch, weil im Falle des Zeit-Worts eben kein mittelhochdeutsches ei umgelautet wurde, sondern ein langes i.

Der Dialekt und seine kleinen Unterschiede spiegeln historische Verkehrs-, Wirtschafts- und Siedlungszusammenhänge. „Solange das Dorf ein geschlossener Kommunikationsraum blieb, gab es natürlich keine Veränderungen“, sagt Bühler. Doch mit den unterschiedlichen Formen des Austauschs kommt es zu den Angleichungen in der Aussprache oder im Vokabular. Und dieser Prozess geht weiter, wie die regionale Geschichte selbst. Der Dialekt und seine Untergruppen sind nichts Statisches, ein für allemal Konserviertes. So hat das Tübinger Team herausgefunden, dass das Schwäbische im südlichen Landesteil gegenüber dem Alemannischen an Boden gewinnt. Grund ist die Mobilität innerhalb des Landes, aber auch „das überregionale Prestige, das ein Dialekt genießt“, erklärt Klausmann. „Und Prestige hat immer etwas mit wirtschaftlichem Erfolg zu tun.“ Für diesen steht offenkundig das Schwäbische.

Generell entspricht das Ansehen, das ein Dialekt genießt, dem positiv oder negativ gefärbten Bild der Region, in der er gesprochen wird. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Prosperität im engeren Sinn, sondern auch um Freizeitwerte, um allseits geschätzte Kulturräume, um touristische Attraktivität bis hin zum Klischee der heilen - also irgendwie naturnahen - Welt. „Das Allgäu zum Beispiel wird in der Marketinglandschaft immer größer. Die Tourismuswerbung rechnet inzwischen Orte dazu, die man früher nie zum Allgäu gezählt hätte“, sagt Klausmann. Vergleichbares gilt vom Dialekt: Die im melodiösen Kaffeehauston wienernde Dame oder der bayerisch grantelnde CSU-Politiker haben auch außerhalb der jeweiligen Dialekträume einen guten Ton. Ein Sachse hätte es da schon schwerer - nicht wegen des Dialekts selbst, sondern wegen der Assoziationen, die er weckt.

Mit dem Prestige eines Dialekts hängt die große Frage nach der Diskriminierung von Dialektsprechern eng zusammen. Sie ist laut Klausmann schwer zu beantworten, denn „alle wissenschaftlichen Studien zum Ansehen und zur Wirkung eines Dialekts sind ungenau.“ Von einer pauschalen Diskriminierung möchte er nicht reden, entscheidend könne aber sein, wie der Sprecher zwischen verschiedenen „Sprachstufen“ umschalten könne: „Jeder spricht in der Familie oder mit Freunden anders als mit dem Vorgesetzten, bei Behörden oder gar bei öffentlichen Auftritten. Je flüssiger dieses Umschalten gelingt, umso leichter entgeht der Sprecher der Gefahr, lächerlich oder provinziell zu wirken.“ Wenn aber der Dialekt nur noch in sprachliche Naturschutzgebiete oder in kulturelle Humorzonen abgedrängt wird, wenn in Film, Theater oder Kabarett „der Dialektsprecher immer der Depp ist“, wie Klausmann sagt, dann ist das Ergebnis tatsächlich diskriminierend - und ein Begräbnis letzter Klasse für die Mundart. Tröstlich für uns Schwaben: Der Forscher konstatiert solche Entwicklungen zwar in Norddeutschland, aber nicht im Süden der Republik. Umgekehrt steht er einer gezielten ­Dialektförderung, wie sie in der Schweiz eifrig betrieben wird, bei all ihren Vorzügen kritisch gegenüber: „Sprache lässt sich nicht politisch verordnen.“