Gonzalo Castro und Daniel Didavi kümmern sich beim VfB um die Ecken – zuletzt bedienten sie Marc Oliver Kempf. Foto: Baumann - Baumann

Vier der sieben Treffer des VfB in dieser Spielzeit resultierten aus Standardsituationen. Das Kuriose daran: Tim Walter, der Coach des Fußball-Zweitligisten, legt im Training gar kein besonderes Augenmerk darauf.

StuttgartSpielerisch läuft noch nicht alles wie gewünscht beim VfB Stuttgart. Doch ergebnistechnisch hat der Fußball-Zweitligist das bis jetzt ganz gut kaschieren können – vor allem auch mit Toren bei Standardsituationen. Nach vier Pflichtspielen (mit drei knappen Siegen und einem Unentschieden) stehen ein Freistoßtor sowie drei Treffer nach Ecken zu Buche. Eine starke Quote. „Es ist immer wieder gut, wenn man da Tore erzielen kann“, sagt der VfB-Kapitän Marc Oliver Kempf, der am Samstag beim 2:1-Heimsieg gegen den FC St. Pauli einen Eckball von Gonzalo Castro zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich einschoss.

Wer nun vermutet, dass da viel spezifische Arbeit im Training dahintersteckt, liegt indes falsch. „Wir haben noch keine Trainingseinheit gehabt, in der wir Standards geübt haben“, verrät Castro und fügt hinzu: „Wir haben ja auch noch fast keine Ecke so richtig reingeschlagen, sondern stattdessen kurz gespielt, schnell reagiert.“ Der Trainer Tim Walter wünscht das so und gewährt den Spieler dabei viele Freiheiten. „Es ist alles intuitiv“, erklärt Castro. „Das haben wir uns vor der Saison auch nicht erträumt, dass wir da so viele Tore schießen, umso schöner ist es.“

20 Ecken, drei Tore

Vier der sieben Treffer in dieser Spielzeit resultierten aus Standardsituationen. Zum Saisonauftakt gegen Hannover 96 (2:1) traf Daniel Didavi per Freistoß. Beim 1. FC Heidenheim (2:2) köpfte Hamadi Al Ghaddioui nach einer klassisch hereingeschlagenen Ecke von Daniel Didavi ein. Im DFB-Pokal bei Hansa Rostock (1:0) nickte abermals Al Ghaddioui nach einer schnell und kurz ausgeführten Ecke von Castro zu Didavi samt anschließender Flanke ein. Und am Samstag schlug dann eben Kempf nach einer flachen Hereingabe von Castro zu.

Erstaunlich ist die VfB-Quote in dieser Saison mit drei Toren bei 20 Ecken (15 Prozent), wenn man diesen Wert mit dem Datenmaterial der groß angelegten Studie eines russischen Fußballfans aus dem Jahr 2017 vergleicht. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass nur 1,27 Prozent aller Ecken zu Treffern führen. Er hatte dazu vor allem mehrere Spielzeiten der großen europäischen Ligen, der Champions League und die Partien der Weltmeisterschaft 2014 sowie der Europameisterschaften 2012 und 2016 ausgewertet. Insgesamt waren das 11 234 Spiele mit 115 199 Ecken und 1459 Eckballtoren.

Ein Resultat lautete auch: 57,3 Prozent der Eckbälle führten zu einem Ballverlust (und im schlimmsten Fall zu einem gegnerischen Konter). Auch um das zu vermeiden, ist der VfB-Trainer Walter ein Freund davon, die Eckbälle nicht in den Strafraum zu schlagen, sondern kurz auszuführen und dann spielerische Lösungen zu suchen. So, wie das sein berühmter Kollege Pep Guardiola in seiner großen Zeit beim FC Barcelona kultivierte. Der Gedanke dahinter ist simpel: Bei kurz ausgeführten Ecken in die Wahrscheinlichkeit höher, in Ballbesitz zu bleiben.

Didavi und Castro entscheiden

Didavi und Castro sind beim VfB für die ruhenden Bälle zuständig. Sie entscheiden je nach Situation, wie sie verfahren. Nur in Ausnahmefällen – beispielsweise, wenn im Strafraum Gleichzahl zwischen Angreifern und Verteidigern herrscht – sind bei Ecken direkte Flankenbälle angedacht. Gewisse Absprachen zwischen den Schützen und den Abnehmern gibt es freilich schon: Die Variante gegen den FC St. Pauli ist beispielsweise Teil dieses Repertoires der Spieler. „Die Jungs machen das gut. Wir schauen uns an, wie der Gegner formiert ist, und dementsprechend versuchen die Jungs, sich da auch selber vorzubereiten“, sagt Walter.

Der VfB-Coach konzentriert sich in den Trainingseinheiten lieber auf andere Dinge. Sein Mantra ist es, jeden einzelnen Spieler besser zu machen und so letztlich die ganze Mannschaft voranzubringen. „Alles, was ich im Training gegen den Ball mache oder in Gegnervorbereitung und Standardsituationen stecke, geht mir von meiner Zeit ab, in der die Jungs Ballkontakte haben können, um sich technisch und individualtaktisch zu verbessern“, erklärt Walter. „Je mehr Zeit ich aufwende für Standardsituationen, umso weniger Zeit habe ich für andere Situationen. Und darum mache ich es nicht.“

Und bis jetzt geht diese Strategie ja voll auf.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: